Huthi-Miliz im Jemen: Jemenitische Armee nur ein Papiertiger

Wie konnten die Huthi-Rebellen so schnell im Jemen vorrücken? Analysten gehen von Verrat aus. Und 80 Prozent der jemenitischen Armee soll nur auf dem Papier existieren.
Foto: Yahya Arhab/ep
Innerhalb von nur einer Woche hat die von Iran unterstützte Huthi-Miliz im Jemen mehrere strategisch wichtige Punkte eingenommen: Entlang der ans Rote Meer grenzenden Westküste nahmen sie erst die Stadt Mokka ein und zogen dann weiter Richtung Süden. Letztlich nahmen sie die Insel Mayyun, auch Perim genannt, ein, was ihnen die Kontrolle der Meerenge Bab al-Mandab ermöglicht.
Huthi-Sprecher Jahja Saree erklärte, die Gruppe habe im Jemen sechs Bezirke mit einer Fläche von mehr als 5.000 Quadratkilometern eingenommen. Seine Streitkräfte hätten außerdem mehrere saudische Kampfflugzeuge abgeschossen. Diese Behauptung konnte von unabhängigen Quellen bisher nicht bestätigt werden.
Wie konnte es dazu kommen?, fragen nun viele. Wie konnten die Huthi so schnell so viel Land gewinnen? Seit 2022 war der Konflikt zwischen der jemenitischen Regierung und einigen mal mehr, mal weniger regierungsnahen Milizen auf der einen Seite, sowie der Huthi-Miliz auf der anderen Seite eingefroren. Er flammte im Juli 2026 erneut auf, als die jemenitische Regierung ein Flugzeug aus dem Iran nicht landen lassen wollte. Die Regierung schwor damals, die Huthis im ganzen Land zurückdrängen zu wollen. Doch bis jetzt ist ihr das nicht gelungen, und die Huthis haben weiter die Oberhand im Land. Woran liegt das?
Da ist einmal der Verdacht eines Verrats. An den Kämpfen gegen die Huthis rund um Mokka war unter anderem die Miliz „National Resistance“ beteiligt. Diese wird kommandiert von Tareq Saleh, Neffe des Ex-Diktators Ali Abdullah Saleh. Er ist außerdem Vizepräsident des Präsidialrats im Jemen, dieser entspricht der international anerkannten Regierung. Seine Truppen galten als von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt, stehen heute aber auch Saudi-Arabien nah.
Nachdem die Huthi Mokka eingenommen hatten, reiste Saleh nach Riad. Nach Informationen der taz soll die „National Resistance“ unterwandert worden sein: Durchgesickerte Informationen über Lagerstandorte hätten es den Huthi ermöglicht, diese schnell anzugreifen. Die Kämpfer der „National Resistance“ hätten ihre Stellungen aus Angst vor einer Belagerung und Gefangennahme dann kampflos aufgegeben, heißt es aus informierten Kreisen.
Ein weiterer Grund für den schnellen Vormarsch der Huthi: Die jemenitische Armee soll ein Papiertiger gewesen sein. Nach einem Bericht des Senders CNN rückten die Kämpfer der Huthi am Donnerstag in Mokka ein – und fanden kaum jemenitische Soldaten vor. Die Truppen seien stark dezimiert gewesen, ihre Ränge voll mit „Geistern“, die zwar Gehälter bekämen, aber nicht vor Ort im Dienst seien. 80 Prozent der jemenitischen Armee gebe es nur auf dem Papier, so eine Quelle zu CNN.
Auch vonseiten der Milizen mangelte es wohl an Manpower. Das hat mit einem Konflikt zwischen den von Saudi-Arabien unterstützten regierungstreuen Truppen und den von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützten separatistischen Milizen in diesem Winter zu tun, die gern wieder einen in Nord und Süd geteilten Jemen sehen würden. Um diesen Konflikt beizulegen, zogen die Emirate ihre Truppen ab, ließen Basen und Baracken im Südwesten des Landes zurück. Saudi-Arabien füllte diese Leerstelle Berichten zufolge nicht wieder auf.
Und nun? Der Brigadegeneral Mohammed al-Kumaim, ein Berater des jemenitischen Verteidigungsministers, bezeichnet die Geländegewinne der Huthi als „Neupositionierung“ und nicht als Niederlage. Die Regierungskräfte haben außerdem am Freitag eine Gegenoffensive gestartet, in einem als „Kill Box“ bezeichneten Gebiet an der Straße südlich von Mokka. Inoffiziellen Angaben zufolge wurden dort innerhalb der vergangenen beiden Tage über 500 Huthi-Kämpfer getötet. Mehr als 46.000 Menschen mussten aus dem Kampfgebiet flüchten.
Am späten Sonntag meldete der Analyst Mohammad Al-Basha einen neuen Stand: Die Huthi seien nicht mehr in der Lage, eine wirksame Kontrolle über die Meerenge von Bab al-Mandab auszuüben; sie hätten begonnen, ihre Truppen aus dem Gebiet abzuziehen. Die Regierungstruppen hätten das Gebiet zwar noch nicht vollständig gesichert, doch durch Unterstützung der Truppen aus der Luft sei es „den Huthi-Kräften effektiv unmöglich gemacht worden, sich in diesem Gebiet aufzuhalten“. „Weitere Einzelheiten folgen“, schreibt er. Die Schlacht ist noch nicht vorbei.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
Chaos im Jemen Die blutige Rückkehr der Huthis
Seit Jahren schwelt ein gewaltsamer Konflikt im Jemen. Regierungstruppen und Huthi-Miliz liefern sich erbitterte Kämpfe. Eine Lösung ist nicht in Sicht.
Von Lisa Schneider und Najm Aldain Qasem
Ölpreis über 100 Dollar Alternative Routen, weniger Nachfrage
Der Ölpreis steigt weniger explosiv als befürchtet, auch weil verschiedene Länder Lieferengpässe ausgleichen. Doch die Spritpreise ziehen weltweit an.
10 Ausgaben für 10 Euro
Die Wochenzeitung mit taz-Blick
Wir schauen den Superreichen auf die Finger. Unsere wochentaz bietet jeden Samstag Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die woanders nicht gehört werden.
- Jeden Samstag als gedruckte Zeitung frei Haus
- Zusätzlich digitale Ausgabe inkl. Vorlesefunktion
Jetzt kennenlernen
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.