Deshalb wurde Macron vom Hoffnungsträger zum Feindbild

Darum gehts
- In Frankreich eskalieren die Proteste: Am Samstag gingen Zehntausende auf die Strasse, die Polizei nahm über 1000 Menschen fest.
- Gestartet hatten sie Schüler und Studierende, die seit Mitte September gegen überfüllte Klassen und fehlendes Personal demonstrieren.
- Präsident Emmanuel Macron verurteilt die Gewalt, doch die Demonstranten machen auch ihn für ihren Unmut verantwortlich.
Die Flammen lodern, ein Rathausturm in Limoges stürzt ein. Vermummte Gestalten in Paris demolieren, was ihnen in den Weg kommt. Polizisten in schwerer Schutzausrüstung stellen sich ihnen entgegen. Erneut gehen Bilder von Frankreich um die Welt.
Gestartet haben die Proteste mit den Schülerinnen, Schülern und Studierenden, die seit Mitte September gegen überfüllte Klassen, marode Schulgebäude und fehlendes Personal demonstrieren. Am Samstag erreichten die Proteste einen neuen Höhepunkt: Zehntausende gingen auf die Strasse. Vielerorts mischten sich auch Randalierer unter die Demonstranten. Die Polizei nahm über 1000 Menschen fest.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron verurteilte die Gewalt auf X: «In unserer Republik ist kein Platz für Gewalt.» «Zerstörer» und «Plünderer» müssten «verfolgt und bestraft» werden, so der Präsident. Doch die Demonstranten machen auch Macron selbst für ihren Unmut verantwortlich.
Vom Hoffnungsträger zum Feindbild der Jugend
Als Emmanuel Macron 2017 kurz vor seinem 40. Geburtstag zum Präsidenten gewählt wurde, galt er als Reformer. Er versprach, eine Generation älterer Politiker abzulösen, und verkörperte den politischen Aufbruch. Knapp zehn Jahre später wird das Ende seiner Präsidentschaft von Protesten einer jungen Generation überschattet, die ihn hinter sich lassen will.
Dabei hatte Macron einst stark auf diese Jugend gesetzt. Doch schon bei seiner ersten Wahl war er unter den 18- bis 24-Jährigen nur die drittbeliebteste Wahl. Seine Anhängerschaft bestand vor allem aus jungen Berufstätigen und wohlhabenden Führungskräften.
Seither hat er weiter an Rückhalt verloren. Bei den Wahlen 2024 stimmte laut einer Ipsos-BVA-Umfrage weniger als jeder zehnte junge Wählende für das Präsidentenlager. «Seine Wählerschaft ist älter geworden», sagt Meinungsforscherin Adélaïde Zulfikarpasic gegenüber «Le Monde».
Reformen sorgten für Unmut
Die Gründe für die Unzufriedenheit reichen weit zurück. Schon zu Beginn seiner Präsidentschaft sorgten die Kürzung einer Wohnbeihilfe, eine umstrittene Hochschulbewerbungsplattform und Bildungsreformen für Kritik. Auch Macrons Regierungsstil stiess bei jungen Menschen vermehrt auf Widerstand.
Besonders die Gymnasialreform von 2019 habe die Situation verschärft, erklärt Historikerin Manon Pignot gegenüber «Le Monde». Klassenverbände seien aufgelöst und Stundenpläne durcheinandergebracht worden. Das Klima an den Schulen habe sich dadurch verschlechtert.
Noch 2021 warb Macrons Jugendorganisation mit einem Plakat für seine Wiederwahl. Darauf stand in Anspielung auf Netflix-Serien: «Ich kann es kaum erwarten, mich für fünf weitere Staffeln anzumelden.» Eine Staffel stand dabei für eine fünfjährige Amtszeit. Doch die Begeisterung für Macron hatte bereits deutlich nachgelassen.
Macrons Vermächtnis steht nun auf dem Spiel
Auch aus den eigenen Reihen kommt nun Kritik. Der frühere Bildungsminister Jean-Michel Blanquer beklagte am 15. Oktober bei Sud Radio, dass Macron seine eigenen Reformen nicht mehr verteidige.
Der frühere Finanzminister Bruno Le Maire kritisiert derweil steigende Ausgaben für Rentnerinnen und Rentner, während die Bildungsbudgets stagnieren. «Wundern Sie sich nicht, wenn Gymnasiastinnen und Gymnasiasten auf die Strasse gehen», sagte er gegenüber LCI.
Die Demonstrationen zeigen nun deutlich, wie stark Macron bei jungen Menschen an Rückhalt verloren hat. Laut der französischen Zeitung steht für Macron nun sein politisches Vermächtnis auf dem Spiel. Statt als Reformer könnte er als Präsident in Erinnerung bleiben, gegen dessen Politik eine neue Generation auf die Strasse ging.
Melissa Greiter (mgr) arbeitet seit 2024 für 20 Minuten. Sie ist seit Februar 2025 Redaktorin im Ressort News, Wirtschaft und Videoreportagen.
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