Q&A Leben mit der Hitze – «Bereitet mich Saunieren ebenso auf Hitze vor wie heisse Bäder?»

Die nachfolgenden Aussagen und Empfehlungen ersetzen nicht die individuelle Abklärung oder Diagnose bei Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Chat-Protokoll
Ihr sagt in eurem Bericht, dass man sich auf die Hitze vorbereiten kann mit z.b. 40 Grad warmen Bädern. Was ist mit Saunabesuchen? Ergibt das dieselbe Wirkung?
Kay-Uwe Hanusch: Ja, Sauna geht recht gut für die Hitzeakklimatisierung. Studien zeigen, dass Sauna 10-15min bei 80°C 5x wöchentlich nach 3 Wochen eine vergleichbare Akklimatisierung erzeugt. Man muss aber damit rechnen, dass nach 2-3 Wochen die Anpassung wieder verloren geht, wenn es dann draussen zu kalt bleibt. Dann kann man aber durch 2-3x 10-15min Sauna bei 80°C die Akklimatisierung aufrechterhalten.
Ich arbeite in einer Gärtnerei, in der wir Gewächshäuser haben. In diesem Gewächshäusern ist es bis 50° heiss bei einer Luftfeuchtigkeit von bis zu 85 %. Wie lange soll man dort arbeiten? Bis zur nächsten Pause an einem kühleren Ort
Samuel Lüthi: Die Bedingungen die Sie beschreiben (50°C bei 85% Luftfeuchtigkeit) sind von der Theorie her für den menschlichen Körper nicht (oder nur für eine sehr kurze Zeit) auszuhalten. Ich denke am besten für ihre Gesundheit wäre es also, gar nicht in solchen Bedingungen zu arbeiten, da diese akut gefährlich sind!
Schwitzt man bei einer Schildrüse unterfunktion mehr bei der hitze
Afreed Ashraf: Eher nein. Bei einer Schilddrüsenunterfunktion ist das Schwitzen typischerweise eher vermindert. Vermehrtes Schwitzen und Hitzeintoleranz passen eher zu einer Schilddrüsenüberfunktion. Auch bei einer Unterfunktion kann man bei grosser Hitze natürlich ganz normal stark schwitzen. Falls das Schwitzen neu oder deutlich stärker als früher ist, insbesondere unter Einnahme von Schilddrüsenhormonen, wäre eine Kontrolle der Schilddrüsenwerte sinnvoll.
Ich hatte vor einigen Jahren (2018) einen Hitzeschlag und habe seitdem das Gefühl, deutlich empfindlicher auf Hitze zu reagieren als vorher. Ist das nach einem Hitzeschlag bekannt bzw. physiologisch erklärbar? Kann die Thermoregulation längerfristig verändert sein oder gibt es eine Art «Memory-Effekt», sodass der Körper bei Hitze schneller oder stärker reagiert?
Kay-Uwe Hanusch: Das Phänomen ist nicht unbekannt und wird immer wieder beschrieben. Die Thermoregulation selbst hat kein Memory-Effekt. Ein Zusammenhang könnte in der physiologischen Nähe zum Schmerz und Stress-System liegen. Schmerzhafte und thermische Reize werden über die selben neurologischen Bahnen (Protopathische Sensibilität) zum Gehirn geleitet. Die Verarbeitungszentren von Schmerz, Stress und Thermoregulation im Gehirn überlagern sich, wodurch sie sich gegenseitig beeinflussen. Wenn eines der Zentren stark irritiert wird, können sich verknüpfende Verbindungen zwischen Ihnen bilden. Dadurch können thermische Reize schneller ein Missempfinden, Stess und Angst auslösen. Hier könnte ein Expositionstraining unter psychotherapeutischer Anleitung hilfreich sein.
Ich, männlich 59 Jahre alt, leide im Winterhalbjahr (Oktober bis März) stark an Schmerzen in Hüften, Knien und Füssen. Die Diagnose ist eine Pseudogicht. Seit Juni habe ich aber keine Schmerzen mehr. Ich liebte diese Hitze im Sommer sehr. Wäre es richtig, wenn ich nach der Pensionierung den Winter im Süden verbringe?
Afreed Ashraf: Guten Abend und vielen Dank für Ihre interessante Beobachtung. Dass Sie im Sommer deutlich weniger Beschwerden haben, ist als persönliche Erfahrung durchaus relevant und kann für Ihr Wohlbefinden eine wichtige Rolle spielen. Für Pseudogicht ist wissenschaftlich allerdings nicht gut belegt, dass warme Temperaturen Schübe verhindern oder dass die Erkrankung einem klaren saisonalen Muster folgt. Wenn Sie merken, dass Ihnen ein wärmeres Klima deutlich gut tut, ist es nachvollziehbar, dass Sie einen Winter im Süden in Erwägung ziehen. Ob die Wärme selbst die Pseudogicht beeinflusst, lässt sich daraus aber nicht sicher ableiten. (Bei häufigen oder starken Schüben wäre zusätzlich eine hausärztliche oder rheumatologische Besprechung sinnvoll).
