Eine Reise der Extreme – Der Weg zum Gipfel führt auch nach innen

10 Tage, 207 Kilometer und 4443 Höhenmeter: Die Reise vom tiefsten Punkt der Schweiz, den Brissago-Inseln, zum höchsten, der Dufourspitze, ist kein Spaziergang. Doch ein Team aus sechs Schweizerinnen und Schweizern wagt das Abenteuer.
Fabian Sartori ist mit 22 Jahren der Jüngste der Gruppe. «Das Küken», wie er selbst sagt. Am meisten Respekt hat er vor der Mountainbike-Strecke – und er hat noch nicht viel Erfahrung in der Höhe.
Fabian ist der Tessiner im Team, neben Carmen Oberholzer und Phil Bucher, den Deutschschweizern, Nadia Picasso und Serge Grazioli aus der Romandie und Victoria Buchli, der Rätoromanin. Zehn Tage sind sie gemeinsam unterwegs: mit Stand-Up-Paddle, Rennvelo, zu Fuss und mit Steigeisen und Pickel.
Sie sind als Team unterwegs, zusammen mit drei erfahrenen Bergführerinnen und Bergführern. Diese Herausforderung kann man nur meistern, wenn man einander unterstützt. Gesprochen wird Hochdeutsch – la Suisse existe.
Das Abenteuer beginnt auf den Brissago-Inseln mit einer Reise durch das Tessin. Fabian hat eine Whatsapp-Gruppe erstellt: 370 Follower, die er täglich auf dem Laufenden hält – vom Maggiatal bis auf die Dufourspitze.
- Tag 1: Isole di Brissago – Ascona per Stand-Up-Paddle
- Tag 2: Ascona – San Carlo per Rennvelo; San Carlo – Capanna Basodino zu Fuss: 47.2 Kilometer, 1659 Höhenmeter
- Tag 3: Capanna Basodino – Nufenenpass zu Fuss; Nufenenpass – Ernen per Mountainbike: 47.9 Kilometer, 1498 Höhenmeter
- Tag 4: Ernen – Saas-Fee per Rennvelo: 55.4 Kilometer, 1164 Höhenmeter
- Tag 5: Saas-Fee – Britanniahütte: 10.9 Kilometer, 1359 Höhenmeter
- Tag 6: Britanniahütte – Allalinhorn – Feechopf – Täschhütte: 11.3 Kilometer, 1255 Höhenmeter
- Tag 7: Täschhütte – Fluhalp: 9.1 Kilometer, 539 Höhenmeter
- Tag 9: Fluhalp – Gornergrat – Monte-Rosa-Hütte: 16.17 Kilometer, 641 Höhenmeter
- Tag 10: Monte-Rosa-Hütte – Dufourspitze: 5.9 Kilometer, 1751 Höhenmeter
Ein Team, viele Ziele
Das Team ist so vielfältig wie die Schweiz. Jede Person hat ihre eigene Geschichte und ihre eigene Motivation, warum sie an dieser Reise teilnimmt. Am zweiten Tag, nach 47 Kilometern und 1659 Höhenmetern, spürt Carmen bereits, wie alle zusammengewachsen sind.
Carmen ist 32, in ihrem Umfeld wird geheiratet, es werden Häuser gebaut und Familien gegründet.
Sie weiss hingegen nicht, was sie will: ob Familie oder persönliche Freiheit. Vielleicht findet sie hier – ohne Druck von aussen –, wohin ihr Weg im Leben führt.
Ultramarathonläuferin und Kindergärtnerin
«Ich bin keine Powerfrau», sagt Victoria Buchli (37) aus dem Bündnerland. Sie ist Mutter von vier Kindern, Biobäuerin, Kindergärtnerin und Ultramarathonläuferin – und scheint alles unter einen Hut zu bringen.
Sie vermisse ihre Kinder. Es sei schliesslich das erste Mal seit Langem, dass sie allein unterwegs sei. «Dennoch ist es schön, Zeit für sich zu haben», sagt sie. Tauschen möchte sie nicht.
Der Freigeist in den Bergen
«Man möchte immer das, was man nicht hat», meint Phil Bucher (45). Er ist Fotograf und Content Creator. Er hat keine eigene Familie gegründet und hat daher viel Zeit für sich: «Ich bin ein Vagabund und unstet.»
