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Friday, October 30, 2026

Mitten unter Trump-Fans – nur Joseline (28) will ihn anschreien

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20-Minuten-Reporterin Ann Guenter hat sich an einer Trump-Rally mit seinen Wählern unterhalten. Was sie dabei erfahren hat, liest du im Artikel.20min

Darum gehts

  • Bereits zum dritten Mal hat US-Präsident Donald Trump in Ohio eine Wahlkampfveranstaltung abgehalten.
  • Tausende Trump-Wähler kamen, um ihren Präsidenten zu sehen.
  • Unter sie mischte sich auch die Trump-Gegnerin Joseline (28).
  • Die Gespräche vor Ort zeigen, wie weit sich die Menschen vor den richtungsweisenden US-Midterms voneinander entfernt haben.

Tausende sind zum Shoemaker Center in Chillicothe im Süden Ohios gekommen. Händler verkaufen MAGA-Shirts und -Hüte, die Stimmung ist fröhlich, fast ausgelassen. Die Menschen schwenken US-Fahnen und stehen seit Stunden an, um Donald Trump zu sehen.

Fröhliche Stimmung an der Trump-Rally in Ohio.

Fröhliche Stimmung an der Trump-Rally in Ohio.20min/Ann Guenter

Joseline (28) ist allein gekommen. In der Schlange fällt sie nicht auf. Das will sie auch nicht – noch nicht. Denn Joseline ist nicht hier, um den US-Präsidenten zu feiern. «Ich bin so wütend darüber, wie er Frauen behandelt, wie er unsere Veteranen behandelt und wie er hart arbeitende amerikanische Bürger behandelt», sagt die Mutter zweier Kinder.

Wenn sie nach dem Einlass in den Saal die Gelegenheit bekomme, werde sie Trump ihre Wut ins Gesicht schreien. Es braucht durchaus Mut, das mitten in der Schlange der meist rot gekleideten Trump-Fans zu sagen.

Zach (23): «Will einen starken Anführer»

Nicht, dass diese besonders aggressiv wären. «Bist du von CNN?», wollen einige wissen. Dann aber sind sie neugierig auf die Reporterin aus der Schweiz und reden bereitwillig darüber, weshalb sie Trump und seine Republikaner unterstützen.

«Wir wollen etwas Echtes. Und das ist Trump.»

Holly (52)

«Wir wollen etwas Echtes. Und das ist Trump», sagt Holly (52). Sie findet zwar längst nicht alles gut, was der Präsident sage. Aber er spreche aus dem Herzen und tue, was er ankündige. Vor allem habe er sich um die illegale Migration gekümmert und die Grenze geschlossen – in ihren Augen eines der grössten Probleme des Landes.

Das sieht auch Zach (23) so. «Ich will einen starken Anführer, der unseren Feinden Angst einjagt.» Dass Trump auch die Nähe zu Russlands Präsident Wladimir Putin suche, sei kein Widerspruch. Putin respektiere Trump, weil er die USA unter ihm als stark wahrnehme. Der Krieg in der Ukraine sei nur ausgebrochen, «weil Putin uns und die Nato als schwach wahrgenommen hat». Unter Trump wäre das nie passiert, meint Zach.

Stärke, Freiheit, Grenzen: Das sind die Anliegen der Trump-Wähler

Stärke, Freiheit, Grenzen: Diese Themen fallen in den Gesprächen immer wieder. Rick (52) und Katie (50) wollen vor allem «America First». Die USA seien ein kapitalistisches Land, sagt Rick, während die Demokraten «Sozialisten» seien und sich zu sehr um andere Länder und illegale Migranten kümmerten. Jeff (29) formuliert es noch drastischer: «Wir beugen uns nicht dem Kommunismus.»

Auf die steigenden Lebenshaltungskosten angesprochen, winken die meisten ab. Don (57) sagt, er verdiene heute mehr als je zuvor. Jeff (47), der mit seiner Frau Samantha ein kleines Unternehmen führt, erzählt, die Geschäfte hätten angezogen und die Menschen gäben wieder mehr Geld aus. Lebensmittel seien sogar «etwa 13 Prozent günstiger».

Dem widersprechen allerdings die offiziellen Zahlen: Im September kosteten Lebensmittel für zu Hause in den USA 1,8 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, Benzin sogar 34,2 Prozent mehr. Die Inflation insgesamt lag bei 3,7 Prozent. Doch geht es nach den Trump-Fans, ist es nicht der Ort und Zeitpunkt für diese Debatte.

Auch David (52), ein Navy-Veteran, sieht vor allem Positives. Er habe im vergangenen Jahr 38’000 Dollar an der Börse verdient – und das sei allein Trump zu verdanken. Er wählt republikanisch, weil die Partei seiner Ansicht nach das Militär und die persönliche Freiheit am stärksten verteidigt.

«Europäer verstehen nicht, wie sehr Amerika vor Trump aus der Bahn geraten ist»

Versteht Europa Trump und die USA schlicht nicht? Darauf haben fast alle eine Antwort. Die Europäer könnten nicht nachvollziehen, wie sehr Amerika vor Trump «aus der Bahn geraten» sei, sagt Holly. Jeff (29) findet, man müsse Trump einfach genauer zuhören. Rick meint, andere Länder sollten sich Trump zum Vorbild nehmen. Und Zach verweist auf Europa: Man sehe doch, was in Frankreich und in Mailand passiere. «Dort randalieren Menschen, die nicht aus diesen Gesellschaften stammen. Ich glaube einfach nicht, dass das für irgendein Land gut ist.»

Eigentlich erzählt nur Trump-Gegnerin Joseline eine vollkommen andere Geschichte. Erst vor Kurzem habe sie bei einer Fehlgeburt Zwillinge verloren. «In Ohio habe ich die medizinische Versorgung bekommen, die ich brauchte. Gleichzeitig kenne ich Frauen, die diese Versorgung nicht erhielten. Das war wirklich traumatisierend und schockierend.» Seit 2022 unterscheiden sich die Abtreibungsrechte je nach Bundesstaat stark. In Ohio sind Abtreibung und Fehlgeburtsbehandlungen inzwischen verfassungsrechtlich geschützt.

«Meine Kinder sollen dieselben Rechte haben wie ich damals»

Joseline denkt vor allem an die Zukunft ihrer beiden Kinder. «Ich habe eine Tochter und einen Sohn, und ich möchte, dass beide die gleichen Rechte haben, mit denen auch ich aufgewachsen bin.» Den Trump-Anhängern will sie nicht absprechen, ihr Land zu lieben. «Ich glaube schon, dass sie die USA lieben. Aber ich glaube, dass viele Trump blind folgen und auf die lauteste Stimme hören.»

Drinnen spricht Donald Trump gut eineinhalb Stunden lang. Draussen erhitzen sich derweil einige Gemüter, es kommt zu einer Schlägerei (siehe Bildstrecke). Schliesslich verlässt Trump Ohio mit dem Helikopter.

Zurück bleiben seine Anhänger – und Joseline. Sie standen an diesem Abend teilweise nur wenige Meter voneinander entfernt, und doch scheinen sie in zwei völlig unterschiedlichen Amerikas zu leben.

Ann Guenter

Ann Guenter (gux), arbeitet seit 2012 als Auslandsredaktorin für 20 Minuten. Seit August 2015 ist sie zudem Chefreporterin International.

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