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Friday, October 30, 2026

Guinea-Bissau: Internationale Menschenhändler machen sich einen schwachen Staat zunutze

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Sadio Konimba aus Mali hatte auf eine bessere Zukunft gehofft. Die 26-Jährige verlor ihren Mann und stand mit ihrem Kind allein in Bamako. Als eine Bekannte ihr von der Möglichkeit erzählte, über Guinea-Bissau nach Europa zu gelangen, entschloss sie sich zur Reise. Ihre sechsjährige Tochter ließ sie vorerst bei der Familie zurück.

Sadio berichtet, sie sei nach Bissau eingeladen worden, weil es dort Arbeit gebe, und angeblich bessere Chancen, später nach Europa weiterzureisen. Für die Reise seien ihr Kosten von 100.000 bis 125.000 CFA-Francs (152 bis 190 Euro) genannt worden, die sie auch bezahlte. Sie habe zunächst nur vorübergehend bleiben wollen. Als sie nach Mali zurückkehren wollte, habe man ihr das Geld jedoch nicht zurückgegeben.

"Ich musste einen hohen Geldbetrag an die Organisation zahlen", erzählt Sadio der DW. Doch statt der versprochenen Perspektive sei sie mit einer ganz anderen Realität konfrontiert worden. Männer, die nach ihrer Darstellung aus dem Senegal stammten, hätten ihr angeboten, das eingezahlte Geld zurückzuzahlen, wenn sie für sie "arbeiten" würde. Als sie erkannte, worum es dabei ging, habe sie sich geweigert und ihr Geld zurückverlangt. Bis heute habe sie nichts zurückbekommen.

Auch Jane, eine 21-jährige Frau aus Sierra Leone, berichtet von schweren Übergriffen. Mehrfach hätten Männer versucht, sie zu vergewaltigen. Zeitweise hätten sie sie zur Prostitution zwingen wollen, schilderte sie der Nachrichtenagentur AFP.

Die Frauen gehören zu den Opfern eines mutmaßlichen Menschenhändlerrings, den die Polizei in Guinea-Bissau zerschlagen hat. Der notorisch schwache und von politischem Chaos geprägte Staat in Westafrika wird immer wieder auch von Drogenhändlern als Drehscheibe genutzt.

Falsche Versprechen, erzwungener Betrug

Die Polizeioperation mit dem Codenamen "ASTRA" fand am 21. Oktober in Bissau statt. In einer schriftlichen Mitteilung an die DW erklärte die Kriminalpolizei, dass mehr als fünf Verdächtige festgenommen worden seien. Vorausgegangen seien Anzeigen von Betroffenen, die von Entführungen und Betrug berichtet hätten.

Nach Angaben der Polizei nutzte das Netzwerk eine Scheinfirma, um Menschen mit Versprechen auf Arbeitsplätze und Unterstützung bei der Auswanderung nach Europa anzulocken. Rund 70 Menschen sollen auf diese Weise zu Opfern geworden sein. Die meisten stammen aus dem Ausland, darunter Guinea, Mali, Côte d'Ivoire und Senegal. Die mutmaßlichen Täter sollen von den Betroffenen jeweils zwischen 400.000 und 700.000 CFA-Francs verlangt haben – umgerechnet zwischen 610 und 1.067 Euro.

Nach bisherigen Erkenntnissen wurden die Betroffenen in Bissau gegen ihren Willen festgehalten, unter Druck gesetzt und zur Beteiligung an betrügerischen Pyramidensystemen gezwungen. Über soziale Medien sollten sie weitere Menschen anwerben. Um ihre Geschäfte seriös erscheinen zu lassen, sollen die Verantwortlichen falsche Kontaktdaten angeblicher Büros in Kanada, den USA und Portugal verwendet haben. Informationen von Interpol trugen nach Angaben der Ermittler zur Aufdeckung des Netzwerks bei.

Issa, ein 23-Jähriger aus Guinea, berichtet, einem Schleuser zehn Millionen guineische Francs (umgerechnet etwa 1.000 Euro) gezahlt zu haben. Als er sich weigerte, weitere Menschen anzuwerben, sei ihm mit dem Tod gedroht worden.

