Mit Stirnlampe in den Schacht – Das Rätsel der New Yorker Kanalkletterer

Latzhosen, Stirnlampe, Brecheisen: Seit Mai steigen in New York immer wieder Unbekannte nachts in die Kanalisation. Diese Woche gab es Festnahmen – ausgerechnet während der UNO-Generalversammlung.
Roger Aebli
USA-Korrespondent
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Roger Aebli ist seit Sommer 2025 USA-Korrespondent. Zuvor moderierte und produzierte er die «Tagesschau»-Ausgaben am Mittag und am Vorabend. Von 2015 bis 2022 arbeitete er für Radio SRF 4 News und moderierte unter anderem die Sendungen «HeuteMorgen» und «Politikum».
Was weiss man über die mysteriösen Kanalisations-Kletterer in New York?
Es ist mindestens der sechste Fall in vier Monaten: Gruppen steigen nachts hinab und tauchen Stunden später wieder auf. Letzten Mittwoch öffneten sechs Personen an der Park Avenue einen Schachtdeckel – nahe den Hotels, in denen hochrangige Gäste der UNO-Generalversammlung residierten. Zwei Männer wurden gefasst. Laut Anklage suchten sie nach weggeschwemmtem Gold und anderen Wertsachen.
Welches Licht werfen die Berichte auf die New Yorker Polizei (NYPD)?
Offene Kritik an der Polizeiarbeit wird kaum geäussert. Dennoch tat sich das NYPD lange schwer, den Kanalkletterern auf die Schliche zu kommen. Letzte Woche an der Park Avenue ging es schneller: Innert 40 Stunden wurden die Verdächtigen gefasst. Eine andere Sorge äussert Stadtrat Phil Wong aus Queens: Er will die Schächte besser sichern lassen. Falls jemand dort Kupferkabel stehlen oder Leitungsnetze sabotieren wolle, «haben wir ein Problem», sagte er im August der «New York Times».
Gibt es Menschen, die im Kanalisationssystem leben? Wie gefährlich leben sie?
Die Legende der «Tunnelmenschen» hält sich hartnäckig. Befeuert hat sie 1993 Jennifer Toth mit einem Buch über Obdachlose in U-Bahn- und Bahntunnels – nicht in der Kanalisation. U-Bahn-Historiker Joseph Brennan bezeichnete viele Angaben als falsch. In den aktuellen Fällen deutet nichts darauf hin, dass jemand unten wohnt. Es wäre lebensgefährlich: Die städtische Umweltbehörde warnt vor giftigen Gasen und Fluten, ein langjähriger Erkunder des Untergrunds vor Sauerstoffmangel.
Warum treten die Gully-Kletterer gerade jetzt in Erscheinung?
Neu ist das Phänomen nicht: Schon 2015 und 2025 stiegen in Brooklyn Männer auf Goldsuche in die Kanäle. Die Polizei sagt, die Sucher gingen vor allem nach Stürmen hinab. Der Anwalt eines Festgenommenen spricht in der «New York Times» von «zwei Pechvögeln», die die Verzweiflung in die Kanäle getrieben habe. Ein Kanalerkunder mit über hundert Abstiegen hält die Schatzsuche für aussichtslos. Sein bester Fund, sagte er der «New York Times»: eine abgelaufene Kreditkarte.
Welche Rolle spielt Social Media bei den jüngsten Berichten?
Eine zentrale, zumal die meisten Vorfälle gefilmt und viele davon im Netz breit geteilt werden. Beim Video von der Penn Station im August debattierten Nutzer, ob die Männer eher Minions oder den Super-Mario-Brüdern gleichen; andere tippten auf Kupferdiebe. Neu ist wohl vor allem die Sichtbarkeit: Aus einer skurrilen Nachtaktion wird im Netz schnell eine Grossstadtlegende – und ein Sicherheitsthema.
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