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Saturday, October 31, 2026

«Meine Cousins haben meine Freundin und meinen Vater bedroht»

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  • Zwei Leser der 20-Minuten-Community berichten, wie sich Menschen in ihrem Umfeld radikal veränderten.
  • Michael* brach den Kontakt zu seinen Cousins ab, nachdem diese Verschwörungstheorien anhingen und Familienmitglieder bedrohten.
  • Ein anderer Leser zog sich von Freunden zurück, die ins linksradikale Lager abrutschten und Gewaltfantasien äusserten.
  • Laut ZHAW-Studie zeigten 2024 fast 37 Prozent der Schweizer Bevölkerung eine Verschwörungsmentalität.
  • Kriminologe Dirk Baier rät, den Kontakt zu radikalisierten Angehörigen möglichst nicht abzubrechen.

Früher unzertrennlich, heute ist kaum noch ein normales Gespräch möglich. Wenn sich nahestehende Personen im Umfeld plötzlich stark verändern, kann das Beziehungen extrem belasten, wie zwei Betroffene aus der 20-Minuten-Community erzählen.

«Sie wurden immer aggressiver gegenüber Familienmitgliedern»

«Ihr habt keine Ahnung. Ihr versteht nichts, ihr macht die Augen zu.» Solche Sätze hörte Michael* immer häufiger von seinen beiden Cousins. Die Veränderung habe ungefähr 2010 begonnen – zuerst mit Erzählungen über Chemtrails. Schnell seien ihre Diskussionen und Ansichten extremer geworden. «Sie haben sich immer weiter von der Realität entfernt.»

Michael stand seinen Cousins früher sehr nahe. «Ich war ihr engster Cousin.» Doch irgendwann hätten sich Gespräche fast nur noch um Verschwörungstheorien gedreht. «Es ging kreuz und quer: Chemtrails, Pizzagate, Kinderschänderringe oder den angeblich bevorstehenden Weltuntergang.» Widerspruch sei nicht akzeptiert worden. «Sie wurden immer aggressiver gegenüber Familienmitgliedern, wenn man ihre Aussagen infrage stellte.»

«Sie haben meine Freundin und meinen Vater bedroht»

Michaels Cousins hätten zunächst ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut, später jedoch Schulden gemacht. «Dann kamen sie in einen Kreis mit Leuten, die bereits solche Ansichten hatten.» Auch Frustration habe wohl eine Rolle gespielt: «Irgendwann waren einfach alle anderen die Bösen.»

Mit der Zeit eskalierte die Situation. «Es wurde fanatisch.» Seine Cousins hätten Familienmitglieder bedroht, darunter seinen Vater und seine Freundin. Diese habe sich aus Angst vor ihnen zeitweise nicht mehr an ihren Wohnort getraut. Michael brach den Kontakt ab: «Sie haben mir ständig eingeredet, ich sehe die Realität nicht. Mir ging es einfach zu weit.»

Wie verbreitet sind solche Denkmuster?

Hinter den genannten Verschwörungstheorien stecken unterschiedliche Behauptungen. Anhänger der Chemtrail-Erzählung glauben etwa, dass die weissen Streifen, die Flugzeuge am Himmel hinterlassen, keine gewöhnlichen Kondensstreifen seien, sondern absichtlich versprühte Chemikalien. Eine weitere bekannte Verschwörungstheorie ist Pizzagate. Sie behauptet, dass die Pizzeria Comet Ping Pong in Washington, D.C., als Tarnung für einen von Demokraten betriebenen Kinderpornografie-Ring diene. Die Behauptung wurde widerlegt.

Wie verbreitet solche Denkmuster sind, zeigt eine aktuelle Untersuchung der ZHAW. Laut der im Februar 2026 veröffentlichten Studie zeigten 2024 fast 37 Prozent der Schweizer Bevölkerung eine Verschwörungsmentalität. Die Untersuchung zeigt zudem einen Zusammenhang zwischen stärker ausgeprägter Verschwörungsmentalität, geringerer Demokratiezufriedenheit und höherer Gewaltbereitschaft.

«Wir wurden als naiv und blauäugig hingestellt»

Auch eine weitere Person, die anonym bleiben möchte, berichtet, wie politische Ansichten eine langjährige Freundschaft zunehmend belasteten. «Als meine Freunde nach Zürich gezogen sind, sind sie von links ins linksradikale Lager abgerutscht.» Als sein Partner und er die gemeinsamen Freunde kennenlernten, seien die beiden noch «fast stets fröhlich und aufgestellt» gewesen. Man habe viel zusammen unternommen und gelacht. Doch mit der Zeit hätten politische Diskussionen immer mehr Raum eingenommen.

