Unbekannte Flugobjekte – Drohnenabwehr: «Wir sind teilweise im Blindflug»

Plötzlich taucht eine Drohne über einem Flugplatz oder einem Kernkraftwerk auf. Ein Versehen eines Hobby-Piloten oder ein gezielter Spionageakt? Der Sicherheitsexperte Ivo Capaul vom Center for Security Studies der ETH Zürich sagt: «Die Schweiz hat kein klares Bild der Bedrohungslage.»
Ivo Capaul
Sicherheitsexperte
Ivo Capaul ist Researcher im Team Verteidigungspolitik und Rüstung am Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich.
SRF News: Wird die Gefahr durch Drohnen in der Schweiz unterschätzt?
Ivo Capaul: Tendenziell kann man sagen: Ja. Wir haben in der Schweiz das Gespür für die aktuelle Bedrohungslage etwas verloren. Wir müssen das Thema sicher ernst nehmen und uns damit auseinandersetzen.
Wie gross ist das Problem denn tatsächlich? Wissen wir, wie oft potenziell gefährliche Drohnen über kritischer Infrastruktur fliegen?
Nein. Wir sind in gewisser Hinsicht im Blindflug. Es gibt keine nationale, zentrale Erfassung von Drohnensichtungen. Zwar registriert die Armee Vorfälle, doch nicht immer ist klar, was dahintersteckt.
Ein böswilliger Akteur kann eine Drohne aus handelsüblichen Teilen selbst zusammenbauen oder die Steuerung manipulieren.
In etwa 80 Prozent der Fälle handelt es sich gemäss Armee um Fehlidentifikationen oder um Drohnen von harmlosen Hobby-Piloten. In 20 Prozent könnte es sich um einen hybriden Angriff eines Staates handeln.
Wie schwierig ist es, eine harmlose von einer feindlichen Drohne zu unterscheiden?
Es ist nicht so einfach. Eine kommerzielle Drohne hat heute quasi ein virtuelles Nummernschild und ist registriert. Ein Sensor kann sie identifizieren. Aber ein böswilliger Akteur kann eine Drohne aus handelsüblichen Teilen selbst zusammenbauen oder die Steuerung manipulieren. Dann wird die Identifikation schwierig und erfordert aufwendige Radarsensoren.
Was wären die wichtigsten Schritte, um aus diesem Blindflug herauszukommen?
Wichtig ist der Aufbau von Sensoren bei kritischer Infrastruktur, um überhaupt zu erkennen, was am Himmel passiert. Weiter braucht es eine Meldepflicht für Betreiber kritischer Infrastrukturen, ähnlich wie bei Cyberangriffen.
Meistens kann nicht eindeutig bewiesen werden, ob und welcher staatliche Akteur dahintersteckt.
Sie müssen berichten, wenn sie eine Drohne entdecken. Nur so erhalten wir ein nationales Lagebild, auf dessen Basis wir handeln können.
Was ist eigentlich das Ziel von staatlichen Akteuren mit solchen Drohnenflügen über kritischer Infrastruktur?
Wir denken oft nur an Sabotage: Eine Drohne, bestückt mit Sprengstoff, fliegt in ein Ziel. Eine Drohne kann im Kontext hybrider Aktionen aber ganz unterschiedliche Ziele verfolgen: Spionage, das Testen des Sicherheitsdispositivs einer Anlage, die Delegitimierung der Sicherheitsbehörden oder die Verunsicherung der Bevölkerung. Das Spektrum ist sehr breit.
Wer steckt dahinter? Weiss man das?
Die Zuweisung ist sehr schwierig und aufwendig. Der Fall am Flughafen Leipzig, wo Deutschland klar Russland als Urheber benannt hat, ist eine Ausnahme. Meistens kann nicht eindeutig bewiesen werden, ob und welcher staatliche Akteur dahintersteckt.
Der Ukraine-Krieg zeigt, wie rasant sich die Drohnentechnologie entwickelt. Kann man sich überhaupt wirksam schützen?
Eine absolute Sicherheit gibt es nicht und wird es auch in Zukunft nicht geben. Es wäre illusorisch zu glauben, man könne jedes sensible Objekt in der Schweiz mit einem Abwehrsystem schützen. Deshalb müssen wir priorisieren: Wo ist die Bedrohung am grössten? Zudem müssen wir den Eigenschutz stärken, etwa durch bauliche Massnahmen: Ein Netz kann kritische Infrastruktur vor Spionage oder Sabotage schützen. Wichtig ist auch die Resilienz: die Fähigkeit, nach einem Angriff schnell wieder den Normalbetrieb aufnehmen zu können.
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