Erkältung nicht auskuriert – wie schlimm ist das wirklich?

- Eine nicht auskurierte Erkältung dauert laut Infektiologe Silvio Brugger nicht per se länger.
- Auch für Folgen wie Bronchitis oder Nasennebenhöhlenentzündung gibt es keine überzeugenden Beweise durch fehlende Schonung.
- Bei Fieber über 38 Grad, sehr starkem Husten oder ausgeprägter Abgeschlagenheit sollte man zu Hause bleiben.
Ob im Zug, im Grossraumbüro oder beim Einkaufen – wer unterwegs ist, hört sie: die Menschen, die niesen, husten oder die Nase hochziehen. Wenn Erkältungen kursieren, gibt es viele Tipps, wie man damit umgehen soll. Doch nicht alle sind wissenschaftlich fundiert.
Eine Binsenweisheit, die man ständig hört: Eine Erkältung muss richtig auskuriert werden, sonst dauert es länger, bis man sich erholt. Doch ist dies wirklich der Fall? Wir haben bei Silvio Brugger, leitendem Arzt der Klinik für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene vom Universitätsspital Zürich, nachgefragt.
Herr Brugger, wer erkältet ist, hört häufig: «Erhol dich richtig, sonst dauert es länger, bis du wieder gesund bist.» Ist an dieser Aussage etwas dran?
Nein. Studien zeigen, dass sich Erkältungen nicht per se verlängern, wenn man sich leicht anstrengt. Grosse Aktivitäten sind während eines Infekts in der Regel nicht möglich. Eine Erkältung dauert meistens eine Woche bis zehn Tage. Allerdings können Symptome wie Husten oder Müdigkeit noch länger anhalten.
Eine weitere Aussage, die kursiert, ist die Warnung, dass eine nicht auskurierte Erkältung schlimmere Folgen haben kann, zum Beispiel, dass daraus Nasennebenhöhlenentzündung oder Bronchitis entstehen. Wie sehen Sie das?
Es gibt keine wissenschaftlich überzeugenden Beweise, dass fehlende Schonung diese Übergänge begünstigt. Diese Krankheiten sind in der Regel Symptome von viralen Infektionen oder sogenannten bakteriellen Superinfektionen, also einer Infektion mit Bakterien zusätzlich zu einer viralen Infektion.
Manche Menschen warnen bei einer Erkältung vor Sport, damit es nicht zu einer Herzmuskelentzündung kommt.
In seltenen Fällen können Viren, die Atemwegsinfektionen auslösen, auch eine Herzmuskelentzündung verursachen. Deswegen wird nur moderater Sport oder körperliche Anstrengung empfohlen. Wenn Symptome im ganzen Körper vorhanden sind, wie zum Beispiel Fieber, ein deutliches Krankheitsgefühl oder Muskelschmerzen, empfiehlt sich körperliche Schonung.
Aber wichtig ist hier: Die Viren lösen eine Entzündung aus, nicht die fehlende Schonung, oder das «Verschleppen» der Erkältung. Bei stärkeren Symptomen wie zum Beispiel sehr ausgeprägtem Husten oder Fieber sollte weder gearbeitet noch trainiert werden. Bei Brustschmerzen oder Herzrhythmusstörungen sollte eine ärztliche Abklärung erfolgen.
Apropos Arbeiten, ab wann sollte man sich krankmelden?
Grundsätzlich kann mit einer Infektion der oberen Atemwege, also von Nase, Rachen, Mund etc., gearbeitet werden. Wichtig sind Hustenetikette, Händehygiene und allenfalls das Tragen einer Maske bei Kontakt mit anderen Menschen. Bei Fieber über 38 Grad, sehr starkem Husten oder einer ausgeprägten Abgeschlagenheit sollte man zu Hause bleiben. Es gibt jedoch keine allgemeine Regel, da dies sehr individuell und auch abhängig vom Beruf ist.
Kann man sagen, wie lange eine Erkältung ansteckend ist?
Eine pauschale Antwort ist nicht möglich, da Virustyp und Symptomverlauf variieren. Betroffene können das Virus bereits vor Symptombeginn übertragen. Die typische Dauer liegt bei sieben bis zehn Tagen. Die Ansteckungsgefahr ist vor allem in den ersten Tagen am höchsten – danach nimmt sie wieder ab.
Wie gehst du mit einer Erkältung um, wenn du dich noch nicht ganz fit fühlst?
Anja Zingg (anz), arbeitet seit 2020 bei 20 Minuten. Sie ist seit Juni 2023 Leiterin des Ressorts Gesellschaft & Community.
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