Verbrechen, die sich in Guinea-Bissau häufen

Für Bubacar Turé, den Vorsitzenden der Menschenrechtsliga Guinea-Bissaus, ist der Fall ein alarmierendes Zeichen. "Als Menschenrechtsorganisation sind wir äußerst besorgt über dieses Phänomen, das inzwischen äußerst beunruhigende Ausmaße annimmt", sagt er. Bereits im Mai hätten die Behörden bei einer ähnlichen Operation 60 ausländische Staatsangehörige gerettet.

Turé sieht einen Zusammenhang mit den institutionellen Schwächen und der politischen Instabilität des Landes. Kriminelle Netzwerke nutzten diese Bedingungen aus, um ihre Aktivitäten fortzusetzen. Besonders Frauen seien von den Menschenrechtsverletzungen betroffen.

Befreit – aber wie kommen sie nach Hause?

Fast eine Woche nach ihrer Befreiung stehen die Menschen vor einem neuen Problem: Sie wissen vielfach nicht, wie sie in ihre Heimat zurückkehren sollen. Für die Heimreise nach Mali, Sierra Leone oder in andere westafrikanische Länder fehlt ihnen das Geld.

Sadio Konimba ist vorläufig bei einer Bekannten in Bissau untergekommen. Sie will nicht darüber sprechen, was sie in der Gewalt der Menschenhändler erleben musste. Die Polizei bestätigt, dass Frauen in solchen Fällen häufig zur Prostitution gezwungen werden. Konimba berichtet, sie habe in den vergangenen Tagen bei Bekannten Geld geliehen. Insgesamt sind 75.000 CFA-Francs zusammengekommen – rund 114 Euro. Doch selbst dieser Betrag reicht nicht für die Heimreise nach Bamako.

Auch die zuständige Migrations- und Grenzbehörde Guinea-Bissaus, die Direção-Geral de Migração e Fronteiras (DGMF), verfügt nach vorliegenden Informationen nicht über die nötigen Mittel, um die Heimreisen zu finanzieren. Zwar wurden Kontakte zu den diplomatischen Vertretungen der betroffenen Länder aufgenommen. Doch die Bemühungen kommen offenbar nur langsam voran; konkrete Schritte zur Organisation der Rückkehr sind bislang nicht bekannt.

Auch die Situation der Festgenommenen ist unklar. Nach Informationen, die der DW von Informanten vertraulich mitgeteilt wurden, soll es sich bei den Verdächtigen um senegalesische Staatsangehörige handeln. Einige von ihnen sollen bereits wieder freigelassen worden sein. Eine offizielle Bestätigung dieser Angaben liegt nicht vor.

Guinea-Bissau | Markt in Bissau | Lebensmittel
In Guinea-Bissau fehlt es an psychologischer Betreuung und finanziellen Mitteln für die vorübergehende Unterbringung gestrandeter Migranten, beklagen Menschenrechtler.Bild: Iancuba Dansó/DW

Hilfe dringend benötigt

Bubacar Turé kritisiert die fehlenden Schutzmöglichkeiten für die Betroffenen. "Es gibt keine öffentlichen Aufnahmezentren für solche Fälle", sagt er. Private Einrichtungen hätten nur begrenzte Kapazitäten; es fehle zudem an psychologischer Betreuung und Geld für eine vorübergehende Unterbringung.

Der Menschenrechtsverteidiger würdigt die Arbeit der Kriminalpolizei, die trotz knapper Mittel gegen die Netzwerke vorgegangen sei. Zugleich fordert er Unterstützung: "Wir richten einen eindringlichen Appell an die Regierung und an die internationalen Partner, die Judikative Polizei und die übrigen Institutionen würdig zu unterstützen."

Für Sadio Konimba zählt jetzt vor allem eines: die Rückkehr nach Bamako. "Jetzt will ich auf jeden Fall zurück zu meiner Mutter und meiner Tochter", sagt sie. Ihre sechsjährige Tochter wartet in Mali auf sie. "Jeden Tag fragt sie mich: 'Mama, kommst du?' Ich sage: 'Ich werde kommen, ich werde kommen, warte noch ein bisschen.'" Doch Sadio fehlen die Mittel für die Reise. Sie ist frei, aber der Kampf um ein Leben in Würde hat für Sadio Konimba gerade erst begonnen.

Gestrandet in Spaniens Nordafrika-Exklave Ceuta

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