«Wer in der Schweiz eine Firma wie On aufbaut, erntet Missgunst»

- Der Schweizer Laufschuh- und Sportartikelhersteller On greift das Fussballgeschäft an.
- Die Nachricht wurde laut Marc Joss, CEO von Switcher, in den Kommentarspalten hauptsächlich mit Neid, Missgunst und Vorwürfen aufgenommen.
- Joss stört das: Auch wenn es Punkte gebe, für die man On durchaus kritisieren könne, würde er sich mehr Stolz auf erfolgreiche Schweizer Unternehmen wünschen.
- Zu oft herrsche Negativität und eine Neidkultur.
On greift das Fussballgeschäft an und hat dafür Stars wie Kylian Mbappé, Sydney Schertenleib und Thierry Henry verpflichtet. Eine Erfolgsmeldung, die Bewunderung und Aufbruchsstimmung auslösen könnte. Switcher-CEO Marc Joss hat in den Kommentarspalten aber vor allem Neid und Negativität gefunden. Im Interview sagt er, wieso ihn das stört, was er sich wünschen würde und wann Kritik gerechtfertigt ist.
Sie stören sich an der Negativität in den Kommentaren zur On-News. Was genau haben Sie da beobachtet?
Marc Joss: Eigentlich in allen Kommentarspalten dominierte die Negativität. On sei eh scheisse, On produziere ja eh nicht mehr in der Schweiz, On-Schuhe hätten schlechte Qualität, On wolle nur die Marge erhöhen und Geld verdienen. Die Leistungen, die diese Firma erbracht hat, werden ihr völlig abgesprochen.
«Viele Menschen scheinen kein Verständnis davon zu haben, wie Wertschöpfung funktioniert.»
Ist das ein schweiztypisches Problem?
Es gibt sicher Länder, wo es besser ist. Ich habe das Gefühl, dass im angloamerikanischen Raum mehr Stolz auf die eigenen Firmen da ist. In Frankreich oder Deutschland ist aber die Lage gefühlt teils noch schlimmer, da sind die Menschen teils fast schon unternehmerfeindlich eingestellt. Wer mit einer Firma Erfolg hat, wird da regelrecht angefeindet. Ich bin gerne Unternehmer in der Schweiz, die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hier sind deutlich besser als anderswo.
Was denken Sie, woher das kommt?
Viele Menschen scheinen kein Verständnis davon zu haben, wie Wertschöpfung funktioniert. Sie verstehen, dass die Fabrik in Asien steht, und gehen automatisch davon aus, dass damit der grösste Teil der Wertschöpfung gemacht wird. Also wird On per se als schlecht oder «keine Schweizer Firma» abgestempelt. Dass das Unternehmen 1000 hochwertige Arbeitsplätze im Herzen der Schweiz geschaffen hat, dass Produktentwicklung, die ganze Ingenieursleistung, das Marketing und viele andere hochbezahlte Jobs im Head Office in Zürich angesiedelt sind, geht einfach vergessen oder wird ignoriert. Dabei sind das ja genau die Jobs, die wir in der Schweiz haben wollen, und nicht die Niedriglohnjobs in der Fabrik.
Ist Unverständnis der einzige Grund?
Nein. Es gibt auch noch die Neidgesellschaft. Wer erfolgreich ist und ein Milliardenunternehmen aufgebaut hat, dem begegnen in der Schweiz Missgunst und Neid. Dass diese Menschen extrem viel riskiert haben, alles da reingesteckt haben, und dass es genauso gut hätte schiefgehen können, das wird im Moment des Erfolgs von den Neidern ausgeblendet. Ich bin kein On-Fan, bin nicht mit der Firma verbandelt und habe dort auch keine Aktien. Aber wenn ein Schweizer Unternehmen so eine Nachricht verbreitet, Weltstars wie Kylian Mbappé und Sydney Schertenleib unter Vertrag nimmt, das Duopol von Adidas und Nike angreift: Dann kann man doch als Schweizerin oder Schweizer auch einfach mal stolz sein und dem Unternehmen Glück wünschen!
Sind Schweizer zu neidisch auf erfolgreiche Menschen?
Haben Sie auch selber schon Missgunst erlebt als Unternehmer?
Switcher ist 2016 Konkurs gegangen, 2020 haben wir es zurück an den Markt gebracht. Das war knüppelhart und es ist uns nicht anders ergangen als den On-Gründern jetzt. Viele kommentierten, uns brauche es nicht mehr, es wäre besser, wenn wir gleich wieder Konkurs gingen, oder griffen uns an, weil wir mit einer «überzogenen Marge» zu viel Geld verdienen wollten. Die Menschen verstehen ja schon nicht einmal, was eine Bruttomarge ist. Viele verwechseln die Differenz zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis mit dem Gewinn. Aber davon müssen auch Entwicklung, Marketing, Transport und Löhne bezahlt werden. Wird ein Schuh im Fachgeschäft verkauft, braucht auch der Händler seinen Anteil, um Personal und Miete zu finanzieren. Mit diesen Einnahmen werden also auch Arbeitsplätze in der Schweiz bezahlt.
Es gab durchaus Kritik an On, etwa an den Produktionsbedingungen in Asien oder am Umgang mit dem Schweizerkreuz. Sind solche Reaktionen nicht teilweise nachvollziehbar?
Absolut. Ich sage überhaupt nicht, dass On oder wir oder andere Firmen alles richtig gemacht haben. On hat durchaus selber zu negativer Wahrnehmung beigetragen, etwa mit früheren Qualitätsproblemen oder schlechten Kundenerfahrungen. Auch bei der Schweizerkreuz-Debatte soll man Ons Vorgehen kritisch beleuchten und sie hätten bei gewissen Problemen wohl früher und proaktiver kommunizieren können. Ich weiss nicht, ob all diese Probleme jetzt gelöst sind und selbstverständlich soll man Firmen weiterhin kritisieren dürfen, auch in den Kommentarspalten. Was mich stört, ist dass diese Sachen teils Jahre später in Momenten eines grossen Triumphs wieder hervorgekramt werden, statt einfach mal die Erfolge zu feiern und stolz zu sein auf ein Schweizer Unternehmen.
Was würde die Schweiz gewinnen, wenn uns das besser gelänge?
Es wäre doch gut für die Stimmung im Land, wenn wir nicht immer so negativ wären. Wir alle haben Roger Federer gefeiert, da gab es fast nur positive Kommentare – warum nicht auch bei Schweizer Unternehmern, die Erfolg haben? Das heisst nicht, dass man ihnen einen Freipass geben soll. Gerade die Medien sollen weiterhin kritisch hinschauen.
Daniel Graf (dgr) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Leiter des Ressorts News und seit September 2023 Mitglied der Redaktionsleitung.
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