36 Jahre Wachstum – Wirtschaftswunder Polen: Der Hunger nach Erfolg

Die Geschichte der Familie Adamkiewicz steht sinnbildlich für den wirtschaftlichen Aufstieg Polens. Der Arzt Marian Adamkiewicz begann 1986 in einer Garage, Medikamente zu entwickeln, also noch zu kommunistischer Zeit. Heute ist das Familienunternehmen Adamed eine der grössten Pharmafirmen Polens mit Fabriken in Polen, Spanien und Vietnam.
Wie ein Familienunternehmen Polens Aufstieg verkörpert
In Kajetany, einem Dorf rund dreissig Kilometer südlich von Warschau, steht neben einem Rapsfeld ein Neubau. Es ist Adamed Discovery, das neue Forschungs- und Entwicklungszentrum der Firma. Geleitet wird es von Nicolas Beuzen, einem Biologen aus Frankreich.
Beuzen zeigt die Labore, in denen an neuen Medikamenten geforscht wird. Er deutet auf Geräte, in denen Glasröhrchen in Schwingung gebracht werden. «Das sind Bakterienzellen, die in einem Nährmedium heranwachsen. Damit das Wachstum gleichmässig verläuft, werden sie geschüttelt.»
In den Geräten ist es konstant 37 Grad warm. «Die Zellen werden sich verdoppeln, vervielfachen, das Wachstum verläuft exponentiell. Wenn wir genug davon hergestellt haben, steigen wir auf ein grösseres Volumen um.»
Die Zellen wurden zuvor modifiziert, es sind sogenannte Klone. Das heisst, ihre DNA hat Instruktionen erhalten, damit sie ein gewünschtes Protein herstellen.
Beuzen zeigt auf Apparaturen verschiedener Grösse, in denen die Zellen zu einer Art Bakteriensuppe heranwachsen. «Am Schluss haben wir einen solchen Gärbehälter, er stellt bis zu hundert Liter her. Dann verfügen wir über genug Rohstoff, um unser Protein zu extrahieren.»
Dieser Prozess wird Protein-Engineering genannt und erlaubt die Entwicklung von Medikamenten der neuesten Generation, zum Beispiel gegen Krebs, und die Entwicklung von Impfstoffen. Es ist eines von mehreren Verfahren, die Adamed anwendet.
Karolina Adamkiewicz gehört zur dritten Generation der Gründerfamilie. Die junge Ärztin sitzt im Verwaltungsrat des Familienunternehmens. Ihre Mutter Malgorzata und ihr – inzwischen verstorbener – Vater haben die Firma gross gemacht. Die Mutter leitet das Unternehmen bis heute. Sie ist eine der reichsten Personen Polens.
Karolina Adamkiewicz bringt das Geheimnis des Erfolgs ihrer Familie auf folgenden Nenner: im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein, die Gelegenheit zu sehen und zu ergreifen.
Der Grossvater begann 1986, für seine Patientinnen und Patienten Medikamente zu entwickeln, weil es Lücken in der Versorgung gab. Nach der Wende 1989 ergriff er die Chancen, die ihm die Marktwirtschaft bot.
Dieser Hunger nach Erfolg steckt hinter dem wirtschaftlichen Erfolg, den wir derzeit in Polen erleben.
Der Durchbruch gelang 1998 mit einem Medikament gegen Bluthochdruck. Nach dem EU-Beitritt Polens startete die Firma dann international durch. Adamkiewicz sagt über ihre Eltern: «Sie waren hungrig. Und dieser Hunger nach Erfolg steckt auch hinter dem wirtschaftlichen Erfolg, den wir derzeit in Polen erleben.»
Bildung, Pragmatismus und Unternehmertum als Erfolgsrezepte
Der Ökonom Marcin Piatkowski hat ein viel beachtetes Buch über Europas Wachstums-Champion geschrieben. Er sagt: «Polen ist seit 36 Jahren die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft in Europa, ohne Unterbruch. Kein anderes Land des Kontinents war seit 1990 so erfolgreich.»
Er meint, das wäre eigentlich Stoff für einen Hollywood-Film. «Es ist die Geschichte eines Landes, das vom Tellerwäscher zum Millionär wurde.»
Der Wirtschaftsprofessor zählt die fünf wichtigsten Faktoren auf, die dieses Wirtschaftswunder ermöglicht hätten. Einer davon ist Bildung: Polen habe viel Geld in die Bildung investiert. Dann: die Wirtschaftspolitik. Obwohl Polen ein politisch zutiefst polarisiertes Land ist, sagt der Ökonom, in Sachen Wirtschaft handelten die Eliten pragmatisch und hätten in den vergangenen Jahren keine grösseren Fehler gemacht.
Die polnischen Kommunisten waren nie so repressiv, dass sie es geschafft hätten, die Privatinitiative ganz zu ersticken.
Der nächste Faktor – das Unternehmertum – hat viel mit der polnischen Ausprägung des Kommunismus zu tun. «Die polnischen Kommunisten waren nie so repressiv, dass sie es geschafft hätten, die Privatinitiative ganz zu ersticken. Und so wurden 1989 bereits 20 Prozent des Bruttoinlandprodukts vom Privatsektor erwirtschaftet.»
