«2 Abende in Clubs – als Mann wäre das in 2 Tagen vergessen»

- Die ehemalige finnische Ministerpräsidentin Sanna Marin (40) blickt in einem Interview mit dem «Corriere della Sera» auf ihre Regierungszeit zurück.
- Sie sagt, Kritik habe sich oft auf ihr Aussehen und ihre Freizeit konzentriert.
- Eine Rückkehr in die Politik schliesst sie weitgehend aus, würde aber bei einer russischen Aggression gegen Finnland wieder zur Verfügung stehen.
Sie führte Finnland durch die Corona-Pandemie und in die Nato. Heute blickt die ehemalige Ministerpräsidentin Sanna Marin (40) auf ihre Regierungszeit zurück. In einem Interview mit dem italienischen «Corriere della Sera» spricht sie über politische Skandale, ihr Privatleben und eine mögliche Rückkehr in die Politik.
«Als Mann wäre das nach zwei Tagen vergessen gewesen»
2019 wurde Marin mit 34 Jahren die jüngste amtierende Regierungschefin der Welt. Doch statt über ihre politischen Entscheidungen sei häufig über ihr Aussehen und ihre Freizeit diskutiert worden.
«Sie kritisierten meine Jacke in der ‹Vogue› als zu sexy, mein Frühstück als zu teuer und zwei Abende in Clubs», erinnert sie sich. Wäre sie ein Mann gewesen, hätte man nach zwei Tagen über etwas anderes gesprochen, ist sie überzeugt.
Mit den Partyvideos, die während ihrer Amtszeit auftauchten, sorgte Marin international für Schlagzeilen. Die Sozialdemokratin verlor 2023 die Parlamentswahl und zog sich später aus der finnischen Politik zurück.
«Ich fühlte mich allein»
Die Jahre an der Regierungsspitze hätten sie viel Kraft gekostet. Marin habe praktisch ununterbrochen gearbeitet und sei abends völlig erschöpft nach Hause gekommen. Über viele Entscheidungen habe sie nicht einmal mit ihrem damaligen Ehemann sprechen dürfen, weil es sich um Staatsgeheimnisse gehandelt habe. Sie habe sich allein gefühlt.
Besonders belastend sei die fehlende Zeit mit ihrer Tochter Emma gewesen. «Kinder sind nur dann klein, wenn sie klein sind», sagt Marin. Sie habe ihr eigenes Leben zurückhaben wollen. Ein Burnout sei aber nicht der Grund für ihren Rückzug gewesen.
Rückkehr bei russischem Angriff
Heute arbeitet Marin unter anderem für das Tony Blair Institute for Global Change. Eine erneute Wahlkampagne hält sie für unwahrscheinlich. In einer nationalen Notlage würde sie sich jedoch wieder zur Verfügung stellen. «Zum Beispiel, wenn Russland uns angreifen würde», erklärt sie.
Diese Gefahr nimmt Marin ernst. Putin wolle die frühere Grösse Russlands wiederherstellen und rüste weiter auf. Sie halte es für möglich, dass Moskau bald weitere europäische Staaten angreifen könnte. «Niemand ist sicher», warnt Marin. Auch Länder, die weit von Russland entfernt liegen, könnten durch Drohnen oder Cyberangriffe getroffen werden.
Marin fordert härtere Reaktion auf Russland
Die ehemalige Regierungschefin fordert deshalb eine schnellere Modernisierung der europäischen Armeen. Besonders bei Drohnen und unbemannten Waffensystemen bestehe Nachholbedarf.
Russische Kampfflugzeuge, die europäischen Luftraum verletzen, sollten ihrer Ansicht nach sogar abgeschossen werden. Auch auf Drohnenvorfälle und Cyberangriffe müsse Europa entschlossen reagieren. Marin unterstützt zudem einen EU-Beitritt der Ukraine und Moldaus. Beide Länder müssten allerdings die geltenden Anforderungen bei Korruptionsbekämpfung, Rechtsstaatlichkeit und Wirtschaft erfüllen.
Jonas Bucher ist Blattmacher und stellvertretender Co-Leiter des Newsdesks bei 20 Minuten. Er ist seit 25 Jahren in der Medienbranche tätig und 20 Minuten stets treu geblieben.
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