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Tuesday, October 6, 2026

Gespritzte Muskeln – Im gefährlichen Rausch der Steroide

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«Egal wie viel ich pumpe, happy bin ich nie.» Colin, 17, steht vor dem Spiegel und betrachtet seinen muskulösen Körper. Der Bodybuilder spannt den Bizeps, die Brust, dann die Rückenmuskeln an. «Nein, das muss noch mehr werden.»

Für seinen Traum eines Tages als Profi durchzustarten, hat Colin sein Leben umgekrempelt. Seine anstrengende Metzgerlehre tauschte er gegen eine Ausbildung zum Kaufmann, so hat er mehr Power für den Sport. Und weil das Gym nahe seiner Arbeitsstelle ist, trainiert er fast jede freie Minute.

Ich will funktionieren wie ein Roboter.

Colin geht nicht aus, hat keine Zeit für eine Freundin, ernährt sich überwiegend von Proteinprodukten, Poulet und Reis und trainiert auch schon mal, wenn er krank ist. Für seinen Sport will er verzichten und «funktionieren wie ein Roboter». Jetzt will er Anabolika konsumieren. Seine erste Spritze wird er sich setzen, sobald er volljährig ist.

Krafttraining boomt – Anabolika auch

Krafttraining ist beliebt, vor allem bei männlichen Teenies. Sie eifern muskelbepackten Influencern auf Instagram, Tiktok & Co. nach, die durch ihre Workouts Männlichkeit, Erfolg und Sex-Appeal verkörpern. Damit die Muskelberge schneller wachsen, greifen Jugendliche vermehrt zu leistungssteigernden Substanzen wie anabolen Steroiden, SARMs oder Peptiden.

Der Internist und Suchtmediziner Philip Bruggmann erklärt, dass rund ein Drittel der Konsumierenden eine Steroidabhängigkeit entwickelt. Mögliche Folgen sind unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Hautprobleme, Leber- und Nierenschäden, und Zeugungsunfähigkeit.

Da finden Menschenversuche statt.

Auch psychische Probleme können auftreten. Im ARUD-Zentrum für Suchtberatung hat Bruggmann jetzt vermehrt mit Minderjährigen zu tun, die auf Zuweisung von Ärzten Hilfe brauchen: «Die Körper der Jugendlichen sind ja noch in der Entwicklung. Ein Langzeitkonsum kann fatale Folgen haben.»

Sorgen macht Philip Bruggmann vor allem die Beschaffung von muskelsteigernden Substanzen aus dem Internet. Er kritisiert, dass sogar Produkte aus der Tiermedizin auf den Markt gelangten. Und überhaupt fehle es bei den meisten Präparaten an wissenschaftlichen Studien über mögliche Nebenwirkungen.

«In der Suchtberatung treffe ich auf Leute, die sich hohe Dosierungen spritzen», erklärt Bruggmann, «oder sich Cocktails aus verschiedenen Substanzen mixen. Das sind schon fast Menschenversuche, die da stattfinden».

Die ARUD (Arbeitsgemeinschaft für risikoarmen Umgang mit Drogen) ist eine der führenden suchtmedizinischen Institutionen der Schweiz. Sie bietet Beratung, medizinische Behandlung und Therapie für Menschen mit unterschiedlichen Abhängigkeiten an, darunter Alkohol, Cannabis, Kokain, Opioide, Medikamente, Tabak sowie auch Anabolika. Die ARUD erwartet nicht zwingend, dass Betroffene komplett abstinent werden. Stattdessen unterstützt sie Menschen dabei, ihre individuellen Ziele zu erreichen, sei es weniger zu konsumieren, kontrollierter zu konsumieren oder ganz aufzuhören.

Das Märchen vom kontrollierten Anabolikakonsum

Der junge Bodybuilder Colin ist überzeugt, dass er ohne Anabolika keine Wettkämpfe gewinnt: «Das braucht es, alle da oben auf der Bühne nehmen das.» Mittlerweile akzeptiert Colins Mutter Fränzi die Ambitionen ihres Sohnes: «Besser so, als wenn er herumhängt und sich gehen lässt.»

Sie fährt ihn zum Training, unterstützt ihn mit Geld und hilft ihm bei der Umsetzung seines akribischen Ernährungsplans. Aber wenn es so weit ist, muss er sich die Spritze selbst aufziehen. Als Mutter pocht sie auf die Eigenverantwortung ihres Sohnes: «Ich liebe Colin über alles, aber das ist sein Weg. Und wenn er volljährig ist, kann ich sowieso nichts machen.»

Wichtig für sie zu wissen: Wie Anabolika wirken, wo man sie herbekommt und wie Colin auf den Konsum reagiert. Sie will einfach schauen, dass rundherum alles stimmt. Deshalb plant Fränzi für ihren Sohn alle sechs Monate Blut- und Herztests.

Wir sehen immer mehr junge Männer mit Anabolikakonsum, die eines Morgens tot im Bett liegen.

Der Internist und Suchtmediziner Philip Bruggmann warnt, dass selbst häufige medizinische Untersuchungen das Gesundheitsrisiko bei anabolen Steroiden nicht senken. Er erklärt, dass eine einfache Laboruntersuchung bei weitem nicht ausreiche. Vielmehr plädiert er für laufende Ultraschalluntersuchungen von Nieren und Leber.

Zusätzlich empfiehlt er computertomografische Analysen des Herzens auf mögliche Arterienverkalkungen. Einen sicheren und kontrollierten Konsum gibt es nicht, so Bruggmann: «Dafür sehen wir immer mehr junge Männer mit Anabolikakonsum, die eines Morgens tot im Bett liegen.»