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Guten Abend! Bezüglich der Winterzeit weiss ich ziemlich gut, wie ich mich zB vor Erkältungen schützen kann, wie ich mein Immunsystem stärken kann etc. Der Hitze fühle ich mich aber recht hilflos ausgeliefert. Gibt es Massnahmen, wie ich meinen Körper besser auf Hitze vorbereiten kann? Kann man einen besseren Umgang mit Hitze irgendwie «trainieren»? Viele Grüsse!
Kay-Uwe Hanusch: Ja, wenn auch begrenzt. Wie im Beitrag erwähnt kann man durch regelmässige Saunagänge bzw. heisse Bäder sich vorbereitend an die Hitze akklimatisieren. Wenn die Hitze schon da ist, kann man sich durch stufenweises Aussetzen der Hitze an die Bedingungen gewöhnen. Starten Sie mit wenigen Minuten, je nachdem wie wohl Ihnen dabei ist, mit dem Aufenthalt in der Hitze und kühlen sich dann wieder an klimatisierten Orten ab. Dann erhöhen Sie Minute für Minute den Aufenthalt in der Hitze. Ihr Körper wird sich zunehmend an die Hitze gewöhnen.
Ich bin 54, in der Menopause unter HRT. Die Hitze setzt mir sehr zu, vor allem nachts, so dass ich schlecht bis ganz schlecht schlafe. Wir machen, was wir können: nachts und morgen früh lüften, tagsüber Fenster zu, Rolläden runter. Wir haben eine mobile Klimaanlage, um das Schlafzimmer abends zu kühlen. In der Nacht ist sie zu laut. Eine Splitanlage können wir nicht installieren. Das Zimmer heizt sich daher wieder auf, da die Wärme mittlerweile in den Wänden ist. In der Nacht haben wir einen Ventilator und leichte Bettwäsche. Was kann man noch machen, um das Schlafzimmer zu kühlen und den Schlaf zu verbessern?
Christine Blume: Besten Dank für Ihre Frage. Sie schöpfen die Möglichkeiten zur Kühlung des Raums bereits aus, weshalb ich versuchen würde, den Körper selbst bei der Kühlung zu unterstützen. Das ergibt auch deshalb Sinn, weil unser Körper am Abend abkühlen muss, damit wir gut einschlafen können und auch der Schlaf selbst von einer niedrigeren Körpertemperatur profitiert. Unser Körper kühlt am Abend vor allem dadurch ab, dass wir Wärme an die Umgebung abgeben, insbesondere über feine Gefässgeflechte in den Händen und Füssen. Bei einer hohen Umgebungstemperatur ist diese Wärmeabgabe erschwert, was sich negativ auf den Schlaf auswirkt. Ich empfehle deshalb lauwarme, nicht zu kalte Fuss- und Handbäder. Auch kann eine mit Wasser gefüllte Wärmflasche, die den Tag über im Kühlschrank lag, angenehm sein. Aus dem Tierbedarf gibt es ausserdem kühlende Matten (eigentlich für Hunde) mit einem kühlenden Gel. Diese funktionieren ohne Strom, meist steht dort etwas wie «wird durch Druck aktiviert». Ein Ventilator hilft ausserdem dabei, Wärme vom Körper weg zu transportieren, da gibt es auch Geräte, die sehr leise sind. Und schliesslich gibt es auch Decken mit einem kühlenden Material, z.B. einem paraffinhaltigen Material, welches Wärme aufnimmt und so kühlt.
Grüezi Ich frage mich, ob die Gefahren auch für Menschen in heissen Klimazonen gilt?
