Von Frankreich bis Albanien – Warum Proteste ansteckend sein können

In welchen Ländern gab es Proteste? In Frankreich gingen am Wochenende in mehreren Städten Menschen auf die Strasse – primär, um gegen die hohen Lebenshaltungskosten und für bessere Bildung zu demonstrieren. Auch in anderen europäischen Ländern gab es Demos: in Italien, Belgien, Albanien und auch Portugal.
Was verbindet die Protestierenden? Hohe Lebenshaltungskosten, soziale Ungleichheit, Wohnungsnot und fehlende Zukunftsperspektiven: In vielen europäischen Ländern seien die Ursachen der Unzufriedenheit ähnlich, sagt die Protestforscherin Michelle Beyeler von der Universität Zürich. Besonders junge Menschen hätten das Gefühl, politisch zu wenig gehört zu werden, ergänzt Nina-Kathrin Wienkoop, Protestforscherin an der Universität Göttingen. Weil ältere Menschen die Mehrheit der Bevölkerung stellen, würden die Anliegen der Jungen in der Politik oft etwas vernachlässigt.
Wie aussergewöhnlich sind länderübergreifende Protestwellen? Nicht besonders, sagt Beyeler. Dass Proteste in einem Land weitere Demonstrationen in anderen Ländern auslösen können, sei seit Langem empirisch belegt. Ein Beispiel sind die «Fridays for Future»-Demos, die in Schweden begannen und sich weltweit ausbreiteten. Dabei müssen sich die Bewegungen nicht einmal direkt absprechen, sondern liessen sich gegenseitig inspirieren. «Wie schnell das jetzt passiert, ist aber neu», ergänzt Wienkoop, Soziale Medien beschleunigten die Mobilisierung sehr. Eine «automatische Ansteckung» gebe es aber nicht: Es brauche gemeinsame Anliegen oder ähnliche Gruppen.
Welche Rolle spielt Gewalt? Ausschreitungen können einer Protestbewegung zusätzliche Aufmerksamkeit verschaffen – ihr aber auch schaden. «Wenn diese Ausschreitungen zu exzessiv werden, dann geht das Inhaltliche unter», sagt Beyeler. Die Gewalt könne die Legitimität einer Bewegung untergraben und Menschen von Demonstrationen abschrecken. Wienkoop betont zudem, dass Eskalationen auch mit staatlichen Reaktionen zusammenhängen: Ein repressives Vorgehen der Polizei und fehlende Dialogangebote könnten die Situation verschärfen.
Warum können Proteste lange anhalten? Weil sich die Forderungen im Verlauf einer Protestbewegung verändern können. In Frankreich haben sich ursprünglich konkrete Forderungen nach besseren Schulen inzwischen zu grundsätzlichen sozialen Fragen ausgeweitet. Deshalb könne die Mobilisierung auch länger anhalten, denn dahinter stünden «viel grössere Fragen, die sich ja auch nicht so einfach lösen lassen», so Protestforscherin Wienkoop. Proteste verliefen zudem oft in Wellen: Auch wenn weniger Menschen demonstrierten, könnten die Forderungen etwa durch Petitionen oder politische Organisationen weitergetragen werden.
Wie können Regierungen auf Proteste reagieren? «Im Prinzip haben Regierungen zwei Möglichkeiten», so Beyeler: Repression oder Zugeständnisse. Meist sei es eine Kombination aus beidem, die Proteste irgendwann beruhige. Dabei müssten Regierungen einerseits gewaltsame Ausschreitungen verhindern, andererseits aber auch auf die Anliegen der Protestierenden eingehen. Denn in einer Demokratie müsse es möglich sein, Unzufriedenheit auf der Strasse auszudrücken: «Das sollte sich schon auch in dem Sinn lohnen, dass man auch sieht: Ja, die Politik reagiert darauf.»
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