Reise über Russland und Belarus: Ukrainer verlassen Oleschky - Einwohner hat Angst vor "Tricks"

Reise über Russland und BelarusUkrainer verlassen Oleschky - Einwohner hat Angst vor "Tricks"
31.10.2026, 07:12 Uhr

In einem so bislang noch nicht da gewesenen Schritt lässt Russland eine ukrainische Delegation in die von Moskaus Truppen besetzten Gebiete reisen und Bewohner aus einer zerstörten Stadt abholen. Die Reiseroute von dort treibt manch einem Sorgenfalten in die Stirn. Andere wollen nicht weggehen.
Oleschky liegt in Trümmern. In der lange von der Außenwelt abgeschotteten und von russischen Truppen besetzten Frontstadt stehen Dutzende Menschen mit ihren gepackten Sachen. Sie wollen die "Geisterstadt" im südukrainischen Gebiet Cherson verlassen. "Schweren Herzens gehen wir", sagt Wera, sie wischt ihre Tränen mit der Hand ab. Die 50-Jährige und ihr Mann Sascha haben für ihr neues Leben im ukrainischen Gebiet Mykolajiw nur ein paar Beutel dabei. "Wir lassen alles zurück", sagt der 60-Jährige. "Hier war es mal so schön, bis die Russen meinten, ihnen gehört das. Nun ist alles kaputt", seufzt er. Sascha und Wera warten auf ihren Bus mit der Nummer 20.
Ob aus Kiew wirklich der Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinez angereist ist, wollen die beiden wissen. "Wir haben solche Angst, dass die Russen tricksen und uns mit dem Bus irgendwohin bringen - nur nicht in die Ukraine", sagt Sascha. Lubinez ist tatsächlich aus Kiew angereist - ein Stück auch mit einem russischen Flugzeug.
Lubinez reist gemeinsam mit der russischen Menschenrechtsbeauftragten Jana Lantratowa in einem Bus von der Krim, die Russland schon 2014 annektierte, nach Oleschky. Sie sprechen von einer "historischen Operation", danken US-First-Lady Melania Trump für die Vermittlung der Waffenruhe - und können sich auf dem Weg zum Frieden weitere humanitäre Aktionen vorstellen.
Lubinez kontrolliert, dass alle die wegwollen, wirklich mitkommen. Über 200 Einwohner stehen auf der Liste. Sie sollen am Wochenende von der russischen Schwarzmeer-Stadt Anapa aus nach Gomel in Belarus fliegen und von dort aus in die Ukraine weiterreisen. Wera erzählt, dass sie sich vor allem auf ihren Sohn freue, der in Polen lebt. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges vor mehr als vier Jahren haben sie sich nicht mehr gesehen.
Oleh will in Oleschky bleiben
Die Menschen können wählen zwischen weißen Bussen mit der Aufschrift Ukraine oder Russland. Oder bleiben. Nun kommen auch Hilfslieferungen an, Lebensmittel, Medikamente und Hygieneartikel. Mehr als 1.000 Menschen sollen hier noch leben. Aber so genau weiß das keiner. Vor dem Krieg waren es 24.000.
"Ich hoffe auf ein paar Fischkonserven", sagt Oleh, der bleiben will. Der ehemalige Physiklehrer ist dankbar für die internationale Aufmerksamkeit, die Melania Trump Oleschky beschert hat. Das russische Außenministerium hat zu der vom Verteidigungsministerium organisierten Reise auch ausländische Medien eingeladen, darunter die Deutsche Presse-Agentur und US-Journalisten von Newsmax, die für Melania Trump in Oleschky filmen.
Oleh sagt, er sei vor allem den Deutschen dankbar für die Hilfe für die Ukraine. Er hofft nur noch, dass der Krieg die längste Zeit gedauert hat und Oleschky wie alle von den Russen besetzten Gebiete wieder unter ukrainische Kontrolle kommt. Bis dahin hoffe er vor allem auf Sonne, damit die vielerorts sichtbaren Solaranlagen genug Strom liefern, sagt er mit einem Lächeln.
Bei den Bussen nach Russland ist weniger Andrang. Einige Bewohner Oleschkys haben ihren Hund oder die Katze dabei. Einige wollen auf die Krim, in der Nähe bleiben, falls es irgendwann wieder friedlich wird in Oleschky. Zwei Frauen um die 70 schwärmen von ihrer russischen Rente von 31.000 Rubel (rund 344 Euro) monatlich - deutlich mehr als in der Ukraine.
Russlands Krieg hat die Stadt in Schutt und Asche gelegt
So unterschiedlich die Geschichten der Bewohner von Oleschky sind, sie alle decken sich in einem: Das Überleben hier im fünften Kriegsjahr wird immer schwieriger. Der Winter ist nah. Viele Häuser liegen nach Drohnenattacken in Trümmern. Es gibt kaum etwas zu essen. Eine richtige Verbindung per Telefon oder Internet zur Außenwelt gibt es nicht.
Allgegenwärtig ist vor allem die Gefahr, von einer Drohne getroffen zu werden oder auf eine Mine zu treten. Jeder hier kennt jemanden, der einen Menschen verloren hat oder selbst schon verletzt wurde. Natascha etwa hat ihren Mann verloren bei einer Explosion. Aber bei der Frage, wer schuld ist, bleibt sie lieber still. "Ich will mit Politik nichts zu tun haben", sagt sie.
Kremlchef Wladimir Putin hatte den ukrainischen Streitkräften vorgeworfen, Minen mit Drohnen ausgelegt und so eine humanitäre Katastrophe ausgelöst zu haben. Die Menschen hier erinnern sich aber gut daran, dass es vor dem von Putin begonnenen Angriffskrieg und der völkerrechtswidrigen Annexion des Gebiets Cherson in Oleschky blühende Landschaften gab.
An diesem grauen und regnerischen Herbsttag stechen vor allem die vielen Ruinen ins Auge. Über den Zufahrtsstraßen sind Abfangnetze für die Drohnen gespannt. In den Netzen hängen viele Kadaver von Vögeln, die sich in dem feinen Garn verfangen haben.
Auch die Priester der russisch-orthodoxen Kirche, die zum Beten gekommen sind, sprechen von einer "Geisterstadt". Es müsse Frieden kommen, sagen sie. Sie befürchten, dass die entminten Straßen von Oleschky nach der am Sonntag endenden Waffenruhe wieder zu "Todespfaden" werden könnten.
Doch der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Lubinez äußert lieber die Hoffnung, dass Oleschky Vorbild sein könnte auch für andere Frontorte im Kriegsgebiet mit ähnlicher Lage. Der Kreml hält das für möglich. Russland, sagen die Offiziellen, wollte am Fall Oleschky nicht zuletzt zeigen, dass niemand gezwungen wird, unter Moskaus Herrschaft zu leben.
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