Zählen, prüfen, wiederholen: Hast du eine Zwangsstörung?

- Auf Social Media berichten Betroffene, wie Zwangsstörungen ihren Alltag mit Ritualen und Kontrollen belasten.
- Viele stört, dass ihr Umfeld die Störung als «Macke» abtut und Sätze sagt wie «Hör doch einfach auf».
- Laut Fachleuten der Universität Zürich entwickeln rund zwei Prozent der Schweizer Kinder und Jugendlichen eine Zwangsstörung.
Fünfmal prüfen, ob die Haustür wirklich zu ist. Die Lautstärke des Fernsehers darf nicht auf einer ungeraden Zahl stehen. Und alle Türen in der Wohnung müssen einen Spalt offen bleiben. Was zuerst wie einfache Rituale oder aufdringliche Gedanken klingt, kann eine Zwangsstörung sein.
Auf Social Media erzählen Betroffene immer wieder, wie sehr sie darunter leiden. Viele stört dabei auch, dass ihr Umfeld die Störung als «Macke» abtut. Für die Betroffenen können Zwänge den Alltag massiv einschränken.
«Ich muss den Schalter noch zweimal antippen»
In Videos berichten Creator, wie sich ihre Zwänge äussern. Eine Person erzählt, sie müsse einen Lichtschalter zuerst betätigen und danach noch zweimal antippen. Andere schreiben, sie zählten Buchstaben und Sätze, müssten Gegenstände in einer bestimmten Reihenfolge platzieren oder könnten Taschen nicht offen stehen lassen.
«Mich belasten meine Zwänge extrem», sagt eine junge Creatorin. Eine andere erzählt, aus ihrem Umfeld höre sie oft Sätze wie: «Lass es doch einfach» oder «Die spinnt.» Doch aufzuhören, sei nicht einfach.
Denn bei Zwängen geht es oft nicht nur darum, dass etwas sauber, ordentlich oder «richtig» sein soll. Viele Betroffene beschreiben ein starkes Unwohlsein, wenn sie ein Ritual nicht ausführen. Andere fürchten, dass ihnen selbst oder einer nahestehenden Person etwas Schlimmes passieren könnte.
Das ist eine Zwangsstörung
Fachleute der Universität Zürich bezeichnen Zwangsstörungen als sehr beeinträchtigende Erkrankungen, die bereits im Kindes- und Jugendalter auftreten können. Unter Zwangsgedanken versteht man aufdringliche Ideen, Gedanken oder Bilder, die Betroffene als unangenehm oder beängstigend erleben. Daneben gibt es Zwangshandlungen: Das sind wiederkehrende Handlungen, die Betroffene oft als sinnlos oder übertrieben empfinden, zu denen sie sich aber – etwa aufgrund eines Zwangsgedankens – gedrängt fühlen.
Fachleute gehen davon aus, dass rund zwei Prozent der Schweizer Kinder und Jugendlichen eine Zwangsstörung entwickeln. Sie kann lange unentdeckt bleiben, etwa weil Betroffene ihre Gedanken und Rituale aus Scham verbergen.
Von einer Zwangsstörung wird gesprochen, wenn aufdringliche Gedanken oder wiederkehrende Handlungen starken Leidensdruck auslösen und den Alltag deutlich beeinträchtigen. Nicht jedes Bedürfnis nach Ordnung oder ein wiederkehrendes Ritual ist deshalb automatisch eine Zwangsstörung. Eine fachliche Abklärung kann helfen, die richtige Unterstützung zu finden. Angst- und Zwangsstörungen können mit wirksamen psychotherapeutischen Verfahren behandelt werden.
«Jetzt spinnt sie wieder»
In den Kommentaren unter den Videos zeigt sich, wie allein sich manche Betroffene fühlen. «Hör doch einfach auf» oder «Jetzt spinnt sie wieder» seien Reaktionen, die sie aus ihrem Umfeld kennen.
Gleichzeitig teilen Userinnen und User eigene Erfahrungen. «Kann ich komplett verstehen, Zwänge sind wirklich extrem anstrengend. Ich habe selber welche und weiss manchmal auch gar nicht richtig weiter», schreibt eine Person. Eine andere kommentiert: «Ich habe auch eine diagnostizierte Zwangsstörung, und sie macht das Leben echt schwer.»
Eine Person beschreibt die Angst wie folgt: «Wenn ich meiner Zwangsstörung nicht das gebe, was sie will, stirbt jemand.» Solche Gedanken können laut Userinnen und Usern grossen Leidensdruck auslösen.
Für einen Artikel suchen wir Menschen, die von ihrem Leben mit Zwangsstörungen oder belastenden Zwangsgedanken erzählen möchten. Wie zeigen sich deine Zwänge? Was passiert, wenn du einem Ritual nicht nachgibst? Ging es lange, bis du eine Diagnose erhalten hast? Und wie reagieren Familie, Freundeskreis, Schule oder Arbeitsplatz auf deine Zwänge?
Selina Keller (sek) arbeitet seit 2025 bei 20 Minuten und ist Redaktorin im Ressort Community
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