Würgt der neue Konflikt Äthiopiens Wirtschaftswachstum ab?
Äthiopiens Wirtschaft wächst kräftig. Für das Finanzjahr 2025/26 erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) ein reales Wachstum von 9,2 Prozent. Doch neue Kämpfe im Norden, hohe Wiederaufbaukosten und klimabedingte Ernteprobleme gefährden die wirtschaftliche Erholung.
Der in London ansässige Finanzanalyst Abdulmenan Mohammed warnt vor den Folgen einer erneuten Eskalation. "Kommt es zu einem größeren Konflikt, wird das derzeitige Wirtschaftswachstum höchstwahrscheinlich nicht nachhaltig sein", sagt er im Gespräch mit der DW. Die wirtschaftlichen Auswirkungen hingen vor allem vom Ausmaß und der Dauer der Kämpfe ab.

Teure Altlasten des Tigray-Krieges
Bereits der Krieg, der zwischen 2020 und 2022 in Tigray und anderen Regionen Äthiopiens tobte, hinterließ massive Schäden. Infrastruktur wurde zerstört, Unternehmen verloren Produktionsmöglichkeiten und landwirtschaftliche Flächen konnten teilweise nicht mehr bestellt werden.
Eine von der Weltbank dokumentierte Schadens- und Bedarfsanalyse beziffert die Schäden mehrerer Konflikte in Äthiopien zwischen November 2020 und Dezember 2021 auf mehr als 22,6 Milliarden US-Dollar. Die wirtschaftlichen Verluste beliefen sich auf rund sechs Milliarden Dollar. Der geschätzte Bedarf für Wiederaufbau und wirtschaftliche Erholung liegt bei etwa 19,7 Milliarden Dollar. Diese Summe beschreibt den gesamten Finanzierungsbedarf, nicht jährliche Kosten oder Schäden durch die aktuelle Eskalation.
Ein Wiederaufbauplan sah den Zeitraum von 2023 bis 2028 vor. Ob die Arbeiten bis dahin vollständig finanziert und abgeschlossen werden können, ist jedoch ungewiss.
Finanzanalyst Abdulmenan Mohammed bewertet die wirtschaftlichen Folgen des Tigray-Krieges noch gravierender. Neben den direkten Zerstörungen verweist er auf entgangene Wirtschaftsleistung, hohe Inflation und den damaligen Devisenmangel. Auch die internationalen Handelsbedingungen verschlechterten sich: 2022 verlor Äthiopien die Vergünstigungen des US-amerikanischen African Growth and Opportunity Act (AGOA), der bestimmten afrikanischen Exporten einen zollfreien Zugang zum US-Markt ermöglichte.
Wachstum trotz Krise
Nach dem Friedensabkommen von Pretoria im November 2022 erholte sich die Wirtschaft.Laut IWF wuchs sie 2022/23 um 7,2 Prozent und 2023/24 um 8,1 Prozent. Für 2024/25 beziffert der Fonds das Wachstum auf 9,2 Prozent. Auch für 2025/26 erwartet er ein Plus von 9,2 Prozent. Zu den wichtigsten Wachstumstreibern zählen die Landwirtschaft, der Bergbau und die Stromproduktion.
Das steht nicht im Widerspruch zu den Kriegsschäden. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) misst die gesamte Wirtschaftsleistung eines Landes. Wachsen wichtige Wirtschaftszweige außerhalb der Konfliktgebiete, kann die Gesamtwirtschaft zulegen, während einzelne Regionen weiterhin unter den Folgen der Gewalt leiden.
Hohe Wachstumsraten bedeuten allerdings nicht, dass die wirtschaftlichen Probleme gelöst sind. Der Wiederaufbau bleibt eine gewaltige Aufgabe, die Inflation belastet viele Haushalte und der Staat muss seine Schulden bedienen. Ende 2023 geriet Äthiopien nach einer versäumten Zinszahlung auf einen Eurobonds in Zahlungsverzug. Die seit 2024 von einem IWF-Programm unterstützten Reformen sollen strukturelle Schwächen der Wirtschaft angehen.
Mehr Militärausgaben, weniger Geld für Entwicklung
Eine erneute Eskalation könnte die Staatsfinanzen zusätzlich unter Druck setzen. Die Regierung müsste mehr Geld für militärisches Personal, Ausrüstung und Logistik aufbringen. Gleichzeitig könnten die wirtschaftliche Aktivität und damit die Steuereinnahmen in den betroffenen Regionen zurückgehen.
"Ein erheblicher Teil der staatlichen Mittel würde für Militärausgaben gebunden, die ansonsten für Infrastruktur, Bildung und soziale Dienstleistungen zur Verfügung stünden", warnt Abdulmenan Mohammed. Wie stark dieser Effekt ausfiele, hänge vom Umfang und der Dauer eines neuen Konflikts ab.

