Roman über Sterbehilfe – «In die Schweiz»: Wenn das Reiseziel das Ende ist

Das neue Buch von US-Star-Autorin Emma Cline steht derzeit sogar im Shop des Zürcher Landesmuseums an der Kasse. Kein Wunder – bei dem Titel «In die Schweiz». Allerdings handelt es nicht von alpinen Bergbesteigungen, Skitouren unter strahlend blauem Himmel oder Schifffahrten über den Genfersee. Es handelt von einer Reise, deren Ziel es ist, zu sterben.
Hauptfigur des Romans ist David Hastings, einstiger Geschäftsmann. Ein wohlhabender US-Amerikaner Mitte 70, der an Demenz erkrankt ist.
Wirrwarr im Verstand
Einige Zeit vor der Reise, als er bei einem Test die Uhrzeit 4:13 Uhr in einen leeren Kreis einzeichnen soll, scheitert er erbärmlich. «Es war ein Wirrwarr auf der Seite und ein Wirrwarr in seinem Verstand. (…) Die Ärztin warf nur einen kurzen Blick auf seinen Versuch.»
Um selbstbestimmt ableben zu können, entscheidet sich David für eine Schweizer Sterbehilfeorganisation. Sein Motto: Man soll eine Party immer dann verlassen, wenn man sich gerade prächtig amüsiert. Danach geht es sowieso den Bach runter.
Noch spürt David das Stottern seines Gedächtnisses. Er weiss: Viel Zeit bleibt ihm nicht. Denn um so zu sterben, wie er es sich wünscht, muss er urteilsfähig sein.
Viele letzte Male
Auf seiner Reise nach Zürich (die Stadt, in der, so wird es im Buch beschrieben, nie jemand lächelt, weil alle unentwegt mit Terminen beschäftigt sind und mit «Transaktionen») legt David einen Zwischenstopp in London ein. Dort lebt seine Tochter. Sie und den Enkel will er noch einmal sehen. Die Verwandten wissen nichts von Davids Vorhaben. Die Begegnung verläuft kühl. Auch ein letztes Treffen mit einem Jugendfreund gerät nicht so, wie erhofft.
Wie ist es, sein Todesdatum zu kennen? Zu wissen, dass man etwas das allerletzte Mal tut? Um diese Fragen kreist der Roman in vielen Gedankenmosaiken.
Buchhinweis
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Emma Cline: «In die Schweiz». Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. 384 Seiten. Hanser-Verlag, 2026.
Emma Cline hat sich für eine personale Erzählweise entschieden. Beim Lesen nimmt man also Davids Perspektive ein. Manchmal blickt man tief in seine Gedanken. Oft muss man ihm aber auch hilflos dabei zuschauen, wie er auf dem Hotelgang umherirrt, wie er sich im Wintermantel an den Pool setzt und im Schlafanzug an die Bar.
Emma Clines steile Karriere
Emma Cline ist derzeit eine der gefeiertsten US-Autorinnen. Der Durchbruch gelang ihr vor zehn Jahren mit «The Girls», einem Roman, der von einer mordenden Hippie-Sekte erzählt. Für das Buch soll Cline einen Vorschuss von zwei Millionen US-Dollar erhalten haben – und das als Debütantin. «The Girls» wurde zum Bestseller. Es folgten der Erzählband «Daddy» und der ebenfalls hochgelobte Roman «Die Einladung».
Mit dem neuen Roman «In die Schweiz» wird Emma Cline ihren Ruf als Ausnahmetalent festigen. Denn für diese letzten Tage im Leben von David Hastings hat sie eine beeindruckende Sprache gefunden, eine beinahe hypnotische. Zart und zugleich hart.
Bittersüsser Abschied
Am Ende darf David in Zürich sterben. So, wie er es sich gewünscht hat. Das ist kein Spoiler. Denn das Buch lebt von Clines Beschreibungen. Von den fragmentarisch-assoziativen Gedanken Davids auf dieser Abschiedsreise.
Das Sterbemedikament wird bitter schmecken. Vorher bekommt David deshalb ein Stück Schweizer Schokolade.
Suizidgedanken? Hier finden Sie Hilfe
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Erwachsene: Dargebotene Hand/Sorgentelefon
- Telefon (rund um die Uhr): 143
- Mail und Chat: www.143.ch
Kinder und Jugendliche: Pro Juventute
- Telefon (rund um die Uhr): 147
- Mail und Whatsapp: www.147.ch
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