Rede zum Bundesverdienstkreuz: Was dieses Deutschland im Guten ausmacht

Ehrung der kritischen Öffentlichkeit: Autor Navid Kermani und andere erhielten am 5. Oktober in Berlin das Bundesverdienstkreuz. Wir dokumentieren seine Rede in voller Länge.
Ich bin gebeten worden, stellvertretend für alle 21 Mitbürgerinnen und Mitbürger, die heute das Bundesverdienstkreuz erhalten haben, einige Worte an Sie zu richten. Nun könnten wir 21 kaum unterschiedlicher sein, unsere Berufe, unser Alter, die Gründe, warum wir ausgezeichnet worden sind. Aber wenn es eine Gemeinsamkeit gibt, dann vielleicht die, dass wir alle bewusst oder unbewusst dem alten, dennoch nicht verbrauchten Leitspruch gefolgt sind, frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du tun kannst für dein Land.
Und plötzlich bedankt sich das Land bei uns oder, genau gesagt, der Staat, die Bundesrepublik Deutschland. Das ist, ich bin sicher, für alle 21 ein sehr besonderer und auch unerwarteter Moment.
Was ist das für ein Staat? Dazu könnte man unendlich viel sagen, Positives und Kritisches. Aber weil mein Dankwort kurz sein soll, möchte ich nur einen, den für mich wichtigsten Punkt herausgreifen: Es ist ein Staat, der aus der Geschichte gelernt hat – nicht sofort, nicht vollkommen, aber doch so, dass es über die Jahrzehnte mehr und mehr zur Identität der Bundesrepublik gehört hat, alles dafür zu tun, dass solche Verbrechen nie wieder geschehen, wie sie zwischen 1933 und 1945 von deutschem Boden aus begangen worden sind.
Diese Rede
Diese Ansprache hielt Navid Kermani am 5. Oktober in Berlin aus Anlass der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes. Es ist ungewöhnlich für die taz, so eine Rede – mit freundlicher Genehmigung des Verfassers – abzudrucken, aber es ist auch eine ungewöhnliche Verleihung. Man kann sagen, dass auf dieser Veranstaltung die Zivilgesellschaft und die kritische Öffentlichkeit geehrt wurde, und das ist in den aktuellen Zeiten doch bemerkenswert.
Neben Kermani wurden Thomas Beyer, Till Brönner, Angelina Burdyk, Daniela Danz, Karamba Diaby, Annette Dittert, Tova Friedman und Aron Goodman, Nariman Hammouti, Gudrun Heinrich, Jagoda Marinić, Nana Mouskouri, Ruprecht Polenz, Manja Präkels, Gerald Richter, Georg Graf von Waldersee, Marina Weisband, Eva Welskop-Deffaa sowie Evelyn Zupke ausgezeichnet.
Navid Kermani ist Schriftsteller und lebt in Köln. Viele Bücher, Reportagen, Preise, Reden. In diesem Jahr erschienen von ihm der Roman „Sommer 24“ (Hanser Verlag) sowie der Band „Köln. E Jeföhl“ (C.H. Beck).
Das ist für mich, der nicht als Deutscher geboren ist, der wichtigste Grund, warum ich stolz bin, Bürger der Bundesrepublik geworden zu sein: dass dieser Staat nicht die Augen vor seiner Vergangenheit schließt. Dass er anders als sein Vorgänger die Würde eines jeden Menschen schützt oder jedenfalls zu schützen gelobt, ungeachtet seiner Religion, Herkunft, sexuellen Neigung oder Nationalität. Dass er den Rassismus und insbesondere den Antisemitismus bekämpft.
Voller Sorge gesagt
Allein, dass Frau Tova Friedman heute unter uns ist, dass wir ihre bewegenden und mahnenden Worte gehört haben und hoffentlich noch oft hören werden, dass wir als Deutsche neben ihr stehen – allein schon das: So grausam und tatsächlich auch unverzeihlich alles ist, was Frau Friedman, ihrer Familie und sechs Millionen ermordeten Juden angetan worden ist, so beglückend ist es, nein, wahrscheinlich gar nicht sosehr für sie, ist es für uns, für unser Land, dass sie soeben das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen hat.
Darin liegt alles, was dieses heutige Deutschland im Guten ausmacht: dass es sich seiner Verbrechen erinnert und seine Opfer ehrt. Einzig die Erinnerung macht Versöhnung möglich. Aber in der Erinnerung liegt auch eine Verpflichtung für die Gegenwart.
Ich sage das natürlich voller Sorge. Wir alle, meine Damen und Herren, wir sehen die Entwicklung, das Wiederaufflammen des Antisemitismus in linken, rechten und muslimischen Milieus, das Erstarken einer Partei, die sich offen gegen die sogenannte Erinnerungskultur stellt und das Denkmal für die ermordeten Juden in der historischen Mitte Berlins für eine Schande hält.
Froh und demütig
Aber ich sage es auch als Ansporn: dass wir noch mehr tun für unser Land. Es wird in absehbarer Zeit keine Überlebenden des Holocausts mehr geben. Dann wird es uns aufgetragen sein, uns auch nicht mehr ganz Jungen, die Erinnerung an die nachfolgenden Generationen weiter zu geben. Und niemals dürfen wir uns damit abfinden, dass Synagogen in Deutschland heute Hochsicherheitstrakten gleichen und Juden wieder Angst haben müssen, wenn sie auf der Straße als Juden erkennbar sind. Das Bundesverdienstkreuz wird uns darin bestärken, uns noch beherzter für ein offenes, demokratisches und rechtsstaatliches Deutschland einzusetzen, das gleich wo auf der Welt für die Würde eines jeden Menschen einsteht.
Wir wissen, es ist noch viel zu tun, um den Auftrag des Grundgesetzes zu erfüllen. Die Missstände, die Ungerechtigkeiten, die Rechtsbrüche sind nicht zu übersehen und nehmen eher zu. Deutschland wird international nicht mehr als Motor der europäischen Einigung und Verfechter des Völkerrechts wahrgenommen. Aber wir wissen auch, es lohnt sich, denn es ist ein wunderbarer Flecken Erde, der unsere Heimat ist. Wir danken dem Bundespräsidenten, und wir danken der Bundesrepublik Deutschland für diese besondere Auszeichnung, die uns froh, aber vor allem demütig macht.
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