Ein längerer Krieg könnte zudem Unternehmen dazu bewegen, Investitionen aufzuschieben. Internationale Geldgeber könnten vorsichtiger werden, während der Staat zusätzliche Mittel für Sicherheit und humanitäre Hilfe benötigt. Damit droht weniger Geld für Straßen, Energieversorgung und andere Entwicklungsprojekte zur Verfügung zu stehen.
Inflation und Devisenmangel
Für 2025/26 prognostiziert der IWF eine durchschnittliche Inflationsrate von 11,7 Prozent. Die Preise steigen damit weiter, auch wenn die Teuerung geringer ausfällt als in den Vorjahren.
Abdulmenan Mohammed erwartet, dass eine weitere Eskalation den Preisdruck verstärken könnte. "Wenn der Konflikt weiter eskaliert, wird die Inflation wahrscheinlich steigen", sagt er. Zur Finanzierung zusätzlicher Ausgaben könnte die Regierung mehr Kredite im Inland aufnehmen. Das wiederum könnte private Unternehmen bei der Kreditaufnahme verdrängen und ihre Investitionen bremsen.
Hinzu kommt der Devisenbedarf für militärische Ausrüstung aus dem Ausland. Steigt dieser, könnten privaten Unternehmen weniger Fremdwährungen für Importe zur Verfügung stehen. Das würde den Wechselkurs des Birr zusätzlich unter Druck setzen und importierte Waren, Treibstoff sowie industrielle Vorprodukte verteuern.
Wie stark diese Effekte für das BRICS-Mitglied ausfallen, hängt auch von den Exporterlösen, der Geldpolitik und den internationalen Märkten ab. Eine neue Inflationswelle ist deshalb ein Risiko, aber keine zwangsläufige Folge der Eskalation. Besonders problematisch wäre eine Kombination aus steigenden Preisen und unsicheren Einkommen für ärmere Haushalte.

Landwirtschaft und Tourismus besonders gefährdet
Abdulmenan Mohammed sieht vor allem die Landwirtschaft sowie den Tourismus- und Hotelsektor gefährdet. "Die Landwirtschaft ist besonders verwundbar, weil ein großer Teil der Kämpfe in ländlichen Gebieten stattfindet, in denen die Bauern arbeiten", sagt er.
Unsichere Anbauflächen, unterbrochene Verkehrswege und fehlende Betriebsmittel können die landwirtschaftliche Produktion beeinträchtigen. Gleichzeitig leiden Teile des Landes unter unzureichenden Niederschlägen und schlechten Ernteaussichten. Fallen Ernten aus, sinken die Einkommen der Bauern. Ein geringeres Nahrungsmittelangebot kann zudem die Preise weiter in die Höhe treiben.
Auch der Tourismus reagiert empfindlich auf Sicherheitsrisiken. Reisewarnungen und Berichte über Kämpfe können Besucher abschrecken und die Einnahmen von Hotels und Reiseveranstaltern schmälern.

Profitieren Nachbarländer von der Krise?
Internationale Investoren berücksichtigen neben der Marktgröße auch politische Stabilität, Sicherheit und die Verlässlichkeit staatlicher Institutionen. Eine weitere Eskalation könnte deshalb Investitionsentscheidungen verzögern oder Unternehmen dazu bewegen, alternative Standorte zu prüfen.
Konkrete Belege dafür, dass Unternehmen wegen der aktuellen Kämpfe bereits Investitionen aus Äthiopien abziehen und beispielsweise nach Kenia verlagern, gibt es bislang jedoch nicht. Auch Abdulmenan Mohammed sieht derzeit keinen nachweisbaren wirtschaftlichen Vorteil für das Nachbarland. Neben der Sicherheitslage seien Faktoren wie Steuerverwaltung, staatliche Dienstleistungen und Regierungsführung entscheidend.
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