Abriegelung des Westjordanlands: Netanjahu inszeniert sich wieder als Israels "Mr. Sicherheit"

Abriegelung des WestjordanlandsNetanjahu inszeniert sich wieder als Israels "Mr. Sicherheit"
23.10.2026, 13:51 Uhr
Bei einem Schussangriff im Westjordanland sollen zwei Palästinenser mehrere Israelis verletzt haben. Israels Ministerpräsident Netanjahu reagiert mit aller Härte und will das Palästinensergebiet abriegeln lassen. Warum das vier Tage vor der Wahl nicht verwunderlich ist.
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu steht unter Druck. Vier Tage vor der Parlamentswahl kommt es im Westjordanland zu einem Angriff mit mehreren verletzten Israelis. Die Angreifer - mutmaßlich zwei Palästinenser - werden erschossen. Die israelischen Sicherheitskräfte hätten dadurch einen "schweren Anschlag" verhindert, sagte der Ministerpräsident nach Angaben seines Büros.
Prompt legt Netanjahu nach: Nur wenige Stunden nach dem Angriff stellt er eine Abriegelung des Palästinensergebietes in Aussicht. Dabei sollen die Übergänge zwischen Israel und dem Westjordanland geschlossen werden. So können die meisten Palästinenser nicht mehr nach Israel etwa zur medizinischen Behandlung oder für Verwandtenbesuche einreisen. Die Abriegelung der Stadt Hebron sei bereits angewiesen, heißt es aus Israel.
Eine Abriegelung des Westjordanlands vor der Wahl ist nicht verwunderlich. Immerhin ist der Konflikt mit den Palästinensern ein wichtiges Wahlkampfthema. Rechte Politiker versuchen bei ihrer Wählerschaft zu punkten, indem sie ein hartes Vorgehen gegen palästinensische Gewalt versprechen.
Bereits über die vergangenen Jahrzehnte kultivierte Netanjahu in Israel ein Image als "Mr. Sicherheit". Nur er sei in der Lage, das Land sicher zu halten. Dann folgten das Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023, der Gaza-Krieg sowie Angriffe auf den Iran und Libanon. Ob diese Kriege schlussendlich zu einer Rehabilitierung von Netanjahus Image beigetragen oder dieses irreparabel beschädigt haben, bleibt die zentrale Frage der anstehenden Wahl. Mit der angekündigten Abriegelung des Westjordanlands versucht Netanjahu wohl zumindest, dieses Image zu stärken.
Siedler-Gewalt wird kaum thematisiert
Israel hat im Sechstagekrieg 1967 unter anderem das Westjordanland und Ost-Jerusalem erobert und hält dieses Gebiet seither besetzt. Dort leben heute inmitten von drei Millionen Palästinensern rund 700.000 israelische Siedler.
Die Lage im besetzten Westjordanland hat sich seit dem Hamas-Überfall und dem Gaza-Krieg noch einmal verschärft. Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums wurden im Westjordanland seitdem mehr als 1100 Palästinenser bei israelischen Militäreinsätzen, bewaffneten Auseinandersetzungen und eigenen Anschlägen getötet. Auch die Gewalt radikaler israelischer Siedler gegen Palästinenser hat stark zugenommen. Solche Angriffe thematisieren Israels rechte Politiker jedoch kaum.
Die jüngsten Übergriffe von Siedlern im Westjordanland auf eine US-Journalistin und europäische Diplomaten machten Netanjahu schon eher zu schaffen. Die Europäische Union hatte etwa den Angriff auf einen Diplomatenkonvoi "auf das Schärfste" verurteilt. Ein Sprecher der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas forderte die israelische Regierung auf, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.
Die israelische Polizei nahm daraufhin zehn Verdächtige fest - inzwischen hat Israel fast alle Festgenommenen wieder freigelassen. Von den zehn Verdächtigen bleibt nur einer in Haft, die anderen wurden unter Hausarrest gestellt, wie die israelische Rechtshilfeorganisation Honenu mitteilte. Rechtsanwalt Assaf Gonen kritisierte die Festnahmen als "Show", die lediglich dazu gedient hätten, dem Druck von Medien und aus dem Ausland gerecht zu werden.
Netanjahu ist auf die Stimmen der israelischen Siedler angewiesen. Denn Umfragen zufolge ist der Ausgang der Parlamentswahl am kommenden Dienstag vollkommen offen. Es könnte sowohl für das Lager des amtierenden Ministerpräsidenten als auch für die Opposition schwierig werden, eine Mehrheit zu sichern.
Auch Beobachter sehen Israel an einem Scheideweg. "Ich glaube wirklich, dass diese Wahlen im wörtlichen Sinne über die Zukunft des Staates entscheiden", sagt der Politologe Gideon Rahat von der Hebräischen Universität Jerusalem. Es bleibt abzuwarten, ob Überlebenskünstler Netanjahu ein erneuter Wahlsieg gelingt - und damit Israels Hinwendung zum Rechtsnationalismus zementiert wird.
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