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Saturday, October 17, 2026

Wackelt die grösste Demokratie der Welt wegen Kakerlaken?

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Jugendaufstände auch in Indien

Wackelt die grösste Demokratie der Welt wegen Kakerlaken?

In Indien wächst der Protest gegen Jugendarbeitslosigkeit, mutmasslichen Prüfungsbetrug und eine Regierung, der Kritiker zunehmend autoritäre Tendenzen vorwerfen. Die Regierung mobilisiert ihren SIcherheitsapparat.

Publiziert: vor 9 Minuten

  • Neue Protestpartei entstand als Reaktion auf einen «Kakerlaken»-Spruch
  • Tausende fordern Jobs, faire Prüfungen; Minister Pradhan ging
  • Haft, Wählerlisten-Streit und Demokratie-Rankings nähren Sorgen
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Florin SchranzRedaktor News

Am Anfang war das Schimpfwort. Als Indiens oberster Richter Surya Kant (64) am 15. Mai 2026 arbeitslose Akademiker als «Kakerlaken» bezeichnete, löste das Empörung aus. Der Aktivist Abhijeet Dipke (31) reagierte einen Tag später mit einer aussergewöhnlichen Idee: Er gründete die «Cockroach Janta Party» («Kakerlaken-Volkspartei», CJP) und machte die Beleidigung zum politischen Markenzeichen.

Aus digitaler Satire wurde innert kurzer Zeit eine Protestbewegung. Am 6. Juni gingen Tausende Menschen in Neu-Delhi auf die Strasse. Sie demonstrierten gegen fehlende Jobchancen für junge Menschen und mutmassliche Manipulationen bei Prüfungen. Im Juli trat Bildungsminister Dharmendra Pradhan (57) nach wochenlangen Protesten zurück.

Inzwischen richtet sich der Widerstand auch gegen die Wahlkommission. Vorwürfe manipulierter Wählerlisten und Festnahmen von Demonstrierenden verschärfen den Konflikt. Die Bewegung stellt damit eine grössere Frage: Wie demokratisch ist das bevölkerungsreichste Land der Welt noch, wenn junge Menschen das Vertrauen in die Institutionen verlieren?

Ein Land wächst – aber die Jobs fehlen

Indiens Wirtschaft wächst seit Jahren schnell. Für viele junge Menschen bringt das jedoch nicht automatisch bessere Perspektiven. Mit der Kampagne «Make in India» versprach Premierminister Narendra Modi (76) im Jahr 2014, das Land zu einer Industriemacht zu machen und Millionen Arbeitsplätze zu schaffen. Der Anteil der Industrie an der Wirtschaft ist seither jedoch kaum gestiegen.

Gerade für gut ausgebildete junge Menschen wird der Zugang zu sicheren Arbeitsplätzen zum Problem. Die Kakerlaken-Bemerkung des obersten Richters traf deshalb auf eine bereits angespannte politische Situation. Richter Kant erklärte später, er habe sich auf Personen mit gefälschten Anwaltsabschlüssen bezogen. Viele junge Inder verstanden die Äusserung dennoch als Verachtung für Menschen, die trotz Ausbildung keine Arbeit finden.

Wenn aus einer Beleidigung Widerstand wird

Die Symbolik hat in Indien eine zusätzliche gesellschaftliche Dimension. «Dalit» ist die Selbstbezeichnung für Menschen in Indien, die historisch als «Unberührbare» oder Kastenlose gelten und stark diskriminiert wurden. Abhijeet Dipke, der selbst Dalit ist, eignete sich das Schimpfwort bewusst an und drehte dessen Bedeutung um. So wurde die Kakerlake zum Symbol des Widerstands.

Kakerlaken gelten als widerstandsfähig und schwer auszurotten. Die Bewegung macht daraus eine politische Botschaft: «Cockroaches don't die» – Kakerlaken sterben nicht.

Herausforderung für Modi

Der Indien-Experte Shrey Kapoor (38) von den Universitäten Basel und Zürich bezeichnet dies als politische Selbstbehauptung. «Eine Zuschreibung, die entwürdigen soll, wird zum Ausgangspunkt eines gemeinsamen Anspruchs auf Gleichheit», sagt er.

Die Bewegung sei zudem nicht einfach eine Protestorganisation der Generation Z, wie man oft hört. Auch Bauerngewerkschaften und Teile der Dalit-Bewegung hätten sich angeschlossen. Ob sie langfristig unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen verbinden könne, sei allerdings offen. «Die Gegensätze zwischen den Beteiligten verschwinden durch einen gemeinsamen Namen nicht», sagt Kapoor.

Für die Modi-Regierung wird der Protest zu einer politischen Herausforderung. Besonders brisant sind die Vorwürfe rund um die Wahlkommission.

Kapoor sieht in den Protesten die grösste Herausforderung für die Regierung seit den Bauernprotesten von 2020/21. Die Bewegung greife die Wahlkommission an und stelle damit das Vertrauen in den Wahlprozess infrage.

Wie belastbar ist Indiens Demokratie?

Der Indien-Experte Nicolas Martin (49) von der Universität Zürich mahnt zugleich, die demokratische Geschichte des Landes differenziert zu betrachten. Indien sei seit der Unabhängigkeit 1947 fast durchgehend eine formale Demokratie mit regelmässigen Wahlen, unabhängiger Justiz und ziviler Kontrolle des Militärs gewesen.

Doch formale demokratische Institutionen garantierten nicht automatisch gleiche Rechte für alle. «Viele Beobachter würden jedoch sagen, dass die Wahldemokratie den ärmeren Indern ihre Bürgerrechte nie verlässlich gesichert hat», sagt Martin.

Internationale Rankings dokumentieren seit Jahren eine Verschlechterung der demokratischen Stellung Indiens. Die «Economist Intelligence Unit» stufte das Land 2020 als «fehlerhafte Demokratie» ein. Auch bei der Pressefreiheit schneidet das Land schlecht ab.

Massives Sicherheitsaufgebot

Die Situation spitzt sich gerade zu. Mit einem massiven Sicherheitsaufgebot versucht die Regierung in Indien, neue Proteste der Kakerlaken-Bewegung gegen die Überarbeitung der Wählerverzeichnisse zu verhindern. Mehr als 25'000 Polizisten und paramilitärische Kräfte wurden am Freitag in der Hauptstadt Neu-Delhi mobilisiert.

Die Behörden liessen einen zentralen Park für zwei Tage schliessen. Als Begründung nannten sie «administrative» Gründe. Die CJP hatte ihre Anhänger aufgerufen, sich dort zu versammeln.

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