Leo XIV. mahnt Europa: "Zu Wurzeln der Werte zurückfinden"
Papst Leo XIV. beendet seine Frankreichreise in Metz. Dort hielt er eine Europa-Rede, zu der auch die europäischen Staats- und Regierungschefs eingeladen waren.
28.09.2026 | 0:26 minMit einer programmatischen Europarede in Metz hat Papst Leo XIV. am Montag seinen viertägigen Frankreichbesuch beendet. Europa könne nur dann Frieden, Einheit und Zukunft sichern, wenn es sich seiner historischen und christlich geprägten Werte bewusst bleibe und zugleich offen für andere Kulturen sei, erklärte das Kirchenoberhaupt.
Europa versteht sich in erster Linie als kulturelle und geschichtliche Größe und erst in zweiter Linie als geografisch.
Papst Leo XIV.
Geprägt sei es etwa durch die hellenistische Zivilisation, das Römische Reich, die Ausbreitung des Christentums und die monastische Kultur, habe neue Kulturen integriert wie die slawische und die germanische. Europa habe sich dann entfaltet und weiterentwickelt, "wenn es gelang von den positiven Aspekten seiner Vergangenheit zu lernen und diese dank der Begegnung mit dem anderen in neuen und kreativen Formen neu zu beleben".
Papst betont gemeinsame Werte in Europa
Man könne nicht über Europa sprechen, ohne das Christentum zu erwähnen, betonte Leo XIV. in Anlehnung an Robert Schuman, einen der Gründerväter der Europäischen Union, der lange in Metz lebte und arbeitete. Nach Ansicht des Papstes geht es darum, "zu den Wurzeln der Werte zurückzufinden, die die Grundlage gesellschaftlichen Zusammenlebens bilden": Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit.
"Im heutigen multikulturellen Kontext erfordert die Bekräftigung der Universalität dieser Werte sowohl eine Wiederentdeckung ihrer Wurzeln als auch die Bereitschaft zum Dialog mit dem Anderen", betonte der Papst.
Man müsse die historische Tragweite dessen begreifen, was gerade geschehe: "eine beispiellose Begegnung zwischen Kulturen und Völkern, die zur kreativen Wiederentdeckung unserer Wurzeln und zugleich zum aufmerksamen Hören auf den Anderen aufruft". Die Überzeugung der Universalität der Grundwerte Europas habe Männer wie Schumann dazu inspiriert, die Gegnerschaft kultureller Identitäten zu überwinden.
Papst Leo XIV. hat als Höhepunkt seines Frankreich-Besuchs im Stadtzentrum von Paris eine große Messe mit hunderttausenden Teilnehmern gefeiert, bevor er nach Lourdes weiterreiste.
26.09.2026 | 2:31 minLeo XIV. warnt vor "Illusion der Wiederaufrüstung"
Entsprechend müsse man heute Konflikte durch Dialog, Solidarität und Verständigung lösen statt durch Macht und Gewalt. Erneut warnte Leo XIV. "vor der Illusion der Wiederaufrüstung". Das Europa Schumans sei ein Europa der Achtung des Völkerrechts, des Multilateralismus und eines, in dem das gegebene Wort geachtet werde. "Heutzutage werden die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Beziehungen zwischen den Staaten immer barbarischer", konstatierte der Papst.
Europa kann dieser Abwärtsspirale ein Ende setzen, dank der Achtung vor dem anderen.
Papst Leo XIV.
Es habe in den vergangenen 80 Jahren bewiesen, "dass es möglich ist, unterschiedliche Meinungen, Forderungen und Interessen geltend zu machen, indem man sich begegnet, anstatt sich zu bekämpfen".
Papst in Frankreich gefeiert wie ein Popstar
Metz war die dritte und letzte Station der viertägigen Papstreise durch Frankreich. Am Samstag feierten 800.000 Menschen auf den Champs-Élysées in Paris den Papst wie einen Popstar. Bereits am Freitagabend hatten ihm im Stade de France 80.000 Jugendliche einen begeisterten Empfang bereitet. Von der Krise, in der die katholische Kirche in Frankreich wie in vielen anderen Ländern Europas steckt, war in den vier Tagen wenig zu spüren.
Allerdings gibt es auch Phänomene, die Bischöfe anderer Länder neidisch auf ihre französischen Amtsbrüder schauen lassen. So wurden etwa in der vergangenen Osternacht in Frankreichs Kirchen mehr als 13.000 Erwachsene getauft, vor zehn Jahren waren es 4.100. Beim Gottesdienst auf der Place de la Concorde in Paris und bei den Veranstaltungen in Lourdes prägten junge Familien und Jugendliche das Bild.
Am Freitagabend betete der Papst mit etwa 80.000 Jugendlichen. Dabei sprach er auch über Krieg und den Klimawandel.
26.09.2026 | 0:25 minLeo XIV. verurteilt Sterbehilfe scharf
Anders als in Paris war die Stimmung in Lourdes eher ruhiger, aber nicht weniger herzlich. Millionen Pilger, darunter viele Kranke und mit Behinderung suchen hier jedes Jahr Trost und Stärkung. Ihnen versuchte der Papst Mut zu machen. Zugleich fand er aber auch mahnende Worte.
Eindringlicher noch als am Freitag beim Treffen mit Politikern verurteilte er scharf die Sterbehilfe. "Was legal ist, ist nicht zwangsläufig auch sittlich erlaubt", erklärte Leo XIV. Es sei unmöglich, das Herbeiführen des Todes als normal anzusehen. "Die Medizin darf niemals zum Gehilfen des programmierten Todes werden", appellierte er an das medizinische Personal.
Papst mahnt Missbrauchs-Aufarbeitung an
In Lourdes blickte er auf die Verfehlungen der Kirche. Die französische Bischofskonferenz forderte er auf, die Aufarbeitung der "schmerzlichen Plage des Missbrauchs Minderjähriger" fortzusetzen. Sie sollten "größte Wachsamkeit wahren", zuhören, nach Wahrheit und Gerechtigkeit suchen sowie sich für Wiedergutmachung sowie eine Kultur der Prävention und des Schutzes einsetzen.
Beim Gottesdienst mit 150.000 Gläubigen sprach Leo XIV. am Sonntag von Umkehr und Buße, die die Kirche als Erste vollziehen müsse, "um von den tiefen Wunden, der Untreue und den schmerzhaften Irrwegen, die in ihr begangen wurden, zu genesen". Am Nachmittag traf der Papst sieben Betroffene sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche.
Hatte Leo XIV. bisher vor allem Akzente in den Bereichen KI, Einsatz für Frieden und Soziales gesetzt, kam in Frankreich ein weiterer dazu: der Lebensschutz mit der klaren Verurteilung von Abtreibung und Sterbehilfe. Der Besuch in Frankreich zeigt, dass die Auslandsreisen dem Papst eine weit größere Bühne bieten als der Vatikan. In fünf Wochen schon bricht Leo XIV. erneut auf nach Uruguay, Argentinien und Peru. Er hat erkannt, dass für ihn in den Reisen große Chancen liegen.
Jürgen Erbacher ist Leiter ZDF-Redaktion Religion und Leben.
Über dieses Thema berichteten mehrere Sendungen, darunter heute Xpress am 28.09.2026 ab 06:30 Uhr und das heute journal am 26.09.2026 ab 21:45 Uhr.
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