Bitte mehr Hardliner!

Editorial zu den SVP-Bundesratskandidaten
Bitte mehr Hardliner!
Hinter der Angst vor einem SVP-Hardliner in der Landesregierung steckt meistens nur die Sehnsucht nach einem Parteiabweichler.
Publiziert: vor 12 Minuten
Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick
Es naht das liebste Prozedere der Helvetier: die bis zur Castingshow durchritualisierte Ersatzwahl für den Bundesrat. Und weil dieses Mal die SVP einen Kandidaten sucht, ist in den Medien besonders oft von einem berüchtigten Politikertypus die Rede: dem Hardliner.
Vom «Tages-Anzeiger» über CH Media, SRF und den «Walliser Boten» bis hin zur «NZZ» ist die Sorge zu vernehmen, dass die Partei «nur Hardliner nominiert». Die Bedenken vor einem «Hardliner-Ticket» greifen um sich. Hardliner lauern allerorten.
Der Berner Pierre Alain Schnegg gilt als Hardliner, ebenso wie der Walliser Michael Graber oder sein Kantonskollege Franz Ruppen.
Bei so vielen Hardlinern stellt sich die Frage, ob in der SVP eigentlich auch Softliner existieren. Und woran man sie erkennt. Die Genferin Céline Amaudruz vielleicht, die gesellschaftspolitisch progressiver politisiert? Oder der Aargauer Jean-Pierre Gallati, der sich gegen Christoph Blochers Neutralitäts-Initiative positioniert hat?
Wie es scheint, verbirgt sich hinter der Angst der Journalisten vor SVP-Hardlinern nicht selten die Sehnsucht nach einem Parteiabweichler.
Dabei verlangt die Gegenwart geradezu nach Hardlinern im Bundesrat – sofern man darunter Politiker versteht, die ihre Überzeugungen und das Gedankengut ihrer politischen Herkunft auch in der Regierung vertreten. Um eine tragfähige Position zu entwickeln, müssen sie sich im Konkordanzsystem ohnehin bewegen. Das oberste Exekutivgremium sollte aus Charakteren bestehen, die in der Auseinandersetzung jene Reibungswärme erzeugen, von der die Demokratie lebt.
Das ist umso wichtiger, als der Zeitgeist in die Gegenrichtung weist: In Wirtschaft und Kultur greift das Elend KI-gestrählter Gleichförmigkeit um sich. Vom Motivationsmüll auf der Plattform Linkedin bis zu den Schaltzentralen öffentlicher Institutionen und börsenkotierter Unternehmen, die Diversität beschwören, aber vor allem Wolkenschieber und Ja-Sager fördern («dumm nickt gut»).
Das Bundesparlament könnte Gegensteuer geben: mehr prägnante Köpfe in der Exekutive, weniger Castingshow.
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