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Friday, October 9, 2026

«Nicht ungefährlich»: Experte warnt vor Folgen von Live-Exekution

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  • Die US-Regierung plant, die Hinrichtung von Nidal Malik Hasan im Dezember per Livestream zu übertragen – ein weltweites Novum.
  • Kriminologe Dirk Baier (ZHAW) warnt: Kinder können durch unvorbereitete Konfrontation mit solchen Bildern traumatisiert werden.
  • Die Abschreckungswirkung, die Verteidigungsminister Hegseth erhofft, hält Baier für «völlig naiv» – Prävention wirke weit besser.

Anfang Dezember soll ein Mann erschossen werden. Nidal Malik Hasan würde der erste Mensch seit rund 65 Jahren sein, der wegen eines Militärgerichtsentscheids in den USA exekutiert wird. Die letzte militärische Erschiessung in den USA wurde vor rund 80 Jahren durchgeführt. US-Präsident Donald Trump und sein «Kriegsminister» Pete Hegseth wollen diese Praxis nun zurückholen.

Doch nicht nur diese Art der Todesstrafe ist unüblich: Die Erschiessung soll in einem Livestream an die Öffentlichkeit übertragen werden, wie Hegseth angekündigt und das Pentagon bestätigt hat. Der Tod eines Menschen live auf den Bildschirmen der Welt, präsentiert von der Regierung eines der mächtigsten Länder der Welt: Was macht das mit den Menschen?

Nidal Malik Hasan

Effekt begrenzt – aber nicht ungefährlich

«Grundsätzlich ist der Einfluss von Gewaltvideos auf Menschen eher gering», sagt Kriminologe Dirk Baier gegenüber 20 Minuten. «Das heisst, wir stumpfen nicht sofort ab, verlieren nicht gleich unsere Empathie.» Doch: «Völlig ungefährlich sind die Inhalte nicht.» Insbesondere Kinder, die unvorbereitet auf solches Material stossen, könnten davon traumatisiert werden. Hinzu komme, dass wiederholtes Anschauen solcher Inhalte durchaus Konsequenzen haben kann. «Wer dazu wenig andere Inhalte konsumiert, hat beispielsweise weniger Mitgefühl für andere.»

Wenig Begeisterung bei jungen Menschen in der Schweiz

Gegenüber 20 Minuten sagen mehrere junge Menschen, dass sie sich die Übertragung der Erschiessung nicht anschauen wollen. «Ich finde das sehr verstörend», so N.*. «Dass das heutzutage noch gemacht wird, ist erschreckend.» Auch L.* findet es schwierig, dass die US-Regierung die Erschiessung übertragen will. «Das erinnert an Amoktäter, die ihre Verbrechen livestreamen.» Selbst wenn Kolleginnen und Kollegen den Stream schauen würden, würden beide das nicht tun. «Videos von Morden, die ich früher im Internet gesehen habe, haben mich noch lange traumatisiert», so N.

*Namen der Redaktion bekannt

Ähnlich sieht Baier die wohl absehbare Weiterverwendung des Livestreams in Memes und anderen Formaten. «Wie bei vielen anderen Inhalten gilt, dass das schnell wieder vergessen geht und von anderen Inhalten abgelöst wird.» Er gehe nicht davon aus, dass die Gesellschaft dadurch nachhaltig geschädigt werde. «Es sind aber die vielen kleinen Schritte, die am Ende eine grosse Veränderung ausmachen.» In den USA veränderten diese die Gesellschaft tatsächlich nachhaltig: «Sie ist polarisierter, es gibt mehr Hass und Diskriminierung. Die Schweiz ist noch weit weg von solchen Zuständen.»

Baier betont jedoch auch einen weiteren Aspekt: «So etwas werden freiwillig eh nur Menschen schauen, die Fans der Todesstrafe sind und nun bei der Vollstreckung zuschauen können. Deren Meinung wird dann weiter gefestigt. Menschen, die sich gegen die Todesstrafe äussern, wird das Material weitere Argumente liefern, um gegen diese inhumane Form des Strafens weiter vorzugehen.»

Freigelassener Todeskandidat warnt

Damien Echols, der fast zwei Jahrzehnte in der Todeszelle in Arkansas verbracht hat, hat in einem Post auf X (ehemals Twitter) Menschen dazu aufgerufen, sich die Hinrichtung von Hasan nicht anzusehen. Er berichtet, wie ihn Morde, die er während seiner Zeit im Gefängnis gesehen hat, langfristig geprägt haben. «Ganz gleich, was ihr von der Todesstrafe haltet – selbst wenn ihr der Meinung seid, dass die hingerichtete Person den Tod verdient –, schaut nicht zu.»

