Rätsel um Wall-Street-Ikone: Wem gehört der berühmteste Bulle der Welt?

Rätsel um Wall-Street-IkoneWem gehört der berühmteste Bulle der Welt?
13.09.2026, 08:32 Uhr
Von Victoria Robertz, New York
Millionen Menschen besuchen jedes Jahr den Charging Bull in New York. Doch weder die Stadt noch ein britischer Milliardär wollen für die berühmte Skulptur verantwortlich sein. Die Spur führt zurück zu einer Nacht-und-Nebel-Aktion vor fast 40 Jahren.
Es sind Tausende, die auch an diesem Sommertag wieder Schlange stehen werden hinter einer der bekanntesten Bronzestatuen der Welt. Mehr als drei Tonnen schwer, über drei Meter hoch und fünf Meter lang scheint der Charging Bull loszustürmen von der kopfsteingepflasterten Verkehrsinsel in New Yorks Finanzdistrikt.
Holger und Jasmin aus dem Raum Bonn machen gerade ein Foto für ihren Arbeitgeber. "Wir sind selber in der Finanzbranche tätig", sagt Holger, "und der Bulle ist ja das Börsensymbol". "Aber wir haben gerade auch mal an die Hörnchen gepackt, das soll ja Glück bringen", sagt Jasmin.
Anja Mühlbauer aus Radevormwald besucht die Skulptur mit einer Touristengruppe. "Ich bin nicht abergläubisch", sagt sie. "Das Foto ist einfach eine besondere Erinnerung für mich."
Schließlich ist der Bulle eine der bekanntesten Touristenattraktionen der US-Metropole. Millionen Besucher aus aller Welt pilgern jedes Jahr zu ihm in der Hoffnung auf Glück, Geld, Erfolg und natürlich steigende Aktienkurse. Doch während der Charging Bull längst zu einer Ikone geworden ist, ist eine ganz banale Frage für die New Yorker gerade schwer zu beantworten: Wem gehört er eigentlich und wer kümmert sich um ihn?
Die Suche nach Antworten führt zu einem engagierten Künstler, zum britischen Milliardär Joe Lewis und durch eine jahrzehntelange bewegte Geschichte.
Unwillkommenes Weihnachtsgeschenk
Der Charging Bull tauchte kurz vor Weihnachten 1989 vor der New Yorker Börse auf. Ihr Schöpfer, der italienische Künstler Arturo Di Modica, hatte das Sicherheitspersonal wochenlang beobachtet und seine Skulptur schließlich über Nacht vor dem imposanten Gebäude an der Wall Street abgeladen. Doch anders als viele heute denken, sollte der Bulle nicht die Wall Street symbolisieren, sondern die Anpack-Mentalität der US-Amerikaner. Di Modica wollte der Bevölkerung Hoffnung machen, nachdem die Börse am "Black Monday" 1987 an einem Tag um mehr als 20 Prozent eingebrochen war - bis heute einer der größten prozentualen Tagesverluste.
"Egal, wie tief man am Boden liegt, man kann wieder aufstehen und weitermachen. Das war Arturos Botschaft", sagt Fernando Luis Alvarez, ein enger Freund Di Modicas und Inhaber der Alvarez Gallery, die den Künstler bis zu seinem Tod in Nordamerika vertreten hat. Dass das Aufstellen der Skulptur illegal war, sei Teil der Kunst, sagt Alvarez.
Der Polizei und dem New York Stock Exchange gefiel das allerdings nicht. Obwohl sich sofort Schaulustige und Journalisten um die Skulptur versammelt hatten, ließ die Börse sie noch am selben Tag entfernen und löste damit einen Aufschrei aus. Eine lokale Initiative und der Leiter der New Yorker Parkbehörde sorgten daraufhin dafür, dass der Künstler den Bullen unweit der Wall Street im Bowling Green Park wieder aufstellen durfte - eigentlich nur temporär. Aber trotz vieler Diskussionen um einen neuen Standort strömen die Menschen nun seit bald 40 Jahren zum südlichen Ende des Broadway.
Welche Rolle spielt Joe Lewis?
Di Modica, der 2021 im Alter von 80 Jahren starb, wünschte sich, dass der Bulle dort bleiben soll. Er hatte die Skulptur mit mehr als 300.000 Dollar aus eigener Tasche finanziert und zwei Jahre lang an ihr gearbeitet. Wie die "New York Times" berichtete, hatte er sie in den 1990ern erstmals zum Verkauf angeboten, lehnte ein Angebot jedoch ab, da der Käufer die Skulptur in ein Casino nach Las Vegas bringen wollte.
