St. Gallens Stadtbach – Neuer Anlauf für die alte Idee einer offenen Steinach

Warum wird über die Steinach wieder diskutiert? Der Wunsch, die Steinach zurück ins Stadtbild von St. Gallen zu holen, ist nicht neu. Bereits in den 1990er-Jahren entstanden erste Überlegungen. Umgesetzt wurden sie nie. Nun liegt eine neue Machbarkeitsstudie des Vereins Grünes Gallustal vor. Sie zeigt auf, wie die Steinach auf einem rund 600 Meter langen Abschnitt wieder sichtbar werden könnte: von der Mühlenenschlucht entlang des Klosters bis zur Lämmlisbrunnenstrasse.
Wie soll die Steinach aussehen? Statt breiter Strassen sehen die Visualisierungen einen lang gezogenen Park vor. Bäume, Bänke, kleine Brücken und Aussensitzplätze würden den Raum prägen, dazwischen die Steinach. «Das gibt Aufenthaltsqualität, es kühlt, und man möchte gerne hier sein», sagt Jasmin Kaufmann, Projektverantwortliche, gegenüber SRF.
Die Steinach ist eng mit der Geschichte St. Gallens verbunden. Der Legende nach begegnete der irische Mönch Gallus an ihrem Ufer im Jahr 612 jenem Bären, der später zu einem Symbol der Stadt wurde. Dort sollen später die Klosterzelle und das Kloster St. Gallen entstanden sein.
Über Jahrhunderte lieferte die Steinach Trink- und Brauchwasser und prägte die Entwicklung der Stadt. Mit ihrer Verlegung in den Untergrund ab 1867 verschwand sie jedoch weitgehend aus dem Stadtbild.
Heute ist der Bach im Zentrum nur noch an wenigen Stellen sichtbar.
Warum verschwand die Steinach? Mit dem Wachstum der Stadt und der Industrialisierung wurde die Steinach zunehmend als Abwasserkanal genutzt. Schlechte Gerüche und hygienische Probleme belasteten die Bevölkerung. Ab dem 17. Jahrhundert verkam der Stadtbach zur «stinkenden Kloake», so Reto von Aesch vom Verein Grünes Gallustal. Ab 1867 begann die Stadt deshalb, die Steinach abschnittsweise unter den Boden zu verlegen. Was heute als Verlust eines wichtigen Gewässers gilt, wurde damals als Fortschritt betrachtet. Für Reto von Aesch ging damit mehr verloren als nur ein offenes Gewässer. Die Steinach habe auch einen Teil ihrer historischen und symbolischen Bedeutung eingebüsst.
Als die Steinach noch offen floss
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Bild 1 von 7. 1880: an der Lämmlisbrunnenstrasse unter dem Spisertor. Bildquelle: Stadtarchiv Ortsbürgergemeine St.Gallen.
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Bild 2 von 7. 1880: an der Lämmlisbrunnenstrasse mit Blick Richtung Spisertor. Bildquelle: Stadtarchiv Ortsbürgergemeine St.Gallen.
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Bild 3 von 7. 1894: an der Lämmlisbrunnenstrasse mit Blick Richtung Spisertor. Bildquelle: Stadtarchiv Ortsbürgergemeine St.Gallen.
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Bild 4 von 7. 1888: An der Rorschacherstrasse tritt die Steinach über die Ufer. Bildquelle: Stadtarchiv Ortsbürgergemeine St.Gallen.
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Bild 5 von 7. 1893: An der Rorschacherstrasse wird der St. Galler Stadtbach überdeckt. Bildquelle: Stadtarchiv Ortsbürgergemeine St.Gallen.
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Bild 6 von 7. 1902: die Steinach beim Müllertor. Bildquelle: Stadtarchiv Ortsbürgergemeine St.Gallen.
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Bild 7 von 7. 1903: Unterhalb des Müllertors wird der Stadtbach überdeckt. Bildquelle: Stadtarchiv Ortsbürgergemeine St.Gallen.
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Warum gerade jetzt? Die Befürworterinnen und Befürworter sehen für die Rückkehr der Steinach an die Oberfläche derzeit ein günstiges Zeitfenster: Entlang des möglichen Bachverlaufs sollen in den kommenden Jahren Leitungen für die Fernwärme verlegt werden. Weil die Strassen dafür ohnehin geöffnet werden müssen, könnten die Arbeiten mit einer Offenlegung der Steinach gleich kombiniert werden.
Was mit der Steinach geschah, passierte im 19. und 20. Jahrhundert in vielen Städten Europas: Bäche wurden überdeckt, kanalisiert oder unter die Erde verlegt. Sie galten als Hindernisse für den Verkehr oder als offene Abwasserkanäle.
Heute zeigt sich vielerorts ein Gegentrend. Unter dem Begriff «Daylighting» werden eingedolte Gewässer wieder an die Oberfläche geholt. Die Ziele: mehr Hochwasserschutz, mehr Biodiversität und attraktivere öffentliche Räume.
Als bekanntestes Beispiel gilt der Cheonggyecheon in Seoul. Dort wich Anfang der 2000er-Jahre eine Stadtautobahn einem offenen Bachlauf. Auch Zürich hat seit den 1980er-Jahren zahlreiche Bachabschnitte wieder freigelegt.
Mit der aktuellen Studie reiht sich auch St. Gallen in diesen Trend ein: Verborgene Gewässer sollen wieder Teil des Stadtbilds werden.
Wie viel würde eine Offenlegung kosten? Die Studie rechnet mit Kosten von über sieben Millionen Franken. Dem gegenüber stehen laut den Verfasserinnen und Verfassern ein besserer Hochwasserschutz, mehr Biodiversität, kühlere Stadträume und eine höhere Aufenthaltsqualität. Umweltingenieur Georg Fässler, der für die Studie den Bereich Wasserbau untersucht hat, ist überzeugt: Die möglichen Einsparungen bei Hochwasserschäden übersteigen die Kosten der Massnahmen. Die Offenlegung der Steinach sei deshalb «kostenwirksam».
Wie geht es weiter? Die Machbarkeitsstudie wurde nun der St. Galler Stadtregierung übergeben. Sie muss entscheiden, ob die Idee weiterverfolgt werden soll. Noch ist offen, ob die Steinach tatsächlich ans Tageslicht zurückkehrt. Nach Jahrzehnten der Diskussion liegt jedoch erstmals wieder eine konkrete Grundlage auf dem Tisch. Und damit lebt eine alte Idee neu auf.
Regionaljournal Ostschweiz, 26.10.2026, 17:30 Uhr ; kelk;swak;wilh
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