Der Weckruf

Marc Berbet ist eine imposante Erscheinung. Der muskelbepackte 52-Jährige lebt abwechselnd in Los Angeles und in Aarau. Sein Geld verdient er mit einem Bodybuilding-Gym und als Designer von Toiletten in Form von Totenköpfen. Nach einer mehrjährigen Pause konsumiert er wieder Steroide, auch in hohen Dosierungen: «Ich habe bisher alles ausprobiert, was es so gibt. Die Gesundheit war mir egal.»

Die Substanzen sind gemäss Dopingliste verboten und haben ein hohes Risiko für schwere Nebenwirkungen.

  • Selektive Androgenrezeptor-Modulatoren (SARMs) sind eine Gruppe synthetischer Substanzen, die im Körper ähnlich wirken wie Testosteron und den Muskelaufbau fördern sollen. SARMs sollen testosteronähnliche Effekte – vor allem im Muskel und Knochengewebe – auslösen. Sie erhöhen das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall und können unter anderem Psychosen, Leberschäden, Unfruchtbarkeit, Hodenschrumpfung und sexuelle Funktionsstörungen verursachen.
  • Ibutamoren (auch MK-677 genannt) wird für schnelleren Muskelaufbau beworben. Vereinfacht gesagt, greift Ibutamoren in die körpereigene Hormonsteuerung ein und erhöht so die Freisetzung des Wachstumshormons. Es können jedoch auch andere Hormone ungewollt beeinflusst werden wie Cortisol und Prolaktin. Zudem kann MK-677 Wassereinlagerungen, gesteigerten Appetit, erhöhten Blutzucker und sexuelle Funktionsstörungen verursachen.

Quelle: Swiss Sport Integrity

Üblich ist bei Anabolikakonsum, dass der Körper aufgrund der meist sehr hohen Dosierungen seine eigene Testosteronproduktion herunterfährt oder gleich ganz stoppt. Von den damit verbundenen möglichen Folgen, wie beispielsweise Libidoverlust, eingeschränkter Zeugungsfähigkeit, depressiven Verstimmungen oder Organschädigungen, blieb Marc bis jetzt verschont.

Nun zeigt eine Blutuntersuchung bei ihm einen bedenklich erhöhten Hämatokritwert. Das bedeutet, dass sein Blut zu viele rote Blutkörperchen enthält und dadurch dickflüssiger wird. Das kann die Durchblutung beeinträchtigen und das Risiko für Gerinnsel erhöhen. Bald werden auch Marcs Gefässe auf Verkalkungen und Ablagerungen untersucht. Für den Bodybuilder ist das ein Weckruf.

Seit einigen Monaten unterzieht sich Marc einer Testosteron-Ersatztherapie, genannt «TRT». In seinem Fall handelt es sich um eine «Absetztherapie». Unter ärztlicher Kontrolle wird ihm Testosteron in stetig sinkender Dosierung zugeführt, um damit die körpereigene Produktion wieder in Schwung zu bringen.

Eine Absetztherapie soll zudem dabei helfen, die starken psychischen Beschwerden wie Angstzustände oder Stimmungsschwankungen aufzufangen, die nach dem Gebrauch von Anabolika auftreten können. Funktioniert dies nicht, kann aus der temporären Absetztherapie eine dauerhafte Testosteron-Ersatztherapie werden.

Anabolika ist und bleibt Teil meines Lifestyles.

Eine kleine Dosierung anaboler Steroide will Marc sich jedoch weiter gönnen. «Ich werde älter, aber ich will weiter klasse aussehen. Und wenn du diesen Lifestyle aus Training, Muskeln und Ästhetik wirklich lebst, dann gehören Anabolika einfach dazu.»

Muskeln brauchen kein Doping

Philip Bruggmann vom ARUD-Zentrum für Suchtmedizin stellt fest: «Die Anliegen der Betroffenen bei uns in der Beratung sind sehr unterschiedlich. Einige wollen mit Anabolika aufhören, andere den Konsum reduzieren oder pausieren.» Der Internist und Suchtmediziner bedauert, dass trotz des weitverbreiteten Anabolikakonsums in der Schweiz nur wenige Betroffene medizinische Hilfe suchen, wenn gesundheitliche Probleme auftreten.

Ein Grund dafür sei das grosse Misstrauen gegenüber der Ärzteschaft: Viele Betroffene fühlten sich nicht verstanden und erleben, dass ihr Wissen über die Substanzen oft grösser ist als das ihrer Ärztinnen und Ärzte. Umso wichtiger sind medizinische Angebote auf Augenhöhe, die die Erfahrungen und Ziele der Konsumierenden respektieren.

Und wenn man sich verdeutlicht, so Bruggmann, dass die meist männlichen Anabolika-Konsumenten immer jünger werden, sollten vor allem die Eltern ihre Kinder schützen und das Bewusstsein dafür schärfen, dass Muskeln zwar wichtig sind, «aber dazu braucht es keine gefährlichen Substanzen».

Aufruf: Puls sucht Sie!

Haben Sie häusliche Gewalt in Ihrer Familie oder Partnerschaft erlebt? War Ihnen bewusst, dass Sie von einer missbräuchlichen Beziehung betroffen sind? Hätten Sie rückblickend anders gehandelt und früher Hilfe in Anspruch genommen? Wie ist es Ihnen gelungen, sich den körperlichen und psychischen Übergriffen zu entziehen und möglicherweise auch andere zu schützen?

«Puls» möchte helfen, missbräuchliche Beziehungen zu erkennen, auf mögliche Hilfsangebote aufmerksam zu machen – und sucht Menschen, die bereit sind, ihre Geschichte zu teilen.

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