Durchsuchung in Berlin-Kreuzberg: Polizei razzt queeres Zentrum

Angeblich wegen eines Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz stellen Einsatzkräfte das Casa Kuà auf den Kopf. Dutzende versammeln sich aus Solidarität.
Foto: Darko Vojinovic/dpa/AP
Es ist kein halbes Jahr her, dass ein Auto in den CSD gerast ist, die queere Community stand unter Schock und Berliner Politiker schauten reihenweise betroffen aus der Wäsche. Das nützt Transleuten in Berlin wenig, wenn gleichzeitig Dinge passieren wie am Sonntagabend in der Kreuzberger Naunynstraße. Dort stürmte die Polizei am frühen Abend ein queeres Zentrum.
"Das Casa Kuà ist ein Ort, an dem sich queere Menschen und sonntags speziell Transmenschen treffen, um sich auszutauschen, neue Freunde zu finden und einfach einen Ort für sich zu haben", erklärt Suna. Sie steht gemeinsam mit einer Traube aus rund 100 Menschen vor der Einrichtung auf der Straße. Es ist dunkel, Blaulicht blinkt über der Versammlung. Seit ein paar Jahren besucht die 24-jährige trans weibliche Person den Treff regelmäßig.
Diesen Sonntag wurde ihr Aufenthalt jäh unterbrochen. Denn 38 Einsatzkräfte aus der sogenannten Schutzpolizei sowie der Kriminalpolizei setzten einen Wunsch der Staatsanwaltschaft um: Sie machten eine Razzia im Zentrum Casa Kuà und beschlagnahmten Dinge. Der Vorwurf: Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz.
Mit Krypto zur geschlechtlichen Selbstbestimmung
Außerdem nehmen die Uniformierten die Personalien von mindestens 21 Personen auf, denen allerdings nichts vorgeworfen wird, wie ein Polizist der taz sagt. Mehr möchte der willige Vollstrecker der transfeindlichen Aktion nicht erzählen. Der Polizist erklärt auch nicht, was das Arzneimittelgesetz mit der Veranstaltung zu tun haben soll, in der man etwas über Kryptowährungen lernen kann und die an diesem Tag im Casa Kuà geplant war: "The Dolls Workshop DIY & Cryptocurrency". Mit Krypto kaufen Menschen sich allen möglichen Quatsch im Internet. Für viele Transmenschen aber ist Krypto oft der einzige Weg, um an Hormone – also wichtige Mittel für die geschlechtliche Selbstbestimmung – zu gelangen.
„Die Polizei-Razzia ist ein Angriff auf unsere Community", kritisiert Suna. Die 24-Jährige findet es, anders als manch andere hier, die ablehnend auf Presse reagieren, wichtig, dass trans Menschen selbst sprechen, statt dass bloß über sie gesprochen wird. „Die gesellschaftliche Stimmung, in der wir gerade leben, finde ich sehr angespannt", sagt Suna der taz mit ernstem, traurigem Blick.
Erst der islamistische Terroranschlag auf den CSD im Sommer, der ihnen allen noch in den Knochen stecke, dann die drohenden "rosa Listen" von Innenminister Dobrindt und jetzt auch noch eine Razzia. "Was soll das?", fragt Suna. Obwohl sie keine Details zu dem Polizeieinsatz kennt, empfindet sie die Aktion als Schikane und Diskriminierung. "Ich fühle mich von diesem Staat nicht beschützt, sondern eher in die Enge getrieben", sagt die Studentin.
Spontane Protestdemo
Auch eine neue Abgeordnete der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus ist da, um ihre Solidarität zu zeigen. Sie will gerade eine Solidaritätsbekundung für die Trans-Community in die Kamera der taz-sprechen, da wird sie von einer demonstrierenden Person auf Spanisch ermahnt, besser nicht mit der Presse zu reden. Die Abgeordnete wirkt irritiert und sagt: "Die Stimmung ist zurzeit wirklich sehr aufgeheizt."
Bleibt zu hoffen, dass ihre Partei, die Berliner Linke, so sie denn eines Tages diese Stadt regiert, das Leben von queeren Menschen tatsächlich angenehmer machen kann – auch wenn Gesetze, Justiz und Polizei zunächst die gleichen bleiben. Dann tauchen in der Finsternis immer mehr Polizeiwannen auf. Volluniformierte Demo-Cops springen heraus und umstellen die Versammelten von allen Seiten. Die beiden Frauen schließen sich wieder der Menschenmenge an. Denn die will noch vom Casa Kuà zum Rio-Reiser-Platz gehen, um eine spontane Demonstration zu starten.
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