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Tuesday, October 6, 2026

Shida Bazyars Rede beim Buchpreis: „Es gibt keine Minderheit, die nicht Grund zur Sorge hat“

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Als sie als Buchpreis-Siegerin verkündet wird, ist der Jubel groß, doch die Autorin Shida Bazyar hält inne. Ihre Rede wird zum eindringlichen Blick auf gegenwärtige Ängste.

E in kurzer Moment des Schweigens, ein Augenblick des kollektiven Innehaltens – das kann etwas Unerwartetes, auch etwas Kostbares sein. Zumal wenn er sich im Zusammenhang mit so einem an sich verquatschten Ereignis wie der Frankfurter Buchmesse ergibt, auf der es, wie es der Autor Rainald Goetz einmal bündig auf den Punkt gebracht hat, eigentlich ums „Loslabern“ geht. Die Schriftstellerin Shida Bazyar hat nun also so einen Moment hergestellt, und zwar ausgerechnet als ihr der Deutsche Buchpreis zugesprochen wurde.

So eine Preisverleihung hat ihre eigenen Gesetze. Unterhaltsam soll sie sein, aber nicht unter Niveau. Einem eingespielten Ablauf soll sie folgen, aber nicht zu routiniert. Überraschungen soll sie bieten, aber nicht zu aufregende. Kurz, man soll gern zusehen, aber – vom Namen des Preisträgers oder der Preisträgerin abgesehen – keine Offenbarungen erwarten.

So war das auch an diesem Montagabend im Frankfurter Römer. Unfallfreie Moderation, intelligente Grußworte, professionelle Filmeinspielungen, auf denen die Kan­di­da­t*in­nen der Shortlist vorgestellt wurden, alles lief glatt durch. So war es, bis der Name Shida Bazyar fiel und die Schriftstellerin auf die Bühne gebeten wurde, um die Preisurkunde entgegenzunehmen und, wenn sie wollte, ein paar Worte des Dankes zu sagen. Sie wollte. Und von da an war alles anders.

Sie könne keine glückliche Dankesrede liefern, sagte die Schriftstellerin, und man spürte es durch den Livestream der Veranstaltung hindurch bis an den heimatlichen Schreibtisch: Das anwesende Publikum hielt in diesem Moment den Atem an, und man selbst wandte seine volle Aufmerksamkeit seinem Endgerät zu. Gewohnt ist man bei solch einem Anlass Autorinnen oder Autoren, denen es vor Glück erst einmal die Sprache verschlägt, bevor sie dann doch etwas sagen.

Die Aufregung ist so verständlich wie das Glück. Jahrelang haben sie an ihrem aktuellen Roman gearbeitet, nun bekommen sie ein Füllhorn der Aufmerksamkeit dafür und eine hohe Auflage dazu, gleichzeitig lässt die Anspannung der Situation nach, Kandidat oder Kandidatin zu sein. Da regiert erst einmal das Adrenalin.

In der Vergangenheit bohren

Shida Bazyar aber wirkte gefasst. Nicht abgeklärt, aber halt überraschend distanziert. Und in ihrer kurzen Dankesrede erklärte sie das. Sie habe einen Roman über die Geschichte des Ortes geschrieben, an dem sie aufgewachsen ist, sagte sie, und sie sei dabei auf Vertreibungen und Flucht, Rassismus und Antisemitismus gestoßen. Das sagte sie nicht als Anklage, aber als Feststellung. Und es stimmt ja schlicht auch: Wer immer hierzulande in der Vergangenheit bohrt, wird diese Themen vorfinden.

Viele Menschen tun das inzwischen anhand der öffentlich gemachten Listen der NSDAP-Mitglieder und treffen dabei auf Mitglieder der eigenen Familie. Ihr sei das mit ihrer eigenen Familie zwar nicht geschehen, sagte Bazyar. Aber anhand ihres Heimatortes sei es ihr eben doch passiert. Heimesbach heißt das Städtchen im Roman, Hermeskeil in der Realität.

Er hat – wie so viele Orte in Deutschland (welche eigentlich nicht?) – eine NS-Geschichte. Im Nachwort ihres Romans verrät die Autorin, dass eine historische Studie sie dazu bewogen hat, den Roman zu schreiben. Sie heißt: „Juden im Gaumusterdorf – Auf den Spuren ehemaliger jüdischer Nachbarn in Hermeskeil“. So grub sie sich in die Vergangenheit hinein.

Das alles vibrierte in diesem Moment des Innehaltens bei der Preisverleihung. Shida Bazyar freute sich über die Anerkennung für ihren Roman „Die Lücken“, aber es kam ihr nicht ganz richtig vor, das uneingeschränkt zu tun, da dieser Roman doch von Menschen handelt, die verfolgt, terrorisiert und ermordet wurden. Diese Reaktion ist mehr als nachvollziehbar, zumal in einer Situation, in der wieder öffentlich über Vertreibungen von Menschengruppen von deutschem Boden diskutiert wird. Rassistische und antisemitische Straftaten seien auf dem Höchststand, so Shida Bazyar. „Es gibt im Moment keine Minderheit, die nicht Grund zur Sorge hat.“

Und zugleich verrät ihre Reaktion etwas über eine mögliche Wahrheit der Literatur: Reale menschliche Schicksale stehen dahinter. „Die Lücken“ ist übrigens ein sehr guter Roman. Man wünscht ihm viele Leserinnen und Leser.

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