Abwanderung – Wie bleibt die Jugend im Tessin? Nicht nur Geld spielt eine Rolle

Früher sprach man von einem «Brain-Drain». Heute wird eher von «Talenten in Bewegung» gesprochen. Viele Junge verlassen den Südkanton, etwa um zu studieren – und kehren nicht immer zurück.
Wie man diesem Problem entgegenwirken kann, wurde am Montag in Lugano an einem Anlass diskutiert, organisiert vom kantonalen Wirtschaftsdepartement und der Stadt Lugano.
Ein Faktor, der eine Rolle spielt, ist der Lohn. Hochschulabsolventinnen und ‑absolventen verdienen im Tessin 38 Prozent weniger als in der Region Zürich. Doch der Lohn allein sei nicht ausschlaggebend, sagt Professorin Barbara Antonioli Mantegazzini, Leiterin des Kompetenzzentrums für Sozialforschung der Tessiner Fachhochschule SUPSI.
Barbara Antonioli Mantegazzini im Gespräch mit RSI:
«Es ist kein entscheidender Faktor in dem Sinne, dass es nicht relevant wäre. Aber er ist nur insofern relevant, als es noch andere Aspekte gibt: die Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben, die Möglichkeit eines unbefristeten Arbeitsvertrags und auch die Möglichkeit einer besseren Übereinstimmung zwischen den eigenen Kompetenzen und den Arbeitsaufgaben. Wenn diese drei Punkte gegeben sind, verschwindet der Aspekt des Gehalts natürlich nicht, aber er tritt in den Hintergrund», erläutert Antonioli Mantegazzini.
Weitere Faktoren können ganz banal sein: der Wunsch, näher bei Familie und Freunden zu sein, das wärmere Klima oder das Gastronomieangebot.
Es sei daher kein Zufall, dass es auch wieder mehr Tessinerinnen und Tessiner gibt, die in ihren Heimatkanton zurückkehren. Etwa nach Lugano, wie Lorenzo Barisone erklärt. Er befasst sich mit den statistischen Daten der Stadt. «Was die Rückkehr von Jungen in Ausbildung betrifft, sind sicher Verbesserungen zu beobachten», berichtet er. «Aber die anderen Kantone der Schweiz sind nicht das einzige Ziel für junge Tessinerinnen und Tessiner in Ausbildung. Die Mehrheit geht ins Ausland und nach Italien. Man muss auch an dieser Abwanderung arbeiten, wobei das Tessin hier immerhin noch einen Lohnvorteil hat.»
Politik muss sich abstimmen
Es ist eine Sache, Massnahmen zu ergreifen, um die «Köpfe» im Kanton zu halten. Eine andere ist es, sie zurückzuholen. Es brauche darum unterschiedliche politische Antworten, je nach Situation, in der sich junge Tessinerinnen und Tessiner befinden, fordert Barbara Antonioli Mantegazzini.
Und sie fügt hinzu: «Um einen Verbleib zu fördern, muss sehr schnell gehandelt werden, da die Neigung zum Umzug fast unmittelbar nach Abschluss der Ausbildung einsetzt. Im Gegenzug ist für diejenigen, die sich bereits in einem anderen Kanton befinden, eindeutig eine andere Politik erforderlich, da sie aus anderen Beweggründen handeln. Die Idee ist also, keine einheitliche Politik zu verfolgen, sondern verschiedene Strategien zu entwickeln, die aufeinander abgestimmt sein müssen.»
Laut Stefano Rizzi, dem Leiter der kantonalen Wirtschaftsabteilung, kehrt «mehr als die Hälfte der jungen Menschen, die wegziehen, bereits nach fünf Jahren zurück», wie er gegenüber dem Radio und Fernsehen der italienischen Schweiz (RSI) bestätigt.
Aber das Ziel müsse sein, dass noch mehr zurückkehren. Das Tessin sei insgesamt ein attraktives Gebiet. Betrachtet man die Bilanz unter Berücksichtigung der Zuwanderung, so verzeichnen wir in der Altersgruppe der 25- bis 35‑Jährigen einen durchschnittlichen Zuzug von etwa 300 Personen pro Jahr in den Kanton. Menschen, die hierherkommen, studieren und auch Arbeit finden. Wir müssen dafür sorgen, dass Angebot und Nachfrage zusammenkommen und aufeinander abgestimmt werden. Und wir müssen weiterhin an unseren Stärken arbeiten.»
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.