Warum die Dieselpreise steigen - und wie es weitergeht
Auch wer selbst nie Diesel tankt, spürt die Folgen steigender Preise. Benzin ist vor allem ein Kraftstoff für Autofahrer. Diesel dagegen hält die Wirtschaft am Laufen, treibt Lastwagen an, Landmaschinen, Baufahrzeuge und Industrieanlagen.
Deshalb trifft eine Dieselknappheit die Wirtschaft oft härter als steigende Benzinpreise. Transportkosten steigen. Maschinen werden teurer im Betrieb. Unternehmen geben diese Kosten weiter an die Verbraucher. Die Folge: mehr Inflation, mehr Druck auf die Lebenshaltungskosten. Doch was treibt die Preise weltweit nach oben?
Die USA machen die Ukraine verantwortlich
Die USA und China zählen zu den größten Diesel-Produzenten der Welt. China verbraucht seinen Diesel weitgehend selbst. Die USA sind der größte Exporteur.
Der Preise für Diesel steigt auch dort. Der Wochendurchschnitt liegt aktuell bei 6,52 US-Dollar (5,73 Euro) pro Gallone (3,8 Liter), so die US-Behörde EIA (Energy Information Agency). Vor einem Jahr waren es noch 3,74 Dollar, vor zwei Jahren 3,53 Dollar.
US-Präsident Donald Trump macht dafür die Ukraine mitverantwortlich. Sie solle aufhören, russische Raffinerien anzugreifen, forderte er kürzlich, "weil das eine Dieselknappheit verursacht".
Russland ist neben den USA einer der größten Diesel-Lieferanten der Welt. Seit 2022 wurden russische Raffinerien laut Internationaler Energieagentur (IEA) bereits 15 Mal angegriffen.
Die Folge: Russlands Dieselproduktion liegt rund 30 Prozent unter dem Niveau von 2025. Moskau reagierte mit Exportbeschränkungen, um die eigene Versorgung zu sichern.

Die USA versuchten, die Lücke zu füllen. Es reichte nicht. Am 22. September kündigte Trump an, auch einen eigenen Exportstopp zu prüfen.
Der Hintergrund ist politisch: Vor den Kongresswahlen im November wollen die USA die Preise im eigenen Land drücken. Energiepreise sind längst zum Wahlkampfthema geworden.
Die großen Energie-Lobbyverbände laufen gegen die Pläne Sturm. Viele Experten warnen: Ein Exportstopp würde kaum schnell wirken. Schlimmer noch - er könnte US-Raffinerien dazu bringen, die Produktion zu drosseln. Die Preise könnten dadurch sogar weiter steigen.
Europa ist besonders verwundbar
Für Europa wären die Folgen eines US-Exportstopps dramatisch. "Jahrzehntelange Steuervorteile haben Europas Fahrzeugflotte weit dieselabhängiger gemacht als etwa in den USA", sagt Georg Zachmann, Energieexperte bei der Brüsseler Denkfabrik Bruegel.
"Die EU hat deshalb einen Überschuss an Benzin, den sie exportiert. Bei Diesel ist es umgekehrt: Die EU muss importieren", erklärt Zachmann.
Die Zahlen bestätigen das: In der EU sind über 38 Prozent aller Pkw Diesel-Fahrzeuge. Der Straßenverkehr - inklusive Güterverkehr - macht 77 Prozent des gesamten Diesel- und Gasölverbrauchs aus. Das zeigt eine Analyse der Brüsseler Organisation Transport & Environment.
Diese starke Abhängigkeit vom Diesel "macht Fahrer und Unternehmen besonders anfällig für Preisschocks", schreibt Studienautorin Juliette Egal.
Die Zahlen sind eindeutig: Verglichen mit der Zeit vor dem 28. Februar 2026, als Israel und die USA den Krieg mit Iran begannen, zahlen EU-Fahrer heute im Schnitt 30 Euro mehr für eine 50-Liter-Tankfüllung. Ein durchschnittlicher LKW in Deutschland kommt pro Woche um 236 Euro teurer.
Insgesamt kostet der Anstieg die EU-Wirtschaft 270 Millionen Euro pro Tag. Allein 203 Millionen Euro davon entfallen auf Diesel. Seit Kriegsbeginn summieren sich die Mehrkosten durch Straßendiesel auf 40 Milliarden Euro.
Warum steigt Diesel schneller als Öl?
Kurzfristig sei ein Faktor entscheidend, sagt Skip York, Energieexperte an der Rice University in Houston im US-Staat Texas: Russlands Rohölverarbeitung. "Jede neue Angriffswelle der Ukraine zeigt sich innerhalb weniger Tage im Dieselpreis. Anders sei das in der Straße von Hormus, "wo die Versorgung zwar gedrosselt ist, aber seit Monaten relativ stabil läuft".
Benzin wird zum Kostentreiber
Die Produktion von Rohöl - der Basis für Benzin und Dieselkraftstoff - sei inzwischen nicht das größte Problem ist. "Der Flaschenhals hat sich verschoben", erklärt York. "Im März und April fehlte Rohöl. Seit August fehlt Raffineriekapazität."
Der Grund: Sowohl die ukrainischen Drohnenangriffe auf Russland als auch der Konflikt um die Meerenge von Hormus zerstören Raffineriekapazitäten schneller, als sie ersetzt werden können. Langfristig bleibe die Straße von Hormus aber "das größere strukturelle Risiko" für die Dieselpreise, so York.
Auch Zachmann von der Brüsseler Denkfabrik Bruegel bestätigt: Weltweit ist die Raffineriekapazität "deutlich gesunken – und Diesel ist besonders betroffen".
Wie geht es weiter?
Ein langer Krieg im Nahen Osten oder in Russland würde die Lage für Europa und andere Diesel-Nutzer verschärfen. Ein US-Exportstopp könnte das Problem noch weiter vergrößern.
Sollten die USA ihre Exporte tatsächlich stoppen, wäre das ein Schock, warnt Zachmann. Die Dieselpreise würden weiter steigen. Offen ist, ob die EU dann mit Gegenmaßnahmen reagiert.
Bisher lief der transatlantische Sprithandel so: die USA verkaufen Diesel nach Europa und die Europäer verkaufen Benzin in die USA. Würden die Europäer auf einen US-Exportstopp für Diesel reagieren, indem sie weniger Benzin in die USA ausführen, würden in den USA die Benzinpreise steigen und in Europa die Dieselpreise. Beide Seiten würden verlieren.
Zudem naht der Winter. Raffinerien müssen dann gleichzeitig Heizöl und Diesel liefern. Das verschärft die Knappheit zusätzlich.
Iranische Wirtschaft spürt Kriegsfolgen
Ein weiterer Faktor: Seit 2019 haben in Europa und den USA zahlreiche Raffinerien geschlossen. Das hat den Dieselmarkt anfälliger gemacht, sagt York von der Rice University im texanischen Houston. Die Reservekapazität, die früher Schocks abfangen konnte, ist geschrumpft.
"Der Markt hat kaum noch Puffer", fasst York zusammen. "Jeder verlorene Liter trifft die Versorgung heute viel direkter als früher."
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