Samuel Lüthi: Ja, definitiv und die Gefahren sind sogar noch wesentlich grösser. Zwar sind die Bevölkerungen in heisseren/tropischen Regionen etwas besser angepasst, z.B. durch weniger Arbeit zu den heissesten Stunden des Tages oder Klimaanlagen (in den reicheren Ländern). Gerade aber in Länder die stark armutbetroffen sind, können sich Menschen nur sehr schlecht anpassen. Es gibt zum Beispiel Forschung, die aufzeigt, wie Menschen in Slums während Hitzewellen auf der Strasse schlafen, was Sie wiederum anderen Gesundheitsgefahren und (sexueller) Gewalt aussetzt. Zudem ist in tropischen Regionen die Gefahr von feuchter Hitze viel grösser als bei uns. Bei dieser feuchten Hitze kann sich der Körper schlechter kühlen, da das Schwitzen weniger effizient ist. Übersteigt diese feuchte Hitze einen gewissen Schwellenwert, wird diese sehr schnell tödlich – auch für gesunde Menschen. Viele Klimastudien deuten darauf hin, dass in Zukunft solche Bedingungen gerade in den bevölkerungsreichen Regionen Indiens, Pakistans oder Westafrika regelmässig auftreten könnten. Um so wichtiger also, dass wir uns nicht nur an die Hitze anpassen, sondern auch so schnell wie möglich unsere Emissionen auf netto null reduzieren, um diese Szenarien abzuwenden.
Guten Abend Ich bin 74 und muss täglich 2x100 mg Entresto und 5 mg Nebivolol einnehmen. Ich habe festgestellt, dass der Blutdruck tiefer ist, wenn es so heiss ist, bin jedoch noch nie gestürzt. Aber ich fühle mich etwas unsicher auf den Beinen. Sollte ich die Medikamente reduzieren, z. B. nur 100 mg Entresto?
Afreed Ashraf: Guten Abend und vielen Dank für Ihre Frage. Bei grosser Hitze kann der Blutdruck tatsächlich tiefer sein, unter anderem weil sich die Blutgefässe erweitern und man durch Schwitzen zusätzlich Flüssigkeit verliert. Entresto und Nebivolol können den Blutdruck zusätzlich senken. Da Sie sich bereits etwas unsicher auf den Beinen fühlen, sollten Sie die Medikamente nicht eigenständig reduzieren. Sinnvoll wäre, Blutdruck und Puls während einigen Tagen morgens und abends zu messen und die Werte aufzuschreiben. Mit diesen Werten können Sie sich bei Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt melden und gemeinsam beurteilen, ob eine Anpassung der Medikation notwendig ist.
Bei vielen Medikamenten wird empfohlen, sie bei Zimmertemperatur im Bereich von 15-25 Grad Celsius zu lagern. Diesen Sommer hatte ich teilweise bis zu 33 Grad in meiner Wohnung. Wie kann sich das auf Medikamente auswirken? Welche Möglichkeiten gibt, um Medikamente trotz zu warmer Zimmertemperatur „kühl“ zu halten? Der Kühlschrank wäre ja wiederum zu kühl…
Christine Blume: Da unterschiedliche Wirkstoffe auch unterschiedlich empfindlich gegenüber Wärme sein können, empfehle ich Ihnen, in Ihrer Apotheke nachzufragen.
Wieso habe ich bei grosser Hitze immer nur den linken Fuss geschwollen?
Samuel Lüthi: Es ist durchaus normal, dass Füsse bei Hitze etwas anschwellen – die Blutgefässe weiten sich, um Wärme abzugeben, Da dies bei Ihnen nur einseitig der Fall zu sein scheint, lohnt es sich mit ihrem Hausarzt darüber zu sprechen!
Als Frau, 71, habe ich seit ca. 5 Jahren grosse Probleme mit der Hitze. Diese lähmt mich richtig und zwingt mich zuhause zu bleiben. Bei mir löst die Hitze Atemprobleme und Schwindel aus. Gemäss Gesundheitsportale soll dies am Fettanteil und bei Frauen an weniger Schweissporen liegen. Mein Gewicht habe ich, seit ich 30 Jahre alt bin, gehalten und mein Fettanteil hat minim zugenommen. (Grösse 1.61m, Gewicht 55 kg). Daran kann es meiner Meinung nach nicht liegen. Frage: Verändert sich der Wärmeaustausch des Körpers im Alter so enorm? Was hilft, diesen anzukurbeln? Die Politik ist gefragt. Die Gemeinden sollten sich viel mehr mit dem Thema Klimaveränderung auseinandersetzen (mehr Bäume, beschattete Plätze, klimatisierte Warteräume, Trinkwasserbrunnen etc.) Auch sollte die Möglichkeit des Einbaus einer Klimaanlage in Privatwohnungen unkompliziert möglich sein. Der Stromverbrauch und die Effizienz solcher Anlagen ist besser als die Montage mobiler Anlagen. Besten Dank.
Samuel Lüthi: Vielen Dank für Ihre Frage. Tatsächlich verändert sich die Wärmeregulation im Alter deutlich: Die Schweissdrüsen reagieren später und schwächer, die Haut wird weniger durchblutet (worüber der Körper Wärme abgibt), und das Durstgefühl lässt nach. Man kann diese Prozesse mit regelmässigem Sport verlangsamen, aufhalten lassen sie sich allerdings nur schwer. Da Sie auch Atemprobleme (was im Vergleich zum Schwindel untypischer ist) beschreiben, lohnt sich vielleicht mal ein Besuch beim Hausarzt. Und ich bin einverstanden: Die Möglichkeiten von uns Individuen gehen nur so und so weit. Die Politik ist gefragt.
