Schule ohne Diskriminierung – Dilemma Diversität: Schulalltag zwischen Vorurteil und Vielfalt

Lumi Ismaili erinnert sich gern an ihre Schulzeit zurück. «Es war eine tolle Zeit für mich.» Die 42‑Jährige kam Ende der 1980er-Jahre aus dem albanischen Teil Serbiens in die Schweiz, der Vater war Gastarbeiter. «Vereinzelt hatte ich mit Vorurteilen zu kämpfen, aber nur sehr vereinzelt», erinnert sich Lumi Ismaili.
Viel lieber als von diesen Vorurteilen erzählt sie von den schönen Erlebnissen. Etwa, als sie, die sonst nicht religiös war, entschied, an Ramadan zu fasten. «Es war eine Zeit, in der ich viel ausprobierte.» Das Fasten war für die Teenagerin ein Weg, sich den Grosseltern in Serbien näher zu fühlen.
Ich glaube, dass Menschen nur dann wirklich Teil einer Gemeinschaft werden können, wenn sie Wertschätzung erfahren.
«Es war Winter, die Sonne ging um vier Uhr nachmittags unter, mitten im Musikunterricht», erzählt Lumi Ismaili. «Mein Musiklehrer wusste, dass ich faste. Er nahm mich zur Seite und erlaubte mir, während des Unterrichts zu trinken und zu essen, obwohl das sonst nicht erlaubt gewesen wäre.»
Diese zugewandte, wohlwollende Unterstützung ist ihr in guter Erinnerung geblieben: «Auf diese Weise habe ich keine Abwertung erfahren, sondern Wertschätzung und Anerkennung gespürt. Dafür bin ich bis heute sehr dankbar. Ich glaube fest, dass Menschen nur dann wirklich Teil einer Gemeinschaft werden können, wenn sie Wertschätzung statt Abgrenzung erfahren.»
Ramadan und die Skepsis im Lehrerzimmer
Ganz anders dann die Erfahrung, als sie später, als junge Lehrerin, an einer Basler Sekundarschule arbeitete. «Das Fasten war ein Riesenthema im Lehrerzimmer», sagt Lumi Ismaili.
«Die erste Reaktion den Schülerinnen und Schülern gegenüber klang anerkennend. Wow, du fastest.» Dann aber folgten die Nachfragen: Kannst du denn trinken? Kannst du ins Turnen? Kannst du dich konzentrieren, wenn du so früh aufstehen musst? «Aus den Fragen wurde klar, dass die Lehrerinnen und Lehrer das Fasten keine gute Idee fanden.»
Aus Sicht der Lehrerinnen und Lehrer sind die Nachfragen verständlich. Sie möchten sicherstellen, dass die Kinder dem Unterricht folgen können. Bei den Schülerinnen und Schülern könne diese kritische Haltung allerdings dazu führen, dass sie sich an der Schule nicht wohlfühlten.
Das sagt Zeinab Ahmadi. Sie forscht am Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft der Universität Freiburg zur Schulerfahrung muslimischer Kinder und Jugendlicher. «Die Jugendlichen sind ständig in einem Spannungsfeld zwischen den Erwartungen der Lehrerinnen und Lehrer – in diesem Fall das Fasten zu lassen – und ihren eigenen Wünschen und Vorstellungen.»
Diese Zerissenheit wirke sich auf ihr Wohlbefinden aus. «Die Jugendlichen hinterfragen, ob sie überhaupt dazugehören.»
Gleichberechtigung oder antimuslimischer Rassismus im Schulzimmer?
Dieses Gefühl kennt auch Elmira, eine der Teilnehmerinnen an Zeinab Ahmadis Studie: «Ich trage kein Kopftuch. Ich bin zwar religiös, aber sie kaufen es mir nur so halb ab», erzählt sie. Denn: Elmira ist nicht nur religiös, sondern auch Feministin. Und mit dieser Kombination stösst sie die Leute oft vor den Kopf.
Die Jugendlichen sind ständig in einem Spannungsfeld.
Die Vorstellung, wie eine Muslimin oder ein Muslim zu sein habe, sei oft sehr starr, erklärt Forscherin Zeinab Ahmadi. «Musliminnen wie Elmira werden dann als Ausnahme wahrgenommen, statt dass man die Vorstellung davon erweitert, was eine Muslimin sein kann.»
Kommt hinzu, dass Umfragen und Studien zeigen, dass der Islam in Teilen der Bevölkerung kritisch wahrgenommen wird. Dies überträgt sich auf muslimische Kinder und Jugendliche, egal, ob sie die Religion ausleben oder nicht.
Der Grundlagenbericht über antimuslimischen Rassismus des Bundes bestätigt die Annahme, dass der Islam in der Schweizer Gesellschaft kritisch wahrgenommen werde.
Die Schule, steht darin, sei ein massgeblicher Bereich, in dem Musliminnen und Muslime Diskriminierung erfahren. Dies wiederum steht im Widerspruch zu den Bildungszielen, die dem Lehrplan 21 zugrunde liegen: Die Schule wende sich «gegen alle Formen der Diskriminierung», «fördert die Gleichberechtigung» und «trägt in einer pluralistischen Gesellschaft zum sozialen Zusammenhalt bei».
