Regierungswechsel in Israel?: Vom TV-Moderator bis zum General: Vier Rivalen fordern Netanjahu heraus

Regierungswechsel in Israel?Vom TV-Moderator bis zum General: Vier Rivalen fordern Netanjahu heraus
26.10.2026, 12:25 Uhr
Die Kritik an Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ist groß. Am Dienstag könnte die Karriere des 77-Jährigen an der Spitze des Landes vorbei sein. Vier Männer gehen gegen ihn ins Rennen - besonders einem werden gute Chancen zugesprochen.
In Israel wird am Dienstag ein neues Parlament gewählt. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu tritt nach insgesamt mehr als 19 Jahren an der Regierungsspitze zwar erneut als Spitzenkandidat seiner konservativen Likud-Partei an. Eine Mehrheit der Israelis macht den 77-Jährigen aber für das Versagen der israelischen Sicherheitskräfte bei dem Angriff der radikalislamischen Hamas am 7. Oktober 2023 verantwortlich. Seinen Herausforderern werden daher gute Chancen eingeräumt. Ein Überblick:
Gadi Eisenkot: Der General
Der ehemalige Generalstabschef Gadi Eisenkot ist laut jüngsten Umfragen Netanjahus Hauptrivale im Kampf um das Ministerpräsidentenamt. Der 66-jährige Mitte-Rechts-Kandidat gilt als integer und authentisch. In der Öffentlichkeit genießt er hohes Ansehen. Der Tod seines Sohnes Gal und zweier Neffen im Gaza-Krieg brachte ihm in Israel auch deshalb viel Anteilnahme ein, weil keiner der Söhne Netanjahus nach dem 7. Oktober Armeedienst leistete.
Eisenkots Eltern stammen aus Marokko. Unter den früheren Regierungschefs Ehud Barak und Ariel Scharon war der ausgewiesene Stratege und Hisbollah-Kenner als Militärsekretär tätig, von 2015 bis 2019 war er Armeechef. Erst 2022 ging Eisenkot in die Politik. Nach dem Hamas-Überfall war er kurzzeitig Teil von Netanjahus Kriegskabinett, trat aber 2024 zurück.
Eisenkot gilt als scharfer Kritiker von Netanjahus Führung. Der Oppositionsblock um die von Eisenkot 2025 gegründete Partei Jaschar (Hebräisch: Geradeaus) liegt in den Umfragen Kopf an Kopf mit Netanjahus Bündnis aus rechten und rechtsextremen Parteien.
Eisenkots Kurs im Konflikt mit den Palästinensern unterscheidet sich freilich wenig von dem Netanjahus: Er ist gegen einen eigenständigen Palästinenserstaat und die radikalislamische Hamas will er beseitigen. Auch die jüdische Besiedelung des von Israel besetzten Westjordanlandes unterstützt er.
Naftali Bennett: Der Ex-Regierungschef
Andere setzen ihre Hoffnungen in Naftali Bennett. Der frühere Ministerpräsident, der mit dem führenden Oppositionspolitiker Jair Lapid auf der gemeinsamen Liste Bejachad (Hebräisch: Zusammen) antritt, liegt laut Umfragen zwar weit hinter Eisenkot. Israelischen Beobachtern zufolge könnte es dem Mitte-Rechts-Politiker aber gelingen, von Netanjahu enttäuschte rechte Wähler für sich zu gewinnen.
Der frühere Tech-Unternehmer sorgte 2021 für Aufsehen, als er eine historische Koalition bildete, die das gesamte politische Spektrum Israels umfasste. Die Regierung hielt nur ein Jahr; nach einer Auszeit aus der Politik meldete sich der 54-Jährige nach dem Hamas-Angriff wieder verstärkt zu Wort.
Im Interview mit der "Times of Israel" warnte er im Juni vor einer weiteren Amtszeit von Netanjahus Regierung. Israel befinde sich in einem "existenziellen Moment", sagte er damals. "Noch einmal vier Jahre mit dieser Regierung, und wir werden keine Wirtschaft und keine Gesellschaft mehr haben." Auch Israels internationales Ansehen werde weiter massiv beschädigt, sagte er.
Bennett greift Netanjahu unter anderem wegen dessen Zugeständnissen an ultraorthodoxe Juden an. Er wirft ihm zudem vor, die beiden rechtsextremen Minister Itamar Ben Gvir und Bezalel Smotrich nicht mehr kontrollieren zu können. Auch äußerte er scharfe Kritik an der Regierungsstrategie im Krieg gegen den Iran.
Jair Lapid: Der Ex-Fernsehmoderator
Jair Lapid gehört seit mehr als zehn Jahren zu den bekanntesten Gesichtern der israelischen Politik. 2012 wechselte der beliebte TV-Moderator in die Politik und gründete die Mitte-Partei Jesch Atid. Der mittlerweile 62-Jährige etablierte sich rasch als einer der führenden Oppositionspolitiker und Netanjahu-Gegner.
Lapid war mehrfach als Minister tätig, insbesondere als Finanz-, später als Außenminister. Bereits 2022 schloss er sich mit Naftali Bennett zusammen - im Rahmen einer vereinbarten rotierenden Machtteilung übernahm er kurzzeitig das Amt des Ministerpräsidenten. Als erklärter Verfechter einer säkular-liberalen Linie stellte sich Lapid auf die Seite der Demonstranten gegen die umstrittene Justizreform der Netanjahu-Regierung, die Israel vor dem Hamas-Angriff tief gespalten hatte.
Trotz seiner Bekanntheit und politischen Erfahrung gelingt es Lapid jedoch kaum, Wähler außerhalb seiner urbanen, liberalen und säkularen Kernwählerschaft zu gewinnen. Nur wenige Beobachter sehen ihn derzeit in der Lage, genug Stimmen zusammenzubekommen, um Netanjahu vom Amt zu verdrängen. Im Bündnis mit Bennett, für den er auf seine eigene Spitzenkandidatur verzichtete, könnte Lapid allerdings erneut zum Königsmacher werden.
Avigdor Liebermann: Der säkular-nationalistische Politik-Veteran
Lieberman wurde 1958 in der damaligen Sowjetrepublik Moldau geboren. Ende der 1970er Jahre wanderte er nach Israel aus und ist seitdem aus der dortigen politischen Landschaft nicht wegzudenken.
Machte er sich anfangs als einer der engsten Vertrauten Netanjahus einen Namen, unter anderem als dessen Stabschef, verfolgte er bald eigene Ambitionen. Nach der Gründung der säkular-nationalistischen Partei Jisrael Beiteinu (Unser Haus Israel) 1999 stützte sich Lieberman zunächst auf die russischsprachige Wählerschaft. Später baute er seine Basis schrittweise aus und warb um Teile der israelischen Rechten.
Liebermann gilt als Schwergewicht unter den israelischen Politikern: Als einer der wenigen leitete er gleich drei der wichtigsten Ministerien Israels: die Ressorts Verteidigung und Finanzen sowie das Außenamt.
Wie Eisenkot und Bennett ist auch Liebermann ein Verfechter der strikten Einberufung ultraorthodoxer Männer in die israelische Armee. Die ihnen zugestandenen Ausnahmeregelungen lehnt er ab. Ob er sich mit den anderen Netanjahu-Rivalen auf eine Koalition einlässt, ist fraglich: Er hat mehrfach signalisiert, von seinem Anspruch auf das Amt als Regierungschef nicht abzurücken.
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