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Monday, September 21, 2026

Nationalistische Ressentiments: „Mal sehen, was Polen ohne uns macht“

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Flüchtlinge aus der Ukraine verlassen in wachsender Zahl Polen. Es gibt dort immer mehr Übergriffe – und Polens extreme Rechte pöbelt immer lauter.

„Ich suche Hilfe für meinen Sohn, der in der Schule von polnischen Jungs gemobbt wird. Die Lehrerin macht nichts dagegen“, klagt Lesja K. Sie wartet in einer Schlange vor dem Ukraїński Dom, dem ukrainischen Haus beim Polonia-Stadion in Warschaus Innenstadt. „Das Klima gegenüber uns hat sich völlig verschlechtert. Ukrainisch trauen wir uns nicht mehr in der Öffentlichkeit zu sprechen, um nicht angepöbelt zu werden“, berichtet die aus dem ukrainischen Dnipro mit ihrem Sohn nach der russischen Vollinvasion nach Polen Geflüchtete.

So wie Lesja K., die ihren vollen Namen nicht nennen möchte, geht es vielen Menschen aus der Ukraine in Osteuropas größter Volkswirtschaft. In den ersten sechs Monaten – neuere Statistiken hat Polens Polizei bisher nicht veröffentlicht – gingen bei den Sicherheitsbehörden 180 Anzeigen wegen nationalistisch motivierter Straftaten gegen Ukrainerinnen und Ukrainer ein. Das ist fast ein Drittel mehr als im Vorjahr. Einzelne Opfer mussten nach Überfällen ins Krankenhaus.

Binnen eines Jahres ist die Zahl der offiziell als Flüchtlinge registrierten Menschen aus der Ukraine von 999.146 im September 2025 auf 868.037 gesunken. Hinzu kommen geschätzt eine halbe Million, die vor oder nach der Vollinvasion ein Daueraufenthaltsrecht in Polen bekam. Zum Vergleich: Das UNO-Flüchtlingswerk weist für Deutschland 1,27 Millionen ukrainische Flüchtlinge aus.

Polen macht es Ukrainerinnen und Ukrainern inzwischen an vielen Fronten schwer: Schon die Einreise in Bussen, Bahnen oder Pkw ist mit Wartezeiten an den Grenzen von oft bis zu 16 Stunden verbunden. 52 Prozent der Bevölkerung sind laut Umfrage des Meinungsforschungsinstitut CBOS gegen die weitere Aufnahme von Ukrainerinnen und Ukrainern, 2022 waren noch 94 Prozent dafür.

Tückische Einreisestempel

Wer bei der Einreise nicht aufpasst, dass ausdrücklich „Schutzstatus UKR“ im Pass vermerkt werde, reise als Tourist ein und „verliert dadurch den Flüchtlingsstatus“, sagt Dmytro Dymydyuk, der im Ukraїński Dom Landsleute berät. „Davon haben wir sehr viele Fälle“, so Dymydyuk, der 2018 als Student nach Warschau kam.

Und wer den Status UKR nicht hat, bekommt seit März Probleme mit der Krankenversicherung. So werden Fälle von aus der Ukraine stammenden Hochbetagten berichtet, die ihre Dialyse nicht mehr bekämen, da sie nicht mehr staatlich versichert seien. Dabei errechnete die staatliche Entwicklungsbank BGK, dass die in Polen lebenden Menschen aus der Ukraine gut fünf Mal so viel in den nationalen Gesundheitsfonds einzahlen, als sie daraus bekommen.

Ein weiteres Problem sei das Kindergeld. Die umgerechnet 184 Euro pro Monat bekommen alle polnischen Bürger mit Kindern automatisch, aber etwa Großeltern mit Enkeln aus der Ukraine nicht. Mütter, die wegen mehrerer Kinder oder der Betreuung eines behinderten Kindes nicht arbeiten, auch nicht. Schulpflicht für das Kind und Arbeitspflicht für die Eltern sind Voraussetzungen für Kindergeld.

Offene Aggression auf der Straße erlebe er nicht, sagt Dymydyuk, „aber ich bin auch 1,90 Meter groß“. Anders Lyudmyla Kurkos 15-jährige Tochter. Sie war mit ukrainischen Freunden unterwegs und wurde von aggressiven polnischen Männern so verprügelt, dass sie einen Zahn verlor. „Es wurde gefährlich. Deshalb sind wir nach Spanien ausgewandert“, sagte Kurko dem polnisch-ukrainischen Journalistinnenprojekt Sestry.

„Wir“ umfasst auch noch ihren Mann, der als Freiwilliger in der Ukraine an der Front war. Er wurde schwer verwundet und kam zu Lydmyla, die mit der Tochter 2022 geflohen war. Bei der Arbeit in einem polnischen Krankenhaus sei ihr Mann von einem Kollegen beschimpft worden, er solle wieder in die Ukraine gehen.

Präsident mit „postkolonialem Überlegenheitsgefühl“

Die wachsende Aggression „hängt nur von polnischen Politikern ab“, ist sich Mirosław Skórka sicher. Er vertritt als Vorsitzender der Ukrainer in Polen die 80.000 ukrainischstämmigen polnischen Staatsangehörigen. Der 2025 gewählte Präsident Karol Nawrocki glaube, dass „Polen besser und stärker sei als die Ukraine“. Das entspräche einem „postkolonialem Überlegenheitsgefühl“, sagt Skórka. Er sorgt sich vor einer Welle antiukrainischer Ressentiments im Vorfeld der Parlamentswahl 2027.

Denn neben der abgewählten rechtspopulistischen PiS-Partei überbietet sich die im Sejm in drei Fraktionen aufgespaltene rechtsextreme Partei Konfederacija mit antiukrainischen Losungen – am extremsten die Abspaltung von Grzegorz Braun. Er postete, wie er ein ukrainisches Denkmal mit einem Vorschlaghammer malträtiert.

Ökonomisch ist die antiukrainische Stimmung unangebracht: „Wenn es die ukrainischen Flüchtlinge nicht gäbe, wäre Polens Bruttoinlandsprodukt um 7 Prozent niedriger“, sagt Leszek Balcerowicz, Ex-Finanzminister und Ex-Zentralbankchef. 78 Prozent der erwachsenen Ukrainer in Polen arbeiten, sie stellen 5 Prozent aller Beschäftigen. 2025 gründeten sie 12 Prozent aller neuen Unternehmen und seit 2022 insgesamt 123.300 Firmen.

Ihre Kinder könnten nur noch zu Hause Ukrainisch sprechen, „auf der Straße ist das schlicht zu gefährlich“, sagt eine Juristin aus Charkiw, die in Warschau lebt. „Ich ersehne den Tag, an dem wir nach Hause und endlich wieder leben können, ohne unerwünscht zu sein.“ Dann ergänzt sie: „Und weil ich dann sehen möchte, was die Polen machen, wenn wir alle weg sind.“

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