Mehr Wissen notwendig
Was also tun? Forscherin Zeinab Ahmadi rät zu mehr «Religious Literacy», also «Religionskompetenz». Ein Konzept, erarbeitet an der US-Eliteuniversität Harvard. «Es geht darum, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass Religionen sich entwickeln. Und dass es innerhalb von Religionen viel Diversität gibt.»
Der eine Muslim fastet, die andere nicht. Die eine trägt ein Kopftuch, die andere nicht. «Wenn eine Schule diese innerreligiöse Diversität vermittelt, profitieren auch die Schülerinnen und Schüler. Sie sehen, dass es andere Arten des Islams gibt. Eine wichtige Erkenntnis.»
Diese «religiöse Alphabetisierung» wird an den Pädagogischen Hochschulen gelehrt, sagt Professorin Christina Aus der Au, Dozentin für «Religionen und Ethik» an der PH Thurgau. «Wir zeigen die Diversität innerhalb von Religionen.» Beim Islam zeige sie auf, wie schön die Religion sein könne, in Architektur, Poesie, Theologie. Sie bespreche aber auch die «dogmatisch rigiden Formen».
Allerdings: Diesen Unterricht geniessen nur diejenigen Lehrerinnen und Lehrer, die später das Fach «Religionen und Ethik» unterrichten. Im schulischen Alltag sind aber auch andere Lehrerinnen und Lehrer mit dem Islam konfrontiert. Sei es, wenn Schülerinnen und Schüler eben fasten möchten, ein Mädchen ein Kopftuch trägt oder der Nahostkonflikt auf dem Pausenhof zu Streit führt.
Hier sei es wichtig, dass die Pädagogische Hochschule nicht nur Wissen vermittle, sondern auch das Werkzeug, adäquat auf unterschiedliche Herausforderungen reagieren zu können, sagt Carmen Kosorok, verantwortlich für Diversität an der PH Thurgau.
Zu diesen Werkzeugen gehöre auch: Teamarbeit. «Meine Erfahrungen in der Weiterbildung mit Schulen zeigen, dass sich viele Schulen auf den Weg gemacht haben, die Zusammenarbeit im Team stärker ins Zentrum ihrer Schulentwicklung zu stellen. Insbesondere die jüngste Generation von Lehrerinnen und Lehrern bringt ein grosses Bedürfnis mit, sich zu vernetzen, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen und Herausforderungen im Team anzugehen.»
Sind Lehrerinnen und Lehrer bereit zur Selbstreflexion?
Das allein reiche allerdings nicht, sagt Zeinab Ahmadi. Schulen müssten bereit sein, Räume zu schaffen, in denen Probleme und Lösungen diskutiert werden können. Und Lehrerinnen und Lehrer müssten bereit sein, sich selbst zu reflektieren. Dazu gehöre auch, antimuslimischen Rassismus zu erkennen.
Je bunter wir zusammengesetzt sind im Kollegium, desto vertrauter sind wir mit anderen Bräuchen.
Diese Bereitschaft zur Selbstreflexion sehe er, sagt Thomas Minder, Präsident des Verbandes Schulführung Schweiz. Als oberster Schulleiter sieht er aber nicht nur die Lehrpersonen, sondern auch die Schulen in der Pflicht. «Ich denke, unsere Gesellschaft hat sich sehr verändert.»
Die Schweiz sei ein Immigrationsland und die Schule habe als Teil der Gesellschaft bereits viel dazu gelernt. «Aber es gibt noch viel Luft nach oben.» Sein Verband mache Werbung für Weiterbildungsangebote im Hinblick auf Diversität und stelle Unterlagen zur Verfügung.
Zur Diversität gehöre aber auch, dass die Schulen gleichsam beim Personal die ganze Vielfalt der Gesellschaft abbilden. «Je bunter wir zusammengesetzt sind im Kollegium, desto vertrauter sind wir mit anderen Bräuchen», glaubt Thomas Minder. Allerdings mit einer Einschränkung: Der Verband ist gegen religiöse Symbole an Schulen. Bei der Frage, ob eine Lehrerin Kopftuch tragen darf, rät der Verband Schulführung Schweiz zum Verzicht.
Mehr Pragmatismus und weniger Ideologie.
Forscherin Zeinab Ahmadi bezweifelt, dass mehr muslimische Lehrerinnen und Lehrer das Problem der Diskriminierung lösen würden. Lehrpersonen mit muslimischem Hintergrund könnten zwar Vorbilder sein für muslimische Kinder und Jugendliche. Aber: «Wenn die Schule keine Kultur pflegt, in denen verschiedene Meinungen und Positionen ihren Platz haben und sichtbar werden, und wenn man keinen kompetenten Umgang damit pflegt, dann ist ein diverses Lehrerzimmer eine Alibiübung.»
Pragmatismus statt Ideologie
Diese Erfahrung machte auch Lumi Ismaili. Als sie sich an der Sekundarschule für einen wohlwollenden Umgang mit dem Fasten einsetzte, fand sie wenig Gehör. Allerdings ist diese Erfahrung bereits zwölf Jahre her. An ihrem jetzigen Arbeitsort, dem Gymnasium Leonhard in Basel, habe sie nie Konflikte mit muslimischen Schülerinnen und Schülern erlebt.
Sie wünscht sich von allen Seiten «mehr Pragmatismus und weniger Ideologie». Damit die Kinder sich an der Schule wohlfühlen und gemäss ihren Stärken entwickeln können.
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