Ich wohne in einer Einrichtung für junge behinderte Menschen. Wir haben sehr unter der Hitze gelitten, und ich leide auch stark darunter. Manche haben MS, andere sind querschnittgelähmt, wieder andere haben eine Muskelkrankheit, oder Hirnverletzungen. Wir wohnen leider in einem alten Backsteinhaus – und Backstein ist wirklich Programm.. es speichert die Hitze über lange Zeit. Wir lüften in der Nacht, wir dunkeln ab, verschliessen Fenster, und Balkontüre – und nutzen Ventilatoren. Nur im Speisesaal ist eine Klimaanlage da, sonst in den Bewohnerzimmern nicht. Was können wir sonst noch tun ? Ich möchte den Mitbewohnern das Leben etwas erleichtern. Das Problem ist, dass wir nur an bestimmten Tagen duschen – es gibt Duschpläne, was eine Dusche dann wenn man es eigentlich nötig hätte, verhindert. Wir trinken auch Wasser. Und ich denke auch an meine über 90jährige Mutter. Ich mache mir Sorgen um sie, Ich möchte ihr helfen, aber das ist nicht so einfach, weil ich körperlich behindert bin. Sie trinkt viel Wasser, dunkelt auch ab, und schliesst dann die Fenster. Was könnte sie noch machen ? Sie lebt noch alleine.
Samuel Lüthi: Vielen Dank für Ihre Nachricht. Sie sprechen einen absolut zentralen Punkt in dieser Debatte an: Wie können wir die Leute, die speziell vulnerabel sind unterstützen! Sie machen eigentlich alles richtig. Ich kann einzig noch gelegentliche Fussbäder ergänzen, und vielleicht schauen, dass die Mitbewohnerschaft etwas länger bei der Klimaanlage im Speisesaal sein kann. Persönlich denke ich, dass es gerade in solchen Settings mehr Klimaanlagen braucht. Zusätzlich wünschte ich auch Unterstützung von der Politik und den Institutionen; so dass die erhöhte Belastung während Hitzeperiode auf mehr Pfleger:innen verteilt werden kann.
Viele Menschen fürchten sich bei Ventilatoren und Kühlgeräten (zB auch im Auto) vor einem steifen Nacken («Halskehre») – ist da was dran?
Afreed Ashraf: Da ist tatsächlich etwas dran, allerdings etwas anders als oft gedacht: Kälteexposition ist in Studien mit häufigerem Auftreten von Nacken und Schulterschmerzen verbunden. Ein Ventilator oder eine Klimaanlage verursacht aber keine eigentliche «Halskehre» im Sinne einer Torticollis. Wahrscheinlicher ist, dass ein länger direkt auf den Nacken gerichteter kalter Luftstrom die Muskulatur abkühlt und dadurch Verspannungen und Schmerzen begünstigt. Deshalb Ventilator oder Klimaanlage besser nicht dauerhaft direkt auf den Nacken richten. Solche Beschwerden sind in der Regel harmlos und vorübergehend.
Grüezi Ich bin Jahrgang 1953. Als Kind bin ich sehr schnell in‘s Schwitzen gekommen. Das ist bis heute so, aber diesen Sommer habe ich extrem gelitten. Gibt es Menschen, die eher zu wärme im Körper neigen? Wenn ICH sage, dass es kalt ist, dann ist das so! Leider auch im Winter. Beste Grüsse
Kay-Uwe Hanusch: Ja, die Wahrnehmung von Wärme, Hitze oder Kälte ist Abhängig von der Aktivität und Verteilung von Temperatursensoren (Rezeptoren) in der Haut. Diese werden zwar ständig auf- und wieder abgebaut und passen sich somit an die Umgebungstemperatur an, sind aber in Menge und Verteilung auch genetisch bedingt. Deshalb ist die Wahrnehmung vorn Temperaturen zwischen den Menschen sehr unterschiedlich.
Mit einer Kopfbedeckung habe ich das Gefühl, die Hitze staut sich zwischen Kopf und Kopfbedeckung – macht eine solche (bei voller Haarpracht) tatsächlich Sinn?
Kay-Uwe Hanusch: Es gibt tatsächlich Kopfbedeckungen, welche die Hitze durchlassen und dadurch den Hitzestau vermeiden. Diese finden Sie in den typischen Sportfachgeschäften.
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