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Saturday, September 26, 2026

«Im Herzen sind Sie jung»: Ski-Legende Russi besucht 101-jährige Bewunderin im Heim

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«Jo grüezi, Herr Russi! Schön, sind Sie hier.» Berta Merki-Sutter macht grosse Augen, sie kann es fast nicht glauben. Doch da steht er leibhaftig vor ihr: Bernhard Russi, 78, Abfahrts-Olympiasieger und zweifacher Weltmeister. Er bückt sich, fragt die im Rollstuhl sitzende Seniorin freundlich: «Wie gohts, Frau Merki?» – «Gut. Auch wenns mit dem Gedächtnis ein bisschen hapert», meint die 101-Jährige mit leiser Stimme, strahlt übers ganze Gesicht. «Dass ich das in meinem Alter noch erleben darf!» Dann zeigt Berta Merki auf ihre Haare, schaut den prominenten Besucher aus dem Urnerland keck an. «Bin ich froh, hab nicht nur ich graue Haare!» Beide lachen. Russi: «Schön, dass es Ihnen noch so gut geht.» – «Ich war schon immer eine Frohnatur.

Berta Merki ist eine der treuesten Leserinnen der Schweizer Illustrierten – seit 76 Jahren hat sie ein SI-Abonnement! Grund genug für das SI-Team, die rüstige Seniorin im Alters- und Pflegeheim WirnaVita im aargauischen Würenlingen zu besuchen. Und weil die frühere Bäuerin während der vielen Jahre Artikel über einen Schweizer immer besonders gern gelesen hat, ist auf Einladung der SI auch dieser bei der Visite dabei: Bernhard Russi, die Schweizer Ski-Ikone aus Andermatt UR! Eine Woche zuvor hat Bertas Sohn Marcel, 68, eines ihrer sechs Kinder, sie über den hohen Besuch eingeweiht. An jedem darauf folgenden Tag hat er sie gefragt: «Wie heisst der Mann, der bald zu Besuch kommt, Mimi?» Nie kam ihr der Name in den Sinn. Anders heute!

Persönliches Geschenk für Russi

Die Pensionärin hat den Besucher auf einen Stuhl neben sich am Pult gebeten. Auch Sohn Marcel, Mathe- und Physiklehrer, und Tochter Jeannette, 66, Sozialpädagogin, sind hier. «Schauen Sie, ich habe Ihnen ein Geschenk», sagt Berta Merki und nimmt ein Ausmalbild in die Hände. Dieses zeigt den jungen Russi bei seiner Fahrt zu Olympia-Gold am 7. Februar 1972 im japanischen Sapporo. Marcel Merki hat das Bild mit künstlicher Intelligenz zum Ausmalen generiert. «Ich habe es selber schön ausgemalt», berichtet die vife Seniorin, «drei Nachmittage habe ich dafür gebraucht. Mit ‹Musikwelle› am Radio.»

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Blick+ Nutzer haben exklusiv Zugriff im Rahmen ihres Abonnements. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.

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Anhand eines Fotos wusste sie, welche Farben Russis Renndress und Helm damals hatten. Als Sohn Marcel ihr vor zwei Wochen sagte, sie möge das Russi-Bild ausmalen, fragte sie: «Warum soll ich mitten im Sommer dieses Winterbild ausmalen?» Sie habe schon immer gern gemalt, mit 55 Jahren einen Kurs in Bauernmalerei gegeben. Auch sonst hat Berta Merki ein Flair für Handarbeiten: Sie fertigte Bäbi an, nähte Tiere aus Kaninchenfell, machte Macramé und Glasritzen.

Jeden Tag ein Rätsel

Der Gast erkundigt sich nach Berta Merkis Alltag. Sie löse jeden Tag Rätsel in der SI, male Bilder aus, lisme fleissig Topflappen, erzählt sie – Geburtstagsgeschenke für ihre Familie, sie hat acht Enkelkinder und sechs Urenkel. Bis vor zwei Jahren lebte sie noch daheim, nach einer schweren Darm-Operation zügelte sie dann ins Altersheim. Ihr Mann Hans, mit dem sie neben dem Bauernhof auch eine Schuhmacherei betrieb, sei 1997 gestorben. Im Mai 1948 hatten sie beide geheiratet, erzählt Berta und fragt: «Wie alt waren Sie damals?» – «Drei Monate», antwortet Russi. – «Sie haben sich gut gehalten, sehen noch immer gut aus!» Wann sie Geburtstag habe, will Russi wissen. «Am 1. Mai. Dann feiern wir immer schön.» Er selber habe Geburtstage nicht gern, sagt der Urner. Zu Merki: «Im Herzen sind Sie jung.»

Das Augenlicht habe nachgelassen, mit dem Gehen hapere es, sagt die Seniorin. «Doch zweimal pro Woche strample ich auf dem Hometrainer.» Seine Siegesfahrt in Sapporo habe sie natürlich am Fernsehen verfolgt. Das sei in den Zeiten gewesen, als die Kinder am Samstag gegen Mittag aus der Schule heim rannten, um ja das Skirennen nicht zu verpassen. «Ich stand dann meistens am Herd und regte mich auf, dass niemand an den Mittagstisch kommen wollte.» Noch heute schaue er fast jedes Skirennen am TV, erzählt Bernhard Russi. Von seiner Hüft-Operation im vergangenen April habe er sich gut erholt. «Auch im nächsten Winter will ich wieder fleissig auf den Ski stehen.» Im vergangenen Winter kam er auf 80 Skitage, meist in seinem Heimterrain Andermatt/Sedrun GR.

Sonderbrief mit Widmung

«Ich hoffe, Sie haben Freude an meinem Ausmalbild», sagt Berta und signiert dieses – langsam, aber sorgfältig. Dann schreibt der Olympiasieger eine Widmung auf das seltene Geschenk, das er mitgebracht hat: einen offiziellen Sonderbrief der Schweizer Sporthilfe, herausgegeben anlässlich der Olympischen Winterspiele 1976 in Innsbruck – Russi holte Abfahrts-Silber. Russi schmunzelt: «Sie haben eine schönere Schrift als ich.» Berta Merki bedankt sich herzlich. Sohn Marcel: «Unsere Mutter sagt für alles danke. Sie ist zufrieden mit dem, was sie hat, und ist im ganzen Heim beliebt. Für alle hat sie ein Lachen.» Er besucht seine Mutter zweimal täglich, auch seine Geschwister kommen regelmässig vorbei. Tochter Jeannette: «Von Mimi lernen wir viel. Wir haben grosse Freude an ihr.»

Auch Bernhard Russi ist angetan von ihr. «Es hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen», sagt er. Das Ausmalbild wird er rahmen, es bekommt einen Sonderplatz in seinem Büro. Berta Merki strahlt. «Wo haben Sie Ihre Siegerski von Sapporo?» – «Die Goldmedaille ist im Talmuseum Andermatt, die Ski sind daheim», sagt Russi und schmunzelt. «Vielleicht brauche ich sie ja noch einmal.» Berta Merki lacht. «Ich bin noch nie Ski gefahren. Das fange ich auch nicht mehr an!»

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