Milliardenmarkt Gaming: EU-Machtkampf um Verbot von Lootboxen und Dark Patterns
Der sich noch in der Erarbeitung befindliche Digital-Fairness-Act der EU könnte bald manipulative Praktiken in Games eindämmen. Dagegen mobilisiert allerdings die Gamingbranche. Recherchen von Follow the Money zeigen, dass die Bemühungen der Lobbyisten Früchte tragen. Aus Kommissionsunterlagen und Regierungsdokumenten geht demnach hervor, dass sich innerhalb der EU-Kommission ein Machtkampf abzeichnet.
Das für Verbraucherschutz zuständige Ressort unter Kommissar Michael McGrath drängt auf verbindliche Regeln. Die Generaldirektion Kommunikationsnetze, Inhalte und Technologien hält laut dem Bericht dagegen. Vertreter dieser Abteilung plädierten in vertraulichen Gesprächen dafür, den wachsenden Tech-Sektor zu fördern und eher auf verstärkte Co-Regulierung mit der Industrie zu setzen. Welche Linie sich durchsetze, sei noch offen.
Verführerische Extras
Ein Beitrag in Genshin Impact verdeutlicht das Dilemma vieler Gamer: Das Online-Spiel bietet faszinierende Welten, verleitet aber kontinuierlich zum Ausgeben realer Münzen. Gerade für viele junge Spieler führt der Weg zu neuen Inhalten über In-Game-Währungen und Lootboxen. Diese harmlos wirkenden virtuellen Überraschungskisten können zu einer finanziellen Falle werden: Medienpädagogen berichten von Jugendlichen, die Tausende Euro für virtuelle Güter ausgeben.
Verbraucherschützer und Experten warnen seit Jahren vor diesen Mechanismen, die stark an klassisches Glücksspiel erinnern und manipulative Designmuster (Dark Patterns) nutzen. Der entsprechende Markt hat die Film- und Musikindustrie längst überholt. Dennoch blieb die Branche von einer strengen Regulierung, wie sie etwa Betreiber sozialer Netzwerke durch den Digital Services Act (DSA) trifft, weitgehend verschont.
Der Bundesrat und das EU-Parlament aber verlangen ein Verbot von glücksspielähnlichen Elementen in Spielen, die für Minderjährige zugänglich sind. Bisherige Versuche zum Durchsetzen bestehender Verbraucherschutzregeln brachten kaum Ergebnisse: Trotz zahlreicher Beschwerden kam es bisher zu keinen nennenswerten Geldbußen.
Lobbydruck und Konflikte in der Kommission
Gegen die geplanten Regeln regt sich heftiger Widerstand in der Gaming-Industrie. Große Publisher wie Microsoft, Electronic Arts und Supercell befürchten erhebliche Verluste für ihre Geschäftsmodelle. Branchenvertreter führen ins Feld, dass strenge Auflagen die Innovation hemmten und einer der wenigen erfolgreichen europäischen Tech-Sektoren geschädigt werde. Electronic Arts warnte in Gesprächen mit der Kommission davor, dass ein Aus für Lootboxen eine komplette Überarbeitung populärer Titel wie EA Sports FC erfordere. Statt staatlicher Vorgaben setzt die Industrie auf Selbstregulierung, etwa über das PEGI-Jugendschutzsystem, sowie auf die Eigenverantwortung der Eltern.
Nach Schätzungen von Boston Consulting erwirtschaftet die Gaming-Industrie in diesem Jahr weltweit mehr als 280 Milliarden US-Dollar. Ein erheblicher Teil dieses Umsatzes stammt aus Mikrotransaktionen und Gratis-Angeboten, die sich über Käufe im Spiel finanzieren. Allein in Europa setzten Anbieter mit In-Game-Deals zuletzt schätzungsweise 20 bis 40 Milliarden Euro um.
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