Daten zu Kriminalität und Gewalt: Werden Ausländer häufiger straffällig als Deutsche?

Daten zu Kriminalität und GewaltWerden Ausländer häufiger straffällig als Deutsche?
13.10.2026, 17:31 Uhr
Von Raya Emilia Frick

Ausländische Jugendliche tauchen in der polizeilichen Kriminalstatistik 2025 öfter auf als Deutsche. Doch wie erklären sich die unterschiedlichen Kriminalitätsraten? Eine Studie hat sich mit den Hintergründen beschäftigt.
Nichtdeutsche männliche Jugendliche haben eine 3,5-mal höhere Tatverdächtigenbelastungszahl als deutsche männliche Jugendliche. Das sagen die Kriminologinnen Susann Prätor und Yvonne Krieg in einem Hintergrundgrundgespräch mit Blick auf die Polizeikriminalstatistik 2025 (PKS). Für den Mediendienst Integration haben sie Daten aus dem Hell- und Dunkelfeld zum Thema "Migration und Kriminalität" ausgewertet. Die Zahl der Tatverdächtigen pro 100.000 Einwohner der nichtdeutschen Männer ist demnach fast viermal so hoch wie die der deutschen Männer.
Die PKS erfasst für das Jahr 2025 1028 nichtdeutsche Tatverdächtige gegenüber 265 deutschen. Am höchsten ist die Gewaltkriminalität der männlichen Bevölkerung im Jugend- und jungen Erwachsenenalter. In der Altersgruppe der 14- bis 18-Jährigen wurden rund 3700 nichtdeutsche Tatverdächtige und 1000 deutsche Tatverdächtige registriert. Nichtdeutsch bezieht sich auf Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit.
Für diese Unterschiede gibt es laut Mediendienst Integration aber mehrere Gründe. Die demografische Zusammensetzung von Nichtdeutschen weist etwa einen höheren Anteil junger Männer auf als die deutsche Bevölkerung. Die Statistik erfasst zudem nur das sogenannte Hellfeld, also nur Straftaten, die der Polizei gemeldet oder bekannt werden. Auch Unterschiede im Anzeigeverhalten beeinflussen das Bild. Ausländische Tatverdächtige werden bei Gewaltdelikten etwa doppelt so häufig angezeigt wie deutsche.
Eine Analyse der Dunkelfeldstudie des Niedersachsensurveys von 2024 ergibt derweil einen geringeren Unterschied: Demnach werden ausländische Jugendliche nur 1,6-mal häufiger gewalttätig als deutsche. Die höhere Gewaltbelastung nichtdeutscher Jugendlicher bringen die Forschenden neben dem ungleichen Anzeigeverhalten mit zwei weiteren Faktoren in Verbindung: ihre sozioökonomische Situation und vor allem eine positivere Einstellung zu Gewalt.
Soziale Lage
Die soziale Lage von Jugendlichen nichtdeutscher Herkunft ist durchschnittlich schlechter als die von deutschen. So liegt etwa die Armutsgefährdung bei unter 18-Jährigen ohne Migrationshintergrund bei 6,8 Prozent, mit Migrationshintergrund bei 23,3 Prozent, zeigen Zahlen des Mediendiensts Integration. Damit sind geringere Zukunftsperspektiven und eine höhere Kriminalitätsbereitschaft verbunden. Weniger als ein Viertel (20,4 Prozent) der nichtdeutschen männlichen Jugendlichen besuchte einer Umfrage des Niedersachsensurveys aus dem Jahr 2024 zufolge ein Gymnasium. Bei den deutschen männlichen Jugendlichen waren es 35,5 Prozent.
Im Vergleich der Jugendlichen, die kein Gymnasium besuchen, fällt der Unterschied etwas geringer aus: Bei deutschen Jugendliche lag die Gewaltrate laut Niedersachsensurvey bei 10,2 Prozent und bei nichtdeutschen Jugendlichen bei knapp 15 Prozent. Die besuchte Schulform erklärt somit einen Teil des Unterschieds aber nicht den gesamten Abstand. Einkommen und Beruf der Eltern oder die Wohnsituation spielen in weiteren Studien ebenfalls eine Rolle.
Ein bedeutender Faktor ist auch die positivere Einstellung zu Gewalt. Der Niedersachsensurvey untersuchte sowohl die Akzeptanz von Gewalt als auch die Zustimmung zu Gewalt legitimierenden Männlichkeitsnormen. Aussagen wie "Ein Mann sollte bereits sein, Frau und Kinder mit Gewalt zu verteidigen" oder "Ein bisschen Gewalt gehört einfach dazu, um Spaß zu haben", stimmten 5,2 Prozent der deutschen männlichen Jugendlichen zu. Bei den nichtdeutschen männlichen Jugendlichen unterstützten 9.6 Prozent die Aussagen.
Dabei handelt es sich dennoch um eine Minderheit unter den nichtdeutschen Jugendlichen: Rund neun von zehn Befragten stimmen den Aussagen nicht oder nur teilweise zu. Aus diesen Ergebnissen lässt sich keine pauschale Aussage über ein kulturelles Merkmal einer Gruppe treffen. Dafür müsste ein deutlich höherer Anteil der Angehörigen einer gesamten Gruppe die Einstellung teilen.
Gewalt in der Familie
Für die Entwicklung Gewalt befürwortender Einstellungen kann die familiäre Situation eine zentrale Rolle spielen. "Die Jugendlichen haben mitunter in der Familie Gewalterfahrungen gemacht", sagt Yvonne Krieg vom Niedersachsensurvey im Hintergrundgespräch. Krieg verweist auch auf die jüngere deutsche Geschichte: "Erst Anfang der 2000er Jahre wurde das elterliche Züchtigungsrecht abgeschafft. Die elterliche Gewalt ist seitdem zurückgegangen." Seit November 2000 ist das Recht von Kindern auf eine gewaltfreie Erziehung im Bürgerlichen Gesetzbuch verankert.
In anderen Ländern gebe es teilweise noch andere Einstellungen, wie elterliche Erziehung aussehen sollte. "Kinder lernen am Modell und das kann dazu führen, dass man vielleicht selbst der Meinung ist, dass Gewalt eine gute Möglichkeit ist Konflikte zu lösen", sagt Krieg. Hinzu kommt, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund häufiger Gewalt- oder Diskriminierungserfahrungen machen. "Bei manchen kann daraus eine starke psychische Belastung oder ein Gefühl des Kontrollverlusts entstehen. Sie versuchen dann möglicherweise, sich durch Härte Respekt zu verschaffen", erklärt Krieg.
Der Mediendienst Integration fasst mehrere Bedingungen zusammen, die das Risiko für Straffälligkeit erhöhen können. Dazu gehört eine wenig zugewandte oder gar gewaltsame Erziehung, sowie fehlende Ressourcen, um Kinder zu fördern und zu beaufsichtigen. Auch das Aufwachsen in benachteiligten Stadtteilen und fehlende Freizeitmöglichkeiten können Jugendliche negativ beeinflussen und dazu führen, dass sie eher straffällig werden. Entscheidend ist das Zusammenspiel verschiedener sozialer und ökonomischer Faktoren und nicht eine einzelne Gruppenzugehörigkeit.
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