Geschichte in Nigeria – Mit dem Scanner gegen das Vergessen

Ein Bürogebäude in Lagos, fünfter Stock. Draussen hupt und rauscht die Millionenmetropole. Drinnen, in einem schummrigen Raum, summt es leise elektronisch.
Das Geräusch stammt von einem Scanner, fast zwei Meter hoch. Daneben steht Kehinde Oni-Ajayi. Sie legt eine alte Ausgabe des «Spear» auf die Glasfläche, publiziert 1971, scannt, blättert weiter, scannt. Dass diese Nummer des einstigen Nachrichtenmagazins über fünfzig Jahre alt ist, ist ihr anzusehen: angerissene Seiten, vermoderte Ecken.
Solche jahrzehntealten Publikationen fand man in Nigeria bisher nur in wenigen Bibliotheken – wenn überhaupt. Oni-Ajayi und ihr Team wollen das ändern. «Ich will, dass diese Zeitungen zugänglich sind», sagt sie. «Dass die Leute Dinge sehen können, die sie noch nie gesehen haben.»
Mehr als ein Archiv
Ist eine Ausgabe eingescannt, trägt sie die Angaben von Hand in eine Maske ein: Titel, Datum, Schlagworte. So landen Zeitungen und Zeitschriften im frei zugänglichen Digitalarchiv von «archivi.ng» – dem ersten digitalen Medienarchiv des Landes.
Für die Archivarin ist das mehr als Fleissarbeit. Wer wisse, woher er komme, verstehe auch besser, wer er sei, sagt sie. Das gelte politisch – und persönlich. «Es kamen Leute, die im Archiv ihren Vater gefunden haben. Oder ihren Grossvater.»
Ein Fach kehrt zurück
Genau dieses Wissen aber spielte an Nigerias Schulen lange keine Rolle. 2009 wurde das Fach Geschichte aus dem Lehrplan gestrichen – trotz vielstimmiger Kritik. Erst seit dem vergangenen Schuljahr wird es wieder eigenständig unterrichtet.
Dass die damalige Kritik berechtigt war, findet inzwischen auch Bildungsminister Tunji Alausa. Es gebe heute 30-Jährige ohne jeden Bezug zur eigenen Geschichte, sagte er vergangenes Jahr in einem nigerianischen Fernsehsender – das sei weltweit einmalig.
Von der Wiedereinführung dürfte «archivi.ng» profitieren. Denn das Archiv ist mehr als eine Sammlung alter Seiten: Ein Team von Journalistinnen und Journalisten durchsucht es nach Geschichten und setzt sie als Podcasts oder Videos um. Was bis vor Kurzem nur auf vermodertem Papier stand, findet so vielleicht sogar den Weg zurück ins Klassenzimmer.
Letzte Kopien
Im Nebenraum des Büros stapeln sich Zeitungen und Magazine zu Dutzenden kleinen Türmen. Eine Spende eines Museums, vor wenigen Tagen eingetroffen, erzählt Oni-Ajayi. Man habe alles zuerst begasen müssen, gegen die Termiten.
Die abertausenden Seiten zu scannen, wird viel Arbeit. Oni-Ajayi freut sich trotzdem. Vermutlich, sagt sie, seien Ausgaben darunter, von denen es sonst keine Kopie mehr gebe. «Ich bin sehr aufgeregt, mich da reinzustürzen.»
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.