Foltervorwürfe gegen Israel – «Ich hatte Angst um mein Leben»

Menschenrechtler werfen Israel systematische Folter palästinensischer Gefangener vor. Ein Betroffener erzählt.
19.09.2026, 18:59
Ahmad Khalifa steht auf dem Balkon seines Büros in Umm al-Fahm und blickt in die Ferne. Der Anwalt und Aktivist wirkt angespannt. Vier Monate hat der palästinensische Israeli in israelischen Gefängnissen verbracht. Die Erinnerungen daran lassen ihn bis heute nicht los.
«Wenn ich nachts nicht schlafen kann, denke ich immer wieder an die Schreie anderer Gefangener», erzählt er. «Es treibt mich um, dass ich diesen Menschen nicht helfen kann.»
Demütigung und Bestrafung
Khalifa wurde im Oktober 2023, kurz nach dem Hamas-Massaker, nach einer Demonstration gegen Israels Kriegsführung im Gazastreifen verhaftet. Die Behörden warfen ihm danach «Anstiftung zum Terrorismus» vor. Inzwischen wurde er erstinstanzlich verurteilt. Er kämpft jedoch weiter gegen das Urteil.
Die Haftbedingungen beschreibt Khalifa als unmenschlich: «Sie kamen jeden Tag, nahmen uns aus der Zelle und legten uns draussen gefesselt auf den Boden. Es war schmutzig, es regnete, und wir lagen mit dem Gesicht im Dreck.»
Wir sahen Wärter, die auf dem Essen herumgetrampelt sind. Trotzdem mussten wir es essen, weil es nichts anderes gab.
Ob er um sein Leben gefürchtet habe? «Ja», antwortet Khalifa. «Die ganze Zeit.»
Er berichtet von Schlägen, Demütigungen und Bestrafungen. «Wir sahen Wärter, die auf dem Essen herumgetrampelt sind. Trotzdem mussten wir es essen, weil es nichts anderes gab.» Rund 20 Kilogramm habe er während seiner Haft verloren.
Vorwürfe systematischer Folter
Khalifas Schilderungen sind kein Einzelfall. Das sagt auch Sari Bashi, Direktorin der israelischen Menschenrechtsorganisation Public Committee Against Torture in Israel.
«Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich die Situation dramatisch verschlechtert», so Bashi. «Folter an palästinensischen Gefangenen wurde systematisch und weitverbreitet.» Betroffen seien Gefangene bei Verhören des Inlandsgeheimdienstes, ebenso wie Menschen in Militär- und Zivilgefängnissen.
Menschenrechtsorganisationen dokumentieren seit Beginn des Gaza-Kriegs zahlreiche Fälle mutmasslicher Misshandlungen – und dutzende Todesfälle von Palästinensern in Haft. Das IKRK kritisiert den fehlenden Zugang zu palästinensischen Gefangenen in israelischen Haftanstalten.
Umstrittener Fall in Sde Teiman
Oberster politischer Verantwortlicher ist Israels Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir – seines Zeichens verurteilter Rechtsextremer. Vor kurzem veröffentlichte er ein KI-generiertes Wahlkampf-Video, bei dem Palästinenser in Gefangenenlagern ausgehungert werden.
Für Aufsehen sorgte auch ein Fall auf dem Militärstützpunkt Sde Teiman. Aufnahmen sollen zeigen, wie ein Gefangener aus Gaza von mehreren israelischen Soldaten sexuell missbraucht wird. Doch die Aufarbeitung des Falls stockt.
«Die Militärstaatsanwältin, welche in der Folge Anklage erhoben hatte, wurde entlassen», sagt Menschenrechtsaktivistin Bashi. «Ihr Nachfolger hat die Anklage später fallen gelassen, was sowohl der Ministerpräsident als auch der Verteidigungsminister begrüsst haben.» Für Bashi ist klar: «Das deutet darauf hin, dass es auf höchster Ebene grünes Licht gibt für Folter oder gar Vergewaltigung von Gefangenen.»
Verlorenes Vertrauen
Khalifa verfolgen die Haftbedingungen bis heute. Er kämpft weiter vor Gericht – obwohl er den Glauben an das israelische Justizsystem weitgehend verloren hat.
Die israelischen Behörden haben gegenüber SRF zu den Vorwürfen von Khalifa und den Aussagen der Menschenrechtsaktivisten keine Stellung genommen – trotz mehrerer Anfragen.
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