15 Jahre nach dem ESC – Warum Anna Rossinelli ihren grössten Hit loslassen musste

Es gibt Momente, die ein Leben mit einem Schlag verändern. Für die Basler Sängerin Anna Rossinelli war dieser Moment der ESC-Vorentscheid im Jahr 2011. Von der Strassenmusikerin wurde sie zur nationalen Hoffnungsträgerin – quasi über Nacht.
Doch der plötzliche Ruhm brachte nicht nur Scheinwerferlicht, sondern auch eine grosse Last mit sich. Heute, 15 Jahre danach, beschreibt die Künstlerin den damaligen Trubel als einen regelrechten Kulturschock, der sie unvorbereitet traf.
Der plötzliche Verlust der Unschuld
Besonders die gnadenlose Lupe der Öffentlichkeit setzte der damals 23-jährigen Sängerin zu. Plötzlich ging es nicht mehr nur um die Musik, sondern um Äusserlichkeiten und Vergleiche. «Da habe ich gemerkt: Jetzt wird es ernst, jetzt muss ich mir alles genau überlegen. Jetzt geht es um die Schuhe, den Haarschnitt – und du wirst auseinandergenommen», sagt Rossinelli bei Radio SRF 1.
Dieses Gefühl, unter ständiger Beobachtung zu stehen, habe ihr «manchmal schon auch ein bisschen Angst gemacht». Doch rückblickend war es vielleicht genau eine Eigenschaft, die sie vor dem kompletten Druck rettete: ihre absolute Unbedarftheit.
Die Kraft der Naivität
Während viele Acts den Eurovision Song Contest akribisch planen, ging Rossinelli die Sache mit einer erfrischenden Leichtigkeit an. Sie hatte den ESC zuvor nicht einmal im Fernsehen verfolgt. Diese Unbefangenheit war ihr Schutzschild. «Es war gut, dass ich damals so unverblümt durch diese Tür gegangen bin und als Nichtwissende gestartet bin.»
Obwohl die Schweiz im Finale in Düsseldorf schliesslich auf dem letzten Platz landete, liess sich Rossinelli nicht entmutigen. Im Gegenteil: Der vermeintliche Misserfolg wurde zum Fundament für etwas viel Grösseres – ihre Karriere, die auf Kontinuität statt auf den schnellen, flüchtigen Hype setzt.
Ein Hit wird zum Relikt der Vergangenheit
Heute, 15 Jahre nach dem ESC-Abenteuer, ist Anna Rossinelli eine feste Grösse in der Schweizer Kulturlandschaft. Sie hat sechs Studioalben veröffentlicht, die alle in den Top 10 der Schweizer Hitparade landeten, stand als Coach bei «The Voice of Switzerland» vor der Kamera und glänzte als Schauspielerin in der Kultserie Tschugger.
Der Song ‹In Love for a While› ist super, so wie er ist. Aber er entspricht einfach nicht mehr dem, was ich mit der Musik sagen möchte.
Doch wer auf ihren Konzerten auf den Song wartet, der damals alles ins Rollen brachte, wartet vergeblich. «In Love for a While» wurde konsequent von der Setlist gestrichen.
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Bild 1 von 4. David Constantin als Bax und Anna Rossinelli als Annette: In der Fernsehserie Tschugger wollen die zwei das Wallis retten. Bildquelle: SRF/Dominic Steinmann.
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Bild 2 von 4. Nach der Entscheidungsshow des Eurovision Song Contest im Dezember 2010 wird Anna Rossinelli von Journalistinnen und Journalisten belagert. Bildquelle: Keystone/Ennio Leanza.
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Bild 3 von 4. Beim Eurovision Song Contest in Düsseldorf schafften es Anna Rossinelli und ihre Band ins Finale – landeten schlussendlich aber auf dem letzten Platz. Bildquelle: SRF/Daniel Schönmann.
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Bild 4 von 4. Trotz letztem Platz: Nach der ESC-Teilnahme startete die Basler Sängerin durch. Es folgten diverse Auftritte, hier am Gurtenfestival 2019. Bildquelle: SRF/Noëlle Guidon/Saskia Widmer.
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Rossinelli blickt ohne Groll, aber mit künstlerischer Klarheit auf das Stück zurück. Für sie hat sich der Kreis geschlossen: «Der Song ist super, so wie er ist. Aber er entspricht einfach nicht mehr dem, was ich mit der Musik sagen möchte.»
Der Blick nach vorn: Clubtour und neue Töne
Ihre Fans haben diesen Schritt längst akzeptiert. Rossinelli hat genug andere Hits auf Lager. Ab Oktober geht sie mit ihrer Band auf eine grosse Schweizer Clubtour, um die Songs ihres aktuellen Albums «Heat» zu performen.
Ihre Vorfreude ist riesig, besonders auf die intimen Momente und geschichtsträchtigen Locations wie das Wetterhorn im Berner Oberland oder die frisch wiederaufgebaute Kuppel in ihrer Heimatstadt Basel.
Rossinelli hat bewiesen, dass man auch nach einem letzten Platz beim ESC ganz oben ankommen kann – man muss nur den Mut haben, seinen eigenen Weg unbeirrt weiterzugehen.
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