Plötzlich radikal: Hat sich jemand aus deinem Umfeld verändert?

- Seit 2023 steigt in der Schweiz die Zahl der sich radikalisierenden Minderjährigen, wie das Fedpol festhält.
- Das Fedpol veröffentlichte deshalb im August eine neue Charta gegen Radikalisierung.
- Besonders heikel kann es werden, wenn man bemerkt, dass eine Person aus dem eigenen Umfeld sich plötzlich stark verändert. Soll man es ansprechen oder lieber doch nicht?
- Fachmann Roland Knöri nennt Warnzeichen wie Themenfixierung, Intoleranz und Beziehungsabbrüche. Zudem erklärt er, wann ein Kontaktabbruch sinnvoll sei.
- Wir suchen Leserinnen und Leser, die eine solche Veränderung im Freundeskreis oder in der Familie erlebt haben und ihre Erfahrungen für einen geplanten Artikel mit uns teilen möchten.
Vielleicht fällt es zuerst in einem Nebensatz auf. Ein Kollege teilt plötzlich Beiträge, die du früher nie von ihm erwartet hättest. Deine Kollegin spricht anders über Menschen, Politik oder die Gesellschaft. Oder ein Geschwisterteil wiederholt Aussagen, bei denen du nicht weisst: Soll ich widersprechen, nachfragen – oder das Thema lieber wechseln?
Politische Meinungen sind bekanntlich verschieden. Doch manchmal kann das Gefühl entstehen, ein geliebter Mensch hat sich so stark verändert, dass man ihn kaum wiedererkennt. Für einen geplanten Artikel suchen wir Menschen aus der Community, die genau eine solche Erfahrung im Freundeskreis oder in der Familie gemacht haben.
Radikalisierung und Extremismus als gesellschaftliches Problem
Die Person verbringt plötzlich viel Zeit in bestimmten Online-Foren, die Diskussionen am Familientisch oder im Freundeskreis werden immer härter und man kann sich über die einst gemeinsamen Werte nicht mehr verständigen. Was man am Anfang noch ignoriert hat, wird immer mehr zur Belastung.
Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) veröffentlichte Ende August 2026 eine neue Charta gegen Radikalisierung, da die Zahl der sich radikalisierenden Minderjährigen in der Schweiz seit 2023 steigt. Gleichzeitig werde der gewalttätige Extremismus vielfältiger. Es bezeichnet das Phänomen als ein umfassendes gesellschaftliches Problem.
Wann wird eine Meinungsverschiedenheit problematisch?
Doch ab wann geht eine Veränderung über eine gewöhnliche politische Meinungsverschiedenheit hinaus? Laut Roland Knöri, Leiter der Fachstelle Radikalisierung und Gewaltprävention Bern, ist eine radikale Überzeugung allein noch kein Grund zur Sorge. Gerade im Jugendalter könnten extreme Ansichten auch Teil der persönlichen Entwicklung sein.
Problematisch werde es, «wenn eine Person sich in einem Thema festbeisst, keine anderen Meinungen mehr akzeptiert und nur noch zwischen richtig und falsch unterscheidet», erklärt Knöri. Auch wenn gesetzliche oder grundlegende gesellschaftliche Grenzen überschritten würden, sei Vorsicht geboten. Ernst nehmen sollte man insbesondere grössere Veränderungen im Alltagsverhalten, «insbesondere wenn sie negative Auswirkungen haben, zum Beispiel Beziehungsabbrüche».
Woran merkst du bei einem nahen Menschen zuerst, dass eine Veränderung in eine gefährliche Richtung geht?
Gespräch suchen oder Abstand nehmen?
Wer solche Veränderungen bei einer nahestehenden Person beobachtet, sollte laut Knöri zunächst versuchen, das Gespräch zu suchen. Dabei gehe es nicht darum, das Gegenüber von der eigenen Meinung zu überzeugen. Vielmehr sollte man verstehen wollen, wie die betroffene Person zu ihren Ansichten gekommen ist und weshalb ihr diese so wichtig sind.
Dennoch müsse man nicht jede Aussage unkommentiert stehen lassen. «Wenn Aussagen gegen Gesetze oder gesellschaftliche Normen verstossen, sollte dies klar benannt und die Aussagen abgelehnt werden», erklärt Knöri. Gleichzeitig sei es wichtig, die positiven Seiten der Beziehung nicht aus den Augen zu verlieren und weiterhin gemeinsame Aktivitäten zu unternehmen, bei denen politische oder ideologische Differenzen keine Rolle spielen.
Doch wann ist es besser, auf Distanz zu gehen? Laut Knöri kann Abstand sinnvoll sein, wenn die Situation das eigene Wohlbefinden oder die Gesundheit beeinträchtigt. Auch bei wiederholten Grenzverletzungen oder Drohungen sei es wichtig, sich abzugrenzen. «Bei Fragen oder Unsicherheiten können immer Fachpersonen beigezogen werden», so der Leiter der Fachstelle Radikalisierung und Gewaltprävention Bern.
Hat sich ein Mensch in deinem Umfeld politisch oder ideologisch so verändert, dass du ihn kaum wiedererkennst? Woran hast du die Veränderung bemerkt? Wie bist du damit umgegangen: Hast du das Gespräch gesucht, Grenzen gesetzt oder den Kontakt reduziert?
Für einen geplanten Artikel suchen wir Menschen, die solche Erfahrungen gemacht haben und von ihren Erfahrungen erzählen. Melde dich im Formular unten!
Selina Keller (sek) arbeitet seit 2025 bei 20 Minuten und ist Redaktorin im Ressort Community
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