Russlanddeutsche in Kasachstan und der Umgang mit dem Erbe der Sowjetunion
Sie will Geschichte lebendig halten. Yunna Kinereish ist 22 und studiert Public Relations in der modernen Glitzer-Hauptstadt Astana. Sie bezeichnet sich selbst als "kasachische Deutsche". "Ich bin Deutsche von meiner Nationalität her. Aber ich fühle mich auch als Kasachin, weil ich die Traditionen in meiner Familie lebe und diese Mentalität habe", sagt sie der DW. Yunna Kinereish ist eine von 223.000 Kasachstan-Deutschen, die heute in der zentralasiatischen Republik Kasachstan leben.

Yunna Kinereish engagiert sich bei der "Republikanischen Vereinigung der Deutschen Kasachstans - Wiedergeburt" in der Jugendgruppe "Diamant". Die Studentin hat kürzlich am Jugendtheater als Schauspielerin das Schicksal ihrer Vorfahren auf die Bühne gebracht. Das Schicksal der Russlanddeutschen, die zunächst ins Land gelockt wurden und ab dem 28. August 1941 unter Diktator Josef Stalin aus ihren angestammten Gebieten in der Sowjetunion zu Hunderttausenden gewaltsam nach Sibirien oder Kasachstan deportiert wurden.
Kollektiv bestraft: Unschuldige im Visier der Sowjetmacht
Mindestens 200.000 von mehr als einer Million Menschen verloren durch Aussiedlung, Hunger und Zwangsarbeit ihr Leben. Genau vor 85 Jahren begann das Leid mit einem Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR. Eine direkte Reaktion auf den Überfall des nationalsozialistischen Deutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941.
Menschen, die nichts mit dem Terror der Hitler-Truppen zu tun hatten, wurden kollektiv mitverantwortlich gemacht, sie wurden als Spione und Kollaborateure denunziert.
"Meine Familie ist Teil dieser Geschichte, von diesen schweren Zeiten. Sie wurden vertrieben aus dem ukrainischen Dorf Kleinwärter, einer Siedlung von Deutschstämmigen in der Ukraine." Die Schicksale, die sie und ihre Freundinnen auf die Bühne bringen, berührten sie sehr, sagt sie. "Für mich ist das nicht einfach, weil ich das tief im Herzen alles empfinde. Eigentlich möchte ich weinen. Ich muss aber stark sein, wenn ich im Deutschen Haus auf der Bühne stehe."
Kultur und Erinnerung unter einem Dach
Das modern ausgestattete "Haus der Wiedergeburt" in der Hauptstadt Astana ist das Zentrum für deutsche Kultur. Es wird überwiegend durch Fördermittel der Bundesregierung in Berlin finanziert. Hier werden Sprachkurse gegeben, wird Sozialarbeit geleistet und Erinnerungskultur gefördert. Im Zentrum stehen dabei die Themen Deportation und Repression in der Sowjetzeit.

Yunna Kinereish steht nicht nur auf der Bühne, sie dokumentierte die Geschichte auch filmisch. Im vergangenen Jahr hat sie einen Film über inhaftierte deutsche Frauen im Lager Alzhir gedreht. Es war eines der berüchtigtsten Lager des sowjetischen Gulag-Systems.
In Kasachstan entstand während der stalinistischen "Säuberungen" ab 1937 das wohl größte Lagersystem der Sowjetunion. Allein das Lager Alzhir durchliefen 18.000 Frauen. Frauen, die dort inhaftiert wurden, nur weil ihre Männer als Volksfeinde oder Verräter verurteilt worden waren. Unter ihnen waren 167 deutschstämmige Frauen, deren Schicksal die Gruppe "Diamant" im Film zeigt.

Die Gedenkstätte für das Frauenlager Alzhir liegt direkt vor den Toren der neuen Hauptstadt Astana. Die 1,7-Millionen-Einwohner-Stadt ist am Reißbrett entstanden und erst seit 1997 Hauptstadt des größten zentralasiatischen Landes geworden. Kasachstan kann man als einen autoritär regierten Präsidialstaat bezeichnen.
Auf den Straßen von Astana herrscht Dauerstau. Fußgänger sind kaum zu sehen, Fahrradfahrer gibt es nicht. Astana wächst. Überall am Stadtrand: Neubauten. Dahinter öde Steppe, bis man nach etwa einer Stunde Autofahrt das Dorf Akmol erreicht.

Bevor man das eigentliche Museum betritt, durchschreitet man den "Bogen der Trauer"; eine riesige Stahlkonstruktion, die an das Leiden der Frauen und die Zwangsarbeit erinnern soll. Im Museum selbst: persönliche Gegenstände der inhaftierten Frauen, Modelle der primitiven Unterkünfte, Originaldokumente und Fotos.
Unter den Fotos ist auch das von Gertrud Platais, einer Frau mit deutschen Wurzeln, die lange in Alzhir inhaftiert war. Platais stammte aus Niederschlesien, das heute zu Polen gehört. Die Druckerin heiratete Karl Eduard Platais und nahm die sowjetische Staatsbürgerschaft an. Während des "Großen Terrors" in der Sowjetunion wurde ihr Ehemann 1938 verhaftet. Auch Gertrud Platais wurde verurteilt; als "Familienangehörige eines Verräters der Heimat".

