Wirkung unserer Stimme – Stimme als Medizin – die Kraft des Singens

«Auf dem Weg zur Arbeit singe ich mich immer ein», erzählt die Sängerin und Gesangspädagogin Veronika Stalder aus Luzern. «Es erstaunt mich jedes Mal, wie gut es mir tut. Wenn ich mich ein bisschen neben den Schuhen fühle, bin ich nach dem Einsingen ganz bei mir und bereit für meine Arbeit. Singen kittet Seele und Körper zusammen.»
Für Veronika Stalder lohnt es sich also, auf dem Arbeitsweg, beim Kochen oder unter der Dusche vor sich hin zu summen oder eine Lieblingsmelodie zu singen. Wer das Gefühl hat, nicht singen zu können, könne auch einfach einen Ton erklingen lassen, meint sie.
Wenn wir singen, kann das Gehirn das Glückshormon Dopamin ausschütten. Es bringt uns in Hochstimmung und schenkt Leichtigkeit. Doch damit nicht genug. Dopamin ist auch an Prozessen des Immunsystems beteiligt. Das fanden Forschende des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig heraus. Singen könnte demnach unserem Immunsystem helfen, Erreger abzuwehren.
Gefühle ausdrücken – ohne Worte
«Die Stimme ist unser erstes Musikinstrument. Schon als Baby bringen wir damit unsere Gefühle zum Ausdruck. Jeder Mensch hat eine unverwechselbare Stimme», sagt Veronika Stalder. Und viele seien sich nicht bewusst, was sie an ihrer Stimme haben: «Singen aktiviert die rechte Gehirnhälfte. Dort sind Gefühle, Ahnungen und Stimmungen zu Hause. Die Stimme verbindet uns mit unserem innersten Wesen».
Stalder gibt Kurse für Menschen, die ihre Stimme entdecken wollen. Es gehe dabei nicht darum, schön zu singen, sondern seinen eigenen Ton zu finden und in Einklang mit sich zu kommen: «Es braucht Mut und Vertrauen, seine Stimme erklingen zu lassen. Viele glauben, sie könnten nicht singen.»
Die menschliche Stimme vermag tiefe Regungen und Gefühle auszudrücken. Auch ohne Worte. Gleichzeitig fördert Singen laut Stalder die Kreativität. «Viele meiner Songs sind durch die Beschäftigung mit meiner Stimme entstanden», berichtet die Songwriterin.
Vom Summen und Atmen
Singen oder Summen hat verschiedene positive Wirkungen auf unsere Gesundheit. Beim Summen etwa lässt sich in der Nasenluft etwa 15-mal mehr Stickstoffmonoxid messen als beim ruhigen Ausatmen. Das entdeckten Forschende am Karolinska-Institut in Stockholm. Stickstoffmonoxid gilt als wichtiger Botenstoff im Immunsystem. Es erweitert Blutgefässe, dadurch kann Blut besser fliessen und der Blutdruck sinkt.
Veronika Stalder nennt noch ein weiteres wichtiges Beispiel: den Vagusnerv. Dieser ist Teil des parasympathischen Nervensystems, das für Ruhe, Regeneration und Entspannung zuständig ist. «Wir regen den Vagusnerv an, wenn wir singen», erläutert Stalder. Der längste Gehirnnerv läuft nämlich durch den Kehlkopf.
Der Vagusnerv ist vielseitig: Seine Rolle besteht auch darin, das Gleichgewicht in unserem komplexen Körper herzustellen.
Der Neurochirurg und Immunologe Dr. Kevin J. Tracey aus New York ist der Pionier auf diesem Forschungsgebiet. Er entdeckte, dass der Vagusnerv chronische Entzündungen dauerhaft reduzieren kann, was der Schulmedizin bis anhin nicht gelungen ist. Chronische Entzündungen gelten als Risikofaktor für weitverbreitete Zivilisationskrankheiten.
Veronika Stalder wünscht sich, dass wir wieder öfter singen. Allein, aber auch gemeinsam. «Unsere Stimme ist Medizin für Seele und Körper. Und sie schenkt uns ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, wenn wir gemeinsam singen.» Ein grosses Geschenk in einer Welt voller Unstimmigkeiten.
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