2004 stand der Bulle dann erneut zum Verkauf. Der britische Milliardär und Investor Joe Lewis schlug zu. Der 88-Jährige, der sich 2024 dem Insiderhandel schuldig bekannte, soll Di Modica damals das Versprechen gegeben haben, die Statue immer an ihrem Zuhause in Bowling Green zu belassen. Der Kaufpreis ist nicht öffentlich bekannt, aber Di Modica wollte damals mindestens fünf Millionen US-Dollar für sein Werk haben.
Und trotzdem ist Lewis offenbar nicht der Eigentümer der Statue. Auf eine Anfrage des New Yorker Lokalmediums "The City Reporter" gab Lewis' Investment-Unternehmen Tavistock Group an, die Familie Lewis besitze zwar die Rechte zur Reproduktion des Bullen. Die physische Statue in Bowling Green gehöre ihr jedoch nicht und werde auch nicht von ihr verwaltet. "Die Familie besitzt den Bullen nicht", teilte ein Sprecher mit. Auf eine Anfrage von ntv.de reagierte die Tavistock Group nicht.
Gallerist Alvarez bestätigt gegenüber ntv.de jedoch, dass die Familie Lewis die Reproduktionsrechte an der Skulptur besitze. Instandhaltungskosten habe Di Modica zu Lebzeiten noch selbst getragen, etwa für eine Reparatur im Jahr 2019. Damals hatte ein Mann aus Protest gegen US-Präsident Donald Trump mit einem Metallstab auf die Skulptur eingeschlagen und dabei eine zehn Zentimeter lange Kerbe hinterlassen. Wer nun für die Pflege der Skulptur zuständig sei, wisse er nicht. "Aber die Qualität und Dicke der Bronze ist so gut, dass sie nicht viel Pflege braucht", sagt Alvarez.
"Es ist mysteriös"
Julio Saavedra verkauft seit zehn Jahren von seinem Klapptisch gegenüber dem Bullen aus kleine Figuren der Attraktion an Touristen. Preis: 5 Dollar aufwärts. Er und die anderen Straßenhändler leben vom Charging Bull und den Geschichten, die sich die Leute erzählen. "Sie wollen die Figuren, weil sie Glück bringen. Je mehr Leute kommen, desto größer wird die Geschichte", sagt Saavedra. Er hat mitbekommen, dass sich niemand für die Skulptur verantwortlich fühlt und weiß selbst auch keine Antwort darauf. "Ich habe gehört, dass sie manchmal sauber gemacht werden soll. Aber ich habe noch nie jemanden gesehen. Es ist mysteriös."
Die Datenbank Smithsonian, die Kunstwerke im öffentlichen Raum dokumentiert, listet die New Yorker Parkbehörde als verantwortlich für die Verwaltung des Bullen. Auf eine Anfrage von "The City Reporter" heißt es aber, die Stadt sei weder in Besitz der Statue noch für ihre Instandhaltung verantwortlich.
Da der Bulle offiziell noch immer als temporäre Installation gilt, tun einige ihre Bedeutung als "Gartenkunst" ab, was Galerist Alvarez empört. Er betrachtet ihn als ein Stück Kunstgeschichte. "Die Skulptur ist nicht von der Wall Street, einem Museum oder der Stadt finanziert, sondern vom Künstler selbst mit seinem Geld und Einsatz. Diese Entschlossenheit und Geschichte sind Teil des Kunstwerks."
2017 hatte die Stadt die Statue "Fearless Girl" gegenüber dem Bullen platziert. Ein kleines Mädchen, die Hände in die Hüften gestemmt, Kinn nach oben gereckt - finanziert vom Fondsbetreiber State Street als Teil einer Werbekampagne zum Weltfrauentag. Di Modica sah seine Arbeit damals beleidigt und sorgte dafür, dass die Statue des Mädchens einen neuen Standort gegenüber der Börse bekam. "Arturo war sehr aufgebracht, weil der Bulle nichts mit Geschlechterrollen zu tun hat. Es geht um Beharrlichkeit und ums Weitermachen in schwierigen Zeiten, auch heute noch eine wichtige Botschaft", sagt Alvarez.
Er ist überzeugt, dass keine Regierung und kein Individuum den Bullen von seinem derzeitigen Standort entfernen darf. "Der Bulle wird nicht verschwinden. Das wäre ein riesiger Aufschrei, ein politisches Ereignis."
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.