Sie wurde nach Alzhir überstellt und musste dort bis 1946 als Stickerin Zwangsarbeit leisten, in einer Region, wo im Sommer 40 Grad Hitze herrschen und die Temperaturen im Winter auf minus 40 Grad fallen. Es folgte eine lebenslange Verbannung in das Großlager Karaganda. Erst 1956 wurde Gertrud Platais rehabilitiert. Ein Einzelschicksal, das den Terror des sowjetischen Systems auf kasachischem Boden dokumentiert.
Das weitaus größte Lagersystem war jedoch der sogenannte Karlag (Karagandinsches Besserungslager). Ein Komplex so groß wie das deutsche Bundesland Thüringen. Der Karlag war nicht nur ein Gefangenenlager, sondern ein riesiger Wirtschafts- und Landwirtschaftskomplex, den zwischen 1931 und 1959 fast eine Million Menschen durchliefen.
Allein zwischen 1940 und 1950 sollen hier rund 10.000 Gefangene gestorben sein: durch Hunger, Kälte, Krankheiten und die Folgen der Zwangsarbeit.

Zwischen Gedenken und Inszenierung
Das Museum liegt mitten in der kasachischen Steppe, in der Nähe der Stadt Karaganda, rund 250 Kilometer südöstlich von Astana. Die Gedenkstätte befindet sich im ehemaligen Verwaltungsgebäude des Lagersystems. Deutsche Historiker und Fachleute runzeln ein wenig die Stirn beim Besuch, denn in diesem Gebäude wurde nicht gefoltert oder drangsaliert, hier wurde verwaltet.
Zu sehen sind nachgebaute Verhör- und Folterzellen. Untermalt wird das ganze durch melodramatische Musik, die überall aus den Lautsprechern quillt: Inszenierung statt Authentizität. Wie auch die Alzhir-Gedenkstätte ist das Karlag Museum nicht besonders gut besucht. Selbst akademisch ausgebildete junge Menschen kennen die Gedenkstätte nicht unbedingt.
"Bei vielen Menschen und Teilen der Politik gibt es in Kasachstan kaum Interesse an einer Aufarbeitung der teils grausamen Geschichte des Landes", sagt Katherine M. Erdmann. Seit rund einem Jahrzehnt beschäftigt sich die amerikanische Anthropologin und Archäologin an der Nazarbayev-Universität in Astana mit dem Gulag-System. "Wir wollten herausfinden, wo die Lager genau waren, und wie man sie heute noch erkennen kann."

Erdmann: "Die Zwangsarbeit hat die Landschaft geformt"
Erdmann und ihre Studentinnen und Studenten setzten auf moderne Technik wie Drohnenüberflüge. Aber auch Befragungen und Recherchen am Boden gehören dazu. "Die Zwangsarbeit hat in großen Landesteilen die Landschaft geformt", sagt Erdman. Neben den primitiven Unterkünften entstanden oft Betriebe. Häuser wurden errichtet, mit Ziegeln, die in Zwangsarbeit hergestellt wurden. Ihre Erkenntnisse teilen die Forscher direkt mit Nachbarn und den lokalen Verwaltungen vor Ort.
"Oft begegnet uns nur Apathie oder bloße Ablehnung", sagt Erdman. Die breite Öffentlichkeit sei an Geschichtsaufarbeitung kaum interessiert. An die unrühmliche Vergangenheit wollen viele nicht erinnert werden in einer Zeit des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstiegs, beklagt Erdmann.
International wolle man demonstrieren, dass man sich mit den dunklen Seiten der Geschichte befasse, aber oft erlebe sie mangelndes Interesse und sogar Ablehnung. Seit einem Jahrzehnt forscht die Wissenschaftlerin in Kasachstan. Für weitere Lehraufträge fehle die staatliche Finanzierung.
Kasachstan: Ein Land im Spannungsfeld zweier Großmächte
Yunna Kinereish gehört zu den jungen Menschen in Kasachstan, die nicht wollen, dass die Vergangenheit in Vergessenheit gerät. Die Kasachstan-Deutsche aus Astana gibt der DW zum Abschied dies mit auf den Weg: "Meine Vorfahren haben das Gulag-System in Kasachstan überlebt. Für mich ist es deshalb wichtig, die Wurzeln nicht zu vergessen und das von unseren Vorfahren Erlebte und Erlittene weiterzugeben."
Dieser Text ist im Rahmen einer Studienfahrt der "Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur" entstanden. Die aus Steuergeldern finanzierte Stiftung widmet sich seit 1998 der Auseinandersetzung mit der kommunistischen Diktatur in Deutschland, in der DDR, und in anderen Ländern.
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