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Monday, October 5, 2026

Wieso will Ruanda Europa-Asylsuchende aufnehmen, Frau Ministerin?

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  • Dr. Usta Kaitesi, Ruandas Staatsministerin für auswärtige Angelegenheiten, erklärt im Interview mit 20 Minuten, weshalb Ruanda offen für Asylbewerbende aus Europa ist.
  • Ruanda sieht Migration als globale Herausforderung und will Teil der Lösung sein – geprägt durch die eigene Geschichte als einstiges Flüchtlingsland.
  • Von Ruandas 13,2 Millionen Einwohnern sind laut Volkszählung 2022 rund 117’375 ausländische Staatsangehörige, dazu kommen rund 140’000 Vertriebene.

Frau Kaitesi, Ruanda zeigt sich international sehr offen für Migration und die Aufnahme von Flüchtlingen. Weshalb?

Für Ruanda ist Migration kein neues Thema. Es gab in unserer Geschichte eine Zeit, da war Ruanda selbst eines der Länder mit den meisten Flüchtlingen weltweit. Deshalb verstehen wir das Leid der Betroffenen. Wir wollen Menschen, die vorübergehend oder dauerhaft zu uns kommen, ein würdiges Leben ermöglichen.

Weshalb wollte Ruanda Asylverfahren von Grossbritannien übernehmen?

Wie ich bereits gesagt habe: Wir haben eine Geschichte. Migration ist aber auch eine globale Herausforderung und Ruanda will Teil der Lösung sein.

Dr. Usta Kaitesi

Dr. Usta Kaitesi ist Ruandas Staatsministerin für auswärtige Angelegenheiten. Sie ist damit eine Hierarchiestufe unter dem Aussenminister des Landes. Die Juristin und frühere Senatorin vertritt die Regierung in Fragen der Aussenpolitik und internationalen Zusammenarbeit.

Vor dem Amtsantritt als Staatsministerin war Kaitesi Mitglied des Senats und CEO des Rwanda Governance Board.

Vor dem Amtsantritt als Staatsministerin war Kaitesi Mitglied des Senats und CEO des Rwanda Governance Board.zVg

Welche Rolle spielte bei diesem Abkommen die finanzielle Komponente? Ruanda hätte ja mehrere Hundert Millionen Pfund erhalten sollen.

Grossbritannien hatte ein Problem und suchte einen Partner für eine Lösung. Wir haben einen Vorschlag gemacht und anschliessend ein normales Abkommen zwischen zwei Ländern geschlossen. Dass dabei finanzielle Verpflichtungen vereinbart wurden, macht Geld nicht zum wichtigsten Element des ganzen Abkommens.

Nein?

Wir haben auch vor diesem Abkommen schon viele Menschen aufgenommen, etwa Personen aus Libyen oder afghanische Schülerinnen – ohne finanzielle Gegenleistung. Es ist also nicht der finanzielle Anreiz, der unsere Migrationspolitik bestimmt.

Gibt es eine Obergrenze, wie viele Menschen Ruanda aufnehmen kann oder will?

Das ist in Ruanda noch kein Thema. Deshalb möchte ich mich nicht auf hypothetische Szenarien einlassen.

Wie viele Ausländer leben in Ruanda? Und könnten steigende Migrationszahlen diese offene Politik verändern?

Die genaue Zahl müsste man überprüfen. Aber sie verändert unsere Politik nicht. Für uns ist klar: Wir wollen Chancen schaffen und offen bleiben. Migration ist menschlich. Sie ist in Ruanda weder politisch noch praktisch ein Problem.

Bevölkerungszahlen in Ruanda

Gemäss der jüngsten Volkszählung von 2022 sind von den rund 13,2 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern Ruandas 117’375 ausländische Staatsangehörige. Das entspricht knapp 0,9 Prozent der Bevölkerung.

Zudem leben in Ruanda rund 140’000 gewaltsam Vertriebene, darunter Flüchtende und Asylsuchende, vor allem aus der Demokratischen Republik Kongo und Burundi.

Es gibt in Ruanda eine hohe Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen. Wie nehmen diese die offene Politik Ruandas wahr?

Das ist hier kein Problem. Wir sind Mitglied der Ostafrikanischen Gemeinschaft und die Freizügigkeit von Menschen ist ein Teil davon. Man müsste die Ursachen der Arbeitslosigkeit, den Arbeitsmarkt und die Ausbildung der Menschen anschauen. Für diese Generation sehe ich darin aber kein Problem.

Wie beurteilen Sie die Migrationsdebatte in Europa? Was würden Sie dem Kontinent raten?

Das ist eine interessante Frage. Vielleicht würde ich mich dafür entscheiden, Europa keinen Rat zu geben. Europa ist nicht ein einziges Land, sondern besteht aus sehr unterschiedlichen Staaten. Ich möchte deshalb nicht über die Politik eines bestimmten Landes urteilen.

Es ist aber offensichtlich, dass Migration ein wichtiges Thema ist: Die Bevölkerungen verändern sich. Viele Länder müssen sich stärker öffnen, weil ihre demografische Entwicklung dies verlangt. In manchen Ländern sind die Debatten auch sehr extrem. Migration hat es aber immer und überall gegeben, nicht nur in Europa. Auch in Afrika ist sie eine grosse Herausforderung und braucht klare Antworten.

Wie beurteilst du Ruandas Angebot, Asylverfahren oder Asylsuchende aus Europa aufzunehmen?

Wie würde eine solche klare Antwort lauten?

Man muss die Ursachen der Migration angehen. Menschen sollten nicht wegen Krieg oder wirtschaftlicher Not migrieren müssen. Ich möchte auch nicht sehen, wie Menschen auf dem Weg nach Europa im Meer sterben.

Also?

Die wichtigste Lösung wäre, Frieden und Chancen zu schaffen, damit die Menschen in ihren eigenen Ländern würdig leben können. Dann können sie aus denselben Gründen migrieren wie andere Menschen auch: aus freiem Willen.

Thomas Leu

Thomas Leu (tle) arbeitet seit 2026 bei 20 Minuten. Er ist Praktikant im Ressort Politik.

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