Echols wurde zum Tode verurteilt, nachdem er und zwei weitere Personen wegen der Morde an drei 8-jährigen Jungen im Jahr 1993 in West Memphis, Arkansas, für schuldig befunden worden waren, obwohl es keine materiellen Beweise gab, die die drei mit den Verbrechen in Verbindung brachten. Sie wurden 2011 im Rahmen eines Abkommens freigelassen, das auf den Ergebnissen von DNA-Tests aus dem Jahr 2007 beruhte, durch die sie laut dem Innocence Project als Täter ausgeschlossen wurden.

«Verheerendes Signal» der US-Regierung

In der heutigen Zeit seien wir über Unterhaltung und Medien ständig mit fiktiven, aber auch realen Gewaltbildern konfrontiert. «Das Neue ist insofern nicht, dass reale Gewalt sichtbar wird: Das Neue ist, dass eine Regierung die Gewaltbilder verbreitet. Eine Regierung, der anscheinend sämtliche Umsichtigkeit, sämtlicher Anstand abhandengekommen ist.»

Baier bezeichnet es als «völlig absurd», dass sich einerseits für den Online-Schutz von Kindern eingesetzt werde – «Melania Trump macht dies bekanntermassen» – und andererseits ihr Ehemann nun das Gegenteil tun und solche Gewaltinhalte frei zugänglich machen wolle. Anfragen diverser Medien, wie der Kinderschutz in dieser Hinsicht durchgesetzt werden soll, blieben vom Pentagon bisher unbeantwortet.

«Das ist ein verheerendes Signal.» Die US-Regierung habe etwa mit ihrem Vorgehen bei der Einwanderungsbehörde ICE gezeigt, dass sie keine Hemmungen habe, brutal bis unmenschlich vorzugehen, um ihre Ziele zu verfolgen. «Sie sieht sich legitimiert, hart zu strafen und hofft, dass dies abschreckend ist.» Mit der Übertragung der Vollstreckung der Todesstrafe wolle sie genau dies erreichen.

Todesstrafen und öffentliche Hinrichtungen auf der Welt

Im europäischen Raum ist die Todesstrafe seit den 1990er-Jahren fast vollständig abgeschafft. Die Ausnahme bildet Belarus. Dort wird sie weiterhin angewendet. In der Schweiz fand die letzte Hinrichtung 1940 statt. Weltweit wurden gemäss Amnesty International im letzten Jahr in 17 Ländern insgesamt über 2700 Menschen hingerichtet. In den USA waren es gemäss dem Death Penalty Information Center 47.

Dass die Öffentlichkeit dabei zuschauen kann, ist deutlich seltener. Wie Amnesty International schreibt, wurden 2025 elf öffentliche Hinrichtungen im Iran durchgeführt, sechs in Afghanistan. In anderen Ländern gab es keine. Die letzte öffentliche Hinrichtung in den USA fand gemäss Historikern 1937 statt. Einen Livestream einer Hinrichtung durch den Staat habe es so noch nie gegeben. Gruppierungen wie der Islamische Staat streamten in den letzten Jahren allerdings immer wieder Hinrichtungen live im Internet.

Abschreckungsidee «völlig naiv»

Ganz offen argumentiert so auch Hegseth gegen Kritiker. «Die Menschen müssen verstehen, dass solche Taten schwerwiegende Konsequenzen haben», sagte der ehemalige Fox-News-Moderator gegenüber einem US-Sender. «Wir wissen aber, dass das nicht funktioniert», erwidert Kriminologe Baier. «Menschen unterlassen Straftaten nicht, weil sie hohe Strafen erwarten.»

Haupttreiber für Straftaten seien persönliche und soziale Umstände. «Es ist völlig naiv, anzunehmen, dass die Übertragung der Hinrichtung eines Menschen irgendjemanden davon abhalten wird, aufgrund eines impulsiven Charakters, aufgrund von Alkoholkonsum oder anderen Faktoren eine Gewalttat zu begehen», so Baier. «Wer Gewalt vorbeugen möchte, investiert in Prävention, in Erziehungskompetenzen von Eltern, in gute Schulen.»

Zum Experten

Jan Janssen

Jan Janssen (jjn) arbeitet seit 2023 für 20 Minuten. Zuerst im Ressort Zürich und seit 2025 im Ressort News.

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