Krise in Kongo-Kinshasa – Joseph Kabila – vom Ex-Präsidenten zum Rebellenchef

Der frühere Präsident von Kongo-Kinshasa, Joseph Kabila, hat sich offiziell mit den M23-Rebellen verbündet. Sie kontrollieren grosse Teile des Ostens des Landes. Diese Woche wurde er zum Chef einer neuen Rebellenallianz ernannt, die seinen Nachfolger Félix Tshisekedi stürzen will – notfalls mit Gewalt. Afrika-Korrespondentin Sarah Fluck beantwortet die wichtigsten Fragen.
Sarah Fluck
Afrika-Korrespondentin
Sarah Fluck ist seit 2024 Afrika-Korrespondentin von Radio SRF und lebt in der ugandischen Hauptstadt Kampala. Vor ihrem Engagement bei SRF war Fluck als freie Journalistin in Ostafrika tätig. Sie hat Afrikapolitik an der School of Oriental and African Studies (Soas) in London studiert.
Was ist das für eine neue Rebellenallianz?
Sie heisst «Front für die Neugründung der Nation» (FRN). In ihr schliessen sich die M23-Rebellen und weitere Gegner der kongolesischen Regierung zusammen. Die neue Organisation ersetzt ihre bisherige politische Allianz. Kabila übernimmt den Vorsitz, führende Rebellen werden seine Stellvertreter.
Wer sind die M23-Rebellen?
Die bewaffnete Gruppe kämpft schon lange gegen die Regierung in Kinshasa. Anfang 2025 eroberte sie Goma, eine Millionenstadt im Osten des Landes. Inzwischen kontrolliert sie dort weite Gebiete. Unterstützung erhält sie vom Nachbarland Ruanda, das dies aber bestreitet. Der Ostkongo ist reich an wertvollen Rohstoffen. Auch Ruanda verfolgt dort wirtschaftliche Interessen.
Wer ist Joseph Kabila?
Als sein Vater, der damalige Präsident, 2001 ermordet wird, übernimmt Joseph Kabila die Macht – mit gerade einmal 29 Jahren. Er regiert fast 18 Jahre. «Joseph Kabila bleibt für viele Kongolesen ein Rätsel», sagt Politologe Trésor Kibangula vom kongolesischen Forschungsinstitut Ebuteli. Kabila gilt als verschlossen. Aber unter seiner Herrschaft werden Proteste blutig niedergeschlagen und Wahlen verzögert.
Wie verlor Kabila seine Macht?
2019 übernimmt Félix Tshisekedi nach einem umstrittenen Wahlsieg das Präsidentenamt. Vieles deutet auf einen Deal mit Kabila hin: Dieser tritt ab, seine Verbündeten kontrollieren aber weiterhin das Parlament und Teile der Regierung. Doch die beiden zerstreiten sich. Tshisekedi holt Kabilas Verbündete auf seine Seite und entmachtet damit seinen Vorgänger. Kabila zieht sich zurück und studiert in Südafrika Politikwissenschaften.
Vor 30 Jahren begann im Osten des heutigen Kongo-Kinshasa eine Rebellion, die das Land grundlegend veränderte. An ihrer Spitze: Laurent-Désiré Kabila, der Vater von Joseph Kabila.
1996 schloss er sich mit anderen Rebellengruppen zusammen, um Diktator Mobutu Sese Seko zu stürzen. Unterstützt von Ruanda und Uganda kämpften sich die Rebellen über 1500 Kilometer quer durchs Land bis nach Kinshasa. Unter ihnen waren Tausende Kindersoldaten, sogenannte «Kadogos» – «die Kleinen».
1997 gelingt der Umsturz. Mobutu flieht, Laurent-Désiré Kabila wird Präsident. Doch bald wenden sich seine früheren Verbündeten gegen ihn. Ruanda unterstützt jetzt Rebellen, die ihn stürzen wollen. Vier Jahre später wird Kabila ermordet. Sein Sohn Joseph übernimmt das Präsidentenamt. Er ist erst 29 Jahre alt.
Heute scheint sich die Geschichte zu wiederholen: Wieder verbündet sich ein Kabila mit Rebellen im Osten des Kongo. Wieder werden sie von Ruanda unterstützt. Und wieder wollen sie die Regierung in Kinshasa stürzen.
Warum verbündet er sich jetzt mit den Rebellen?
Kabila könnte selbst wieder an die Macht wollen, sagt Politologe Kibangula. Wahrscheinlicher sei aber, dass er seinen Nachfolger zu Verhandlungen zwingen will, um politischen Einfluss zurückzugewinnen. Die Rebellen seien sein Druckmittel. Die Regierung warf ihm vor, die Rebellen zu unterstützen und für schwere Verbrechen mitverantwortlich zu sein. Ein Gericht verurteilte ihn deshalb zum Tode – ohne dass Kabila beim Prozess anwesend war. Er bestreitet die Vorwürfe.
Was bedeutet das für Kongo-Kinshasa?
Die Rebellen gewinnen mit Kabila einen ehemaligen Präsidenten mit einflussreichen Kontakten. Das verleiht ihnen politisch mehr Gewicht, aber nicht automatisch Rückhalt in der Bevölkerung. Zugleich wächst die Angst vor einer Ausweitung des Krieges. Politologe Trésor Kibangula warnt, dass Kabila eine neue Offensive der Rebellen begünstigen könnte. Auch die ohnehin schwierigen Friedensverhandlungen geraten damit weiter unter Druck.
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