Weimer kolonisiert Kolonialgedenken: Wie er’s macht, macht er’s falsch

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer verfügt: Die nationale Kolonialismus-Gedenkstätte wird in Bremen eingerichtet.
Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Bremen also soll der zentrale Gedenkort für die Verbrechen des deutschen Kolonialismus werden. Am Montag, eher beiläufig im Rahmen einer Kulturausschusssitzung, hat der parteilose Kulturstaatsminister Wolfram Weimer das verkündet: Rücksprache mit Opfernachfahren, zivilgesellschaftlichen Dekolonisierungs-Akteur*innen, mit den Geschichtsvereinen und Erinnerungs-Inis – hat er für seine Entscheidung offenbar keine gehalten.
Selbst in Bremen ist man von dem Entschluss kalt erwischt worden. Und obwohl der Wunsch, ein solches Zentrum dort zu errichten, sich schon lange in links-grün-roten Koalitionsverträgen und noch länger in grünen Wahlprogrammen findet, bricht dort niemand in Jubel aus.
„Nicht ohne die Community“
„Man kann so eine Entscheidung nicht ohne die Community fällen“, sagt Ralph Saxe, stellvertretender Bürgerschaftspräsident und nicht nur in Bremen seit Jahrzehnten eine der treibenden Kräfte für eine gesellschaftliche Aufarbeitung der Kolonialismusverbrechen. Erst im August – zum Jahrestag des Völkermords an Herero und Nama – hatte seine Fraktion die Forderung einer nationalen Gedenkstätte und eines Dokumentationszentrums dafür in Bremen und Bremerhaven bekräftigt: Autor des Positionspapiers war Saxe.
Aber der jetzige Beschluss von oben herab sei wahrlich „kein Grund zu jubeln“, sagt er. Dabei spreche viel fürs Land Bremen als Standort: „Das Migrationsmuseum in Bremerhaven betreibt Forschung zu diesem Thema.“ Zudem war dort die Hunnenrede gehalten worden – damit brachte der Kaiser ostasiatische Raubzüge in Gang. In Bremen selbst wiederum ist die Kolossalstatue eines Elefanten in Backstein, 1932 von der revanchistischen rechtsextremen Deutschen Kolonialgesellschaft nahe des Hauptbahnhofs errichtet, seit Anfang des Jahrhunderts zum wahrnehmbaren Anti-Kolonial-Denkmal umgewidmet worden.
In ihrem Inneren, einer Krypta, finden Veranstaltungen, Konzerte, Vorträge, manchmal Ausstellungen statt. Zudem wurde vor ihr 2009 vom damaligen namibischen Präsidenten Nangolo Mbumba das einzige Mahnmal eingeweiht, das auf deutschem Boden an den Völkermord an Nama und Herero erinnert. Dort begehen afrodiasporische und kolonialismuskritische Initiativen zusammen mit Senat, Universität und Bildungseinrichtungen jedes Jahr Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag der Schlacht am Waterberg.
Betrügerisch Land erworben
Auch „hat die Sache nun mal bei uns angefangen“, so Saxe. Der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz hatte zusammen mit Heinrich Vogelsang 1883 betrügerisch das Land im Südwesten Afrikas an sich gebracht, das später dann vom Reich als Schutzgebiet deklariert, als „Deutsch-Südwestafrika“ bezeichnet und mit brutalen Methoden „kolonisiert“ wurde. „Es spricht aber auch sehr viel für Berlin.“
Dort hat die sogenannte Kongo-Konferenz 1884/85 den Kontinent Afrika unter den europäischen Mächten aufgeteilt. Verbrechen wie der Maji-Maji-Krieg wurden von dort aus geplant und gesteuert; als Staatsverbrechen des Kaiserreichs.
Es sei „notwendig und überfällig, dass endlich ein nationaler Gedenk- und Erinnerungsort entsteht“, betont Saxe. Wichtig sei also, dass die erinnerungspolitischen Akteur*innen sich nicht auseinanderdividieren lasse. Weimers Entschluss, so viel lässt sich anhand der Reaktionen aus Berlin schon jetzt sagen, bewirkt das genaue Gegenteil. Nicht auszuschließen, dass genau darin das Hauptziel der erratischen Entscheidung liegt.
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