Das sei die Keimzelle des Unternehmertums gewesen, das sich ab 1990 sehr schnell entwickelte.
Egalitäre Gesellschaft statt Oligarchen
Der vierte Faktor ist ebenfalls eine Hinterlassenschaft des Kommunismus. Bei der Wende 1989, so Piatkowski, sei die polnische Gesellschaft so egalitär gewesen wie noch nie zuvor.
Wenn man sich heute die Liste der polnischen Millionäre anschaut, dann sind das ausschliesslich Leute, die noch 1990 absolut nichts hatten.
Unter dem Kommunismus wurden die alten Eliten entmachtet. So war bei der Wende die Ausgangslage für alle gleich: «Wenn man sich heute die Liste der polnischen Millionäre anschaut, dann sind das ausschliesslich Leute, die keine Aristokraten waren, die nie reich waren, und die noch 1990 absolut nichts hatten.»
Anders als in anderen ehemals sozialistischen Ländern Mittel- und Osteuropas bildete sich in Polen keine Klasse von korrupten Oligarchen heraus. Nach Ansicht von Piatkowski hat dies unter anderem damit zu tun, dass Polen die staatlichen Betriebe später und weniger radikal als andere Länder privatisiert habe.
«Wegen der Stärke der Zivilgesellschaft, die ein Vermächtnis der Gewerkschaft Solidarność ist, sagten die Polen: ‹Nein, wir mögen die Idee einer Massenprivatisierung nicht›.»
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Bild 1 von 4. Die Skyline von Warschau wächst seit Jahren rasant. Der sowjetische Kulturpalast in Warschau ist mittlerweile eingerahmt von modernen Neubauten der postkommunistischen Ära. Bildquelle: SRF/Judith Huber.
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Bild 2 von 4. Polens Bevölkerung schliesst die Wohlstandslücke zu Ländern wie Deutschland oder der Schweiz Schritt für Schritt. Bildquelle: SRF/Judith Huber.
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Bild 3 von 4. Posen (Poznań) und andere Städte florieren. Bildquelle: SRF/Judith Huber.
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Bild 4 von 4. Die Investitionen in den öffentlichen Raum sind vielerorts sichtbar, etwa an der neuen Weichsel-Promenade in Warschau. Bildquelle: SRF/Judith Huber.
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So kam es, dass es erst 1995 eine begrenzte Privatisierung gab – in einer Zeit, in der die freien Medien bereits etabliert waren und Transparenz herstellen konnten, Demokratie und Marktwirtschaft schon einigermassen stabil waren. «Als die Staatsbetriebe schliesslich verkauft wurden, konnte man ihren Wert einschätzen.»
Niemand konnte für ein Butterbrot Anteile von Unternehmen übernehmen und teuer weiterverkaufen. Und so gibt es in Polen heute keinen einzigen Oligarchen.
Der nächste Schritt des polnischen Erfolgsmodells
Der fünfte und letzte Punkt auf der Liste von Wirtschaftsprofessor Piatkowski ist die EU. Nach jüngsten Schätzungen wäre das Pro-Kopf-Einkommen in Polen ohne die EU um 40 Prozent geringer, sagt er.
Doch anders, als viele vermuteten, spielten die EU-Gelder dabei nicht die Hauptrolle. Was wirklich zähle, seien die Institutionen. Polen ist zu einem sicheren Ort für ausländische Investitionen geworden, die Verwaltung funktioniert, kein Unternehmen ist von Enteignung bedroht. Und: Die Grenzen sind offen. Polen könne günstig produzieren und das Produkt im europäischen Ausland verkaufen, so der Ökonom.
Wir müssen zu einem Zentrum der Innovation werden, wenn wir die Dynamik aufrechterhalten wollen.
Doch dieser Vorteil, ein billiger Standort zu sein, ist bald Vergangenheit. Polen ist teurer geworden. Dessen ist sich auch die Unternehmerin Karolina Adamkiewicz bewusst. Sie sagt: «Wir müssen zu einem Zentrum der Innovation werden, wenn wir die Dynamik aufrechterhalten wollen.»
Und dieser Hunger nach mehr, der das Wirtschaftswachstum antreibt, ist der bald gestillt? Noch nicht, meint der Ökonom Piatkowski. Die Menschen wüssten, dass sie immer noch ärmer seien als die Menschen in Deutschland, in der Schweiz, in Frankreich. «Sie haben immer noch dieses Verlangen nach mehr, ein Ziel, das sie verfolgen.»
Die Prognosen geben ihm recht: Polens Wirtschaft soll dieses Jahr fast ungebremst weiter wachsen.
Die Welt ist unübersichtlich geworden – «International» hilft, sie zu verstehen. Mit den SRF-Auslandkorrespondentinnen und -korrespondenten reisen wir dorthin, wo Geschichten entstehen: Krisengebiete, Wirtschaftsmächte, vergessene Regionen.
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