Anna testet Mittelalter-Ritual gegen Schlafprobleme – ihr Fazit

- 30 Tage lang stand Anna aus North Carolina nachts um drei Uhr auf und verbrachte zwei Stunden bei Kerzenlicht mit Schreiben und Lesen.
- Der sogenannte Zwei-Phasen-Schlaf soll ein historisches Schlafmuster sein – Historiker streiten aber über seine Verbreitung im Mittelalter.
- Schlafmediziner Ramin Khatami rät vom Nachahmen ab: Entscheidend sei, ob der Schlaf zum persönlichen Rhythmus und Alltag passe.
«Ich bin ständig müde – vielleicht bin ich einfach für einen mittelalterlichen Schlafrhythmus gemacht», dachte sich Anna, 26, aus dem US-Bundesstaat North Carolina. Die Literaturstudentin liebt das Mittelalter und die Vorstellung, dass sich aus vergangenen Lebensweisen vielleicht etwas für die Gegenwart lernen lässt. Sie wollte deshalb den sogenannten Zwei-Phasen-Schlaf selbst ausprobieren: die Idee, dass Menschen ihren Nachtschlaf einst in einen «ersten» und einen «zweiten» Schlaf teilten und dazwischen für einige Stunden wach waren.
In einer Zeit, die sich schnell, laut und überfordernd anfühlt, wirkt das Mittelalter für die Amerikanerin wie ein Gegenbild: langsamer, klarer, voller Rituale und grosser Geschichten. Dass die historische Realität viel härter, ungleicher und weniger romantisch war, ist ihr bewusst. Trotzdem liess sie sich inspirieren und testete den Schlafrhythmus 30 Tage lang während ihrer Semesterferien. Ihre nächtlichen Stunden bei Kerzenlicht dokumentierte sie auf Social Media, wo sie ohnehin gemeinsam mit ihrer Freundin Rachel ähnliche Experimente festhält.
Doch das Thema ist nicht nur für Mittelalter-Fans relevant: Nach Zahlen des Bundesamts für Statistik wachen in der Schweiz 48 Prozent der Bevölkerung manchmal oder häufig nachts mehrmals auf. Als Schlafstörung im weiteren Sinn gelten laut Bundesamt für Statistik bei einem Drittel der Bevölkerung wiederkehrende Probleme wie Einschlafschwierigkeiten, unruhiger Schlaf, mehrmaliges oder zu frühes Erwachen.
Zwei-Phasen-Schlaf
Gedichte und Briefe bei Kerzenlicht
Ganz so einfach war der Selbstversuch allerdings nicht: In den ersten Nächten schaffte Anna es trotz Wecker nicht immer, um drei Uhr aufzustehen. «In den ersten Sekunden nach dem Aufwachen fragte ich mich jeweils: Warum mache ich das eigentlich?», sagt sie.
Nach einer Eingewöhnungsphase fand sie dann ihre Routine: Um 22 Uhr ging sie ins Bett, rechnete mit rund einer halben Stunde zum Einschlafen und stand um etwa drei Uhr auf. Während rund zwei Stunden schrieb sie Tagebuch, las oder verfasste Gedichte und Briefe, bevor sie sich wieder hinlegte. Ihre Mitbewohnerinnen hatte sie vorsorglich gewarnt, falls sie nachts die Dielen knarren hörten. «Die Nacht hat etwas Geheimnisvolles an sich. Allein wäre es aber wohl viel gruseliger gewesen», sagt sie.
Während der Wachphase vermied sie zu helles Licht und verzichtete, abgesehen vom Filmen für ihre Social-Media-Beiträge, auf ihr Handy. Auch To-do-Listen waren tabu. «Die Nacht sollte nicht der Produktivität dienen, sondern eine ruhige Zeit für mich sein.» Oft sei sie zu später Stunde etwas hungrig geworden, gegessen habe sie aber nicht, denn sie wollte möglichst leicht wieder einschlafen können. Besonders beeindruckt habe Anna, wie kreativ sie in dieser Zeit war: «Ich bemerkte etwa, wie sich die Qualität meiner Gedichte verbesserte.» Als sie begann, das Experiment auf Instagram zu dokumentieren und sich wieder stärker mit Social Media beschäftigte, sei dieser Effekt allerdings verschwunden.
«Züchte ich mir gerade eine Schlafstörung an?»
Tatsächlich bemerkte Anna positive Effekte des Experiments. Sie habe sich am Morgen jeweils wacher und erholter gefühlt. Das ist jedoch noch kein medizinischer Beweis für seinen Nutzen. «Vielleicht hat auch die Regelmässigkeit geholfen», wirft sie ein. Sie könne sich deshalb vorstellen, ab und zu wieder mitten in der Nacht aufzustehen. Meist fiel es ihr auch leicht, nach der Wachphase wieder einzuschlafen. Nur ein- oder zweimal gelang das nicht. «Da fragte ich mich schon: Züchte ich mir gerade eine Schlafstörung an?»
Ramin Khatami, Chefarzt für Schlafmedizin und Epileptologie an der Klinik Barmelweid, rät von solchen Selbstversuchen ab. «Wir leben heute unter anderen Bedingungen als Menschen im Mittelalter und sind nicht an einen solchen Rhythmus gebunden», sagt er. Werde der Schlaf künstlich unterbrochen oder verkürze sich dadurch die Gesamtschlafdauer, könne das Schlafqualität und Befinden am Tag beeinträchtigen. Einen direkten gesundheitlichen Vorteil sieht Khatami im Zwei-Phasen-Schlaf zudem nicht. «Entscheidend ist nicht, ob Schlaf in einer oder zwei Phasen stattfindet, sondern ob er zum persönlichen Schlafbedarf, zum Tag-Nacht-Rhythmus und zum Alltag passt.»
Auch Anna will ihre Erfahrung nicht als Aufforderung zum Nachmachen verstanden wissen. Für einen normalen Arbeitsalltag mit festen Zeiten sei der Rhythmus ohnehin kaum praktikabel. Auch Menschen, die unter Schlaflosigkeit leiden, würde sie ihn nicht empfehlen. Wer den Zwei-Phasen-Schlaf dennoch einmal testen möchte, dem rät Anna, die nächtliche Wachphase möglichst ruhig zu gestalten: «Diese Zeit muss nicht produktiv sein», sagt sie. «Man sollte sie einfach geniessen.»
Was hilft dir am ehesten, wenn du nachts aufwachst?
Shirin Camenisch (sca) arbeitet seit 2025 als Praktikantin im Ressort News
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.
