Von den Malediven nach Moskau: Ein Urlaubsparadies wird zur Drehscheibe für russische Schattentransporte

Von den Malediven nach MoskauEin Urlaubsparadies wird zur Drehscheibe für russische Schattentransporte
23.09.2026, 16:27 Uhr
Von Kevin Schulte
Jedes Jahr fliegen Hunderttausende Touristen auf die Malediven - doch der Tropenstaat scheint mehr zu sein als ein Urlaubsziel: Der Flughafen des Landes ist zum Umschlagplatz für sanktionierte Waren nach Russland geworden, berichtet das "Wall Street Journal".
Kristallklares türkisfarbenes Wasser, weiße Sandstrände, luxuriöse Hotelanlagen: Über zwei Millionen Touristen verbringen jedes Jahr ihren Urlaub auf den Malediven, darunter etwa 100.000 Deutsche. Die Inselgruppe im Indischen Ozean hat sich zu einem der beliebtesten Reiseziele weltweit entwickelt. Doch das kleine Land mit seinen etwa 200 bewohnten und rund 2000 unbewohnten Inseln ist nicht nur für deutsche Luxusurlauber attraktiv, sondern hat inzwischen auch eine Nebenrolle im Krieg zwischen Russland und der Ukraine eingenommen.
"Das Inselparadies dient Russland als geheimer Knotenpunkt für die Umgehung von Sanktionen", schreibt das "Wall Street Journal" (WSJ). Der Flughafen in der Hauptstadt Malé habe sich zu einem Umschlagplatz für sanktionierte Güter entwickelt.
Am Velana International Airport würden sanktionierte Waren im Wert von mehreren 100 Millionen Dollar umgeschlagen. Dabei handele es sich vor allem um Dual-Use-Güter, also Waren, die sowohl für den zivilen als auch für den militärischen Bereich genutzt werden können: Flugzeugteile, Mikrochips, optische Instrumente, aber auch Nieten und Bolzen sowie andere sanktionierte Waren türmen sich in den Frachträumen des Flughafens auf, berichtet die US-Zeitung nach der Sichtung von Luftfrachtdokumenten, Frachtverzeichnissen und E-Mails zwischen Logistikfirmen.
Fracht wird in Aeroflot-Maschinen umgeladen
Die Schattentransporte funktionieren so: Westliche und chinesische Unternehmen verkaufen ihre Produkte offiziell an Zwischenhändler in Drittstaaten. Die Waren werden nach Malé geflogen, dort aber offiziell nicht als Importe gelistet, sondern als Transitfracht angemeldet.
Am Boden warten lokale Logistikfirmen und stellen neue Frachtpapiere aus. In den neuen Papieren tauchen keine Hinweise auf den Verkäufer der Produkte mehr auf. Die Transitfracht wird in russische Linienflugzeuge umgeladen. Jeden Tag landen zwei Aeroflot-Passagiermaschinen auf dem internationalen Flughafen der Malediven. Nach ein paar Stunden Aufenthalt in der maledivischen Sonne fliegen sie zurück nach Moskau - nicht nur mit russischen Touristen an Bord. In Russland werden die Waren aus den Maschinen geladen, ohne sichtbare Verbindung zu den Lieferanten.
Auf den Malediven sei ein Netzwerk lokaler Firmen entstanden, "das Russland dabei hilft, Sanktionen zu umgehen", berichtet das WSJ.
Konkret genannt werden im Artikel zwei Logistikunternehmen: Freight Care und Go Investment. Der Chef von Freight Care bestätigt der ukrainischen Zeitung "Kyiv Post", dass seine Firma auf den Malediven russische Transitgüter umlädt. Aber: von Waren für militärische Zwecke weiß er laut eigener Aussage nichts. "Wir unterstützen keinen Krieg", so Hussain Waheed.
Mehr Exporte als Thunfisch und Broschüren
Laut den offiziellen Zolldaten der Malediven bewegen sich die Exporte aus dem Inselparadies Richtung Russland gen null: Dort sind lediglich Thunfisch im Wert von umgerechnet 2000 Dollar und Flyer und Broschüren in Höhe von 22 Euro gelistet - im gesamten Zeitraum von 2022 bis 2025.
Das US-Forschungsunternehmen Import Genius kommt dagegen auf ganz andere Zahlen. Demnach hat Russland 2022 aus den Malediven Waren im Wert von umgerechnet rund 580 Millionen Euro importiert. Die Forscher berufen sich auf russische Handelsdaten. Ein Riesenanstieg, denn 2021 waren es noch weniger als sieben Millionen Euro. Ausgerechnet im Jahr des Überfalls auf die Ukraine sind die Importe dann in die Höhe geschossen. 2024 waren es laut Import Genius noch knapp unter 150 Millionen Euro. Aber: Russland hat vor zwei Jahren begonnen, seine Handelsdaten nur noch stark eingeschränkt zu veröffentlichen.
Die wichtigsten Umschlagplätze für sanktionierte russische Waren sind China, die Türkei und die Vereinigten Arabischen Emirate. Hier werden jedes Jahr schätzungsweise sanktionierte Güter in Höhe von 15 Milliarden US-Dollar weitergeleitet.
Im Vergleich damit sind die Malediven ein kleines Licht. Trotzdem zeige der Umschlagplatz auf dem Flughafen von Malé, "wie weitreichend Russlands Bemühungen sind, westliche Restriktionen zu unterlaufen", analysiert das WSJ. Moskau findet immer neue Wege, die Sanktionen zu untergraben - es ist ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Westen und Russland.
Russen zweitgrößte Gruppe Urlauber auf Malediven
Für Russland sind die Malediven auch wichtig als Urlaubsziel. Den Russen sind nicht viele Orte geblieben, wo sie ihre Ferien verbringen können. Auf die Tropeninsel können sie sogar visumfrei reisen. Russen sind nach Chinesen die zweitgrößte Gruppe an Urlaubern auf den Malediven. Sie bringen viel Geld in den asiatischen Inselstaat. Das wiederum macht ihn gewissermaßen erpressbar. "Diplomatische Spannungen mit Russland wären eine Bedrohung für die Wirtschaft der Malediven", macht das WSJ deutlich.
Die maledivische Wirtschaft hängt am Tropf des Tourismus. Der Tourismus spült fast ein Drittel - rund 28 Prozent - des gesamten Bruttoinlandsprodukts und über 90 Prozent aller Steuer- und Zolleinnahmen in die Staatskasse.
Mittlerweile hat sich aber auch ein zweiter Wirtschaftszweig etabliert, die Malediven profitieren von einem regelrechten Handelsboom. Die Maldives Airports Company hat sich zum profitabelsten Staatsunternehmen der Malediven entwickelt. Es betreibt den Flughafen in der Hauptstadt Malé und kassiert Abfertigungs- und Handelsgebühren für Luftfracht. Je mehr Transitfracht nach Russland umgeschlagen wird, desto besser für die maledivische Staatskasse.
Die Malediven sind klein, aber wichtig: Hier sieht man, wie kreativ Russland inzwischen geworden ist, um Sanktionen zu umgehen.
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