Die Freunde hätten sich zunehmend über andere politische Ansichten und Parteien aufgeregt. Widerspruch sei kaum noch möglich gewesen. «Wir wurden als naiv und blauäugig hingestellt», erzählt er. Die beiden hätten zudem behauptet, dass im Untergrund eine «ultrarechte Regierung» die Fäden ziehe. Sobald er und sein Partner eine andere Sichtweise einbringen wollten, sei das Gespräch abgeblockt worden.

«Man sollte denen alles nehmen und sie zusammenschlagen»

Mit den Jahren sei der Ton immer aggressiver geworden. Die Freunde hätten zunehmend Hitler- und Nazi-Vergleiche verwendet und sich abfällig über Politikerinnen und Politiker geäussert, die nicht dem linken politischen Spektrum angehörten. Dabei seien auch Gewaltfantasien zur Sprache gekommen: «Man sollte denen alles nehmen und zusammenschlagen.»

Wie würdest du reagieren, wenn sich jemand in deinem Umfeld immer stärker in Verschwörungstheorien hineinsteigert?

«Später erfuhren wir, dass sie an Demonstrationen teilgenommen hatten, etwa an der 1.-Mai-Demo in Zürich. Stolz erzählten sie, wie sie es den anderen ‹gezeigt› hätten.» Dabei soll es auch zu Sachbeschädigungen gekommen sein. Dabei soll es auch zu Sachbeschädigungen gekommen sein. Was genau passiert sei, habe er jedoch nie erfahren. Die Freunde hätten lediglich davon gesprochen, jemandem «eine Lektion» erteilt zu haben.

«Wir hatten dann auch immer mehr Angst»

«Mein Partner und ich haben mehrfach versucht, das Gespräch zu suchen und Grenzen zu setzen.» Doch die Freunde seien so sehr von ihren Ansichten überzeugt gewesen, dass eine Diskussion kaum noch möglich gewesen sei. «Wir hatten dann auch immer mehr Angst und haben sie selten noch getroffen.»

Als zunehmend auch Gewalt eine Rolle gespielt habe, hätten die beiden beschlossen, sich zurückzuziehen. «Zunächst haben wir längere Ferien vorgeschoben, später weitere Treffen abgesagt. So ist die Freundschaft langsam eingeschlafen.» Seit rund fünf Monaten bestehe kein Kontakt mehr. Darüber ist die betroffene Person erleichtert: «Wir sind sehr froh, dass wir nichts mehr gehört haben.»

*Name der Redaktion bekannt

Ab wann wird eine Veränderung problematisch?

Radikalisierung sei zunächst nicht zwingend negativ, erklärt Kriminologe Dirk Baier. «In diesem Prozess setzt man sich intensiv mit Ideen auseinander. Man denkt Ideen bis zu ihrer Wurzel.» Sie werde problematisch, wenn sie in Extremismus führe, Demokratie infrage stelle und Gewalt befürworte. Warnsignale könnten sein: «wenn Menschen zunehmend in Schwarz-Weiss-Bildern denken, feindliche Gruppen definieren und abwerten. Ebenfalls relevant ist, wenn sich Menschen verstärkt für Verschwörungstheorien interessieren.»

Erkennungszeichen einer solchen Veränderung seien im Verhalten bemerkbar, wenn sich Menschen beispielsweise aus Freundeskreisen zurückziehen und neue Freunde mit radikalen Haltungen finden.

Was für einen Einfluss hat das Umfeld?

«Generell neigen wir Menschen dazu, uns in Gemeinschaften zu bewegen, die gleiche oder ähnliche Sichtweisen vertreten wie wir. Gefährlich werde es, wenn Gruppen sich abschotteten, Feindbilder entwickelten und die eigene Individualität der Gruppe untergeordnet werde. Dann sei der Schritt zu Hass oder Gewalt nicht weit.

Bei radikalisierten Angehörigen rät Baier, den Kontakt möglichst nicht abzubrechen: «Im Zweifelsfall ist man selbst nämlich der letzte Mensch mit Verbindung zur ‹normalen Gesellschaft.»

Niemand müsse aber versuchen, die Person in Diskussionen zu überzeugen. Stattdessen seien Gespräche über unproblematische Themen sinnvoll. Baier ergänzt: «Gewöhnlich vertreten Personen extremistische Positionen nicht, weil sie komplett davon überzeugt sind. Sie vertreten sie, weil diese Positionen ihnen Halt, Orientierung, Identität geben. Deshalb werden sie diese in einer Diskussion auch vehement verteidigen.» Wer sich bedroht fühle oder Gefahren erkenne, müsse sich schützen und nötigenfalls Polizei oder Beratungsstellen informieren.

Selina Keller

Selina Keller (sek) arbeitet seit 2025 bei 20 Minuten und ist Redaktorin im Ressort Community

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