Er war als ehemaliger Snowboardvertreter ein «bunter Vogel» im Business. Dazu gehörten viel Alkohol und Partys. Eines Tages habe er realisiert, dass das nicht gut enden würde, und hat sein Leben geändert. Heute kann er seine Passion in den Bergen ausleben.
Am dritten Tag steht das Team auf dem Nufenenpass vor der Mountainbike-Strecke, die sie bis nach Ernen bringen soll. «Davor habe ich am meisten Schiss», sagt Carmen. Eine Verletzung wäre fatal.
Das Allalinhorn: Ein emotionaler Höhepunkt
Nach sechs Tagen steht die Tour auf den ersten Viertausender: das Allalinhorn mit 4163 Metern. Die meisten im Team haben wenig Erfahrung mit Steigeisen und Pickel.
«Was ich mitnehme und in meinem Herzen trage, das sind diese unglaublichen Menschen, mit denen ich diese Tage teile – all die Gespräche und ihre Lebensgeschichten», sagt Nadia Picasso, Sozialpädagogin aus der Romandie.
Sie ist mit 59 Jahren die Älteste der Gruppe. Unsicherheit, ob sie mithalten könne und wie das Team auf sie reagiere, habe sie während der Tage begleitet. Im Laufe der Reise seien sie jedoch wie eine Familie zusammengewachsen.
Wetterkapriolen, Ernüchterung und Hoffnung
«Ich muss abbrechen»: Am Tag vor dem Schlussaufstieg zur Dufourspitze muss Bergführer Yannick Glatthard aufgeben. Eine Lebensmittelvergiftung zwingt ihn zum Umkehren. Zudem hat eine Schlechtwetterfront im Gebiet der Dufourspitze sehr viel Schnee gebracht. Eine Besteigung scheint unmöglich.
Das Bergführer-Team rund um Yannick entscheidet trotzdem, zur Monte-Rosa-Hütte aufzusteigen und am nächsten Tag eine Alternativroute zu nutzen.
Was, wenn sie es am Ende doch nicht schaffen? Enttäuschung und Ernüchterung sind im Team zu spüren. Ein halbes Jahr haben sie trainiert und nun sollen sie nach neun Tagen aufgeben? Je näher sie der Dufourspitze kommen, desto mehr wächst die Verunsicherung.
Aber: Im Gipfelbereich haben sie Spuren von anderen Bergsteigern gesehen. Und auch die Bergführerinnen sehen vor Ort eine Chance, die Spitze zu erklimmen.
«Es wird schwierig, denn es hat viel Schnee. Wir wagen es, und wenn es nicht klappt, kehren wir um», ist das Fazit der Bergführerinnen in der Monte-Rosa-Hütte. Jeder muss für sich entscheiden, ob er es wagen will.
«Auf jeden Fall probieren wir es. Man muss seinen Träumen folgen», sagt Carmen. Gemeinsam entscheiden sie: Alle versuchen es.
Die Bedingungen werden immer schwieriger. Über Nacht ist mehr Schnee gefallen als erwartet. Das Gelände wird immer steiler und die Lawinengefahr steigt. Rund 300 Meter unter dem Gipfel entscheiden die Bergführerinnen, umzukehren. Das Risiko ist zu gross.
Was bleibt?
Es war ein Traum, die Schweiz vom tiefsten bis zum höchsten Punkt zu durchqueren. Und ausgerechnet 300 Meter vor dem Gipfel müssen sie aufgeben. Alles ist vorbei. Sie hätten es wenigstens versucht, so Carmen und Victoria. Das sei das Wichtigste. «Abbrechen gehört eben dazu», ist Phil überzeugt.
Doch was hat das Abenteuer mit ihnen gemacht? Entscheide fürs Leben seien keine gefallen, meint Carmen. Es sei das Erlebnis, das zähle. Sie schaue den Alltag jetzt etwas anders an, sagt Nadia. Es werde sicher nicht mehr dasselbe sein wie vorher.
Die Reise hat ihre Spuren hinterlassen: kein Hadern, kein Zweifeln – ausser bei Fabian, dem Küken der Gruppe. Als sich am Schluss die Sonne lichtet, kommt ihm der Gedanke: Vielleicht hätte es doch noch gelingen können. Immerhin haben ihn seine Follower auf Whatsapp auf seiner Reise begleitet.
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