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Thursday, September 10, 2026

Verlorene Generation? : Wie stark KI Berufseinsteiger unter Druck setzt

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Verlorene Generation? Wie stark KI Berufseinsteiger unter Druck setzt 

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Nicht nur der Umgang mit KI, sondern auch kritisches Denken und soziale Interaktion werden wichtiger für Bewerber, sagt Arbeitsmarkt-Forscher Oliver Schlenker. (Foto: picture alliance / imageBROKER)

Besonders für junge Arbeitnehmer kann generative KI zur Konkurrenz werden. Warum sich Berufsanfänger trotzdem nicht verrückt machen sollten, wie sie mithalten können und wie ältere Beschäftigte profitieren, erklärt Arbeitsmarkt-Forscher Oliver Schlenker im Interview mit ntv.de. Er forscht am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Arbeitsagentur und am Ifo-Institut.

ntv.de: Jugendforscher Mathias Albert, Autor der Shell-Jugendstudie, sieht in der Gen Z eine "verlorene Generation". Denn durch Künstliche Intelligenz (KI) haben plötzlich auch gut ausgebildete junge Menschen Probleme auf dem Arbeitsmarkt. Wie viele Bewerber sind davon betroffen?

Oliver Schlenker: In den USA zeigt sich tatsächlich eine Beschäftigungslücke in sogenannten KI-exponierten Berufen. Die Beschäftigung der 22- bis 25-Jährigen hat sich dort seit Ende 2022 um knapp ein Fünftel schwächer entwickelt als in Bereichen, die weniger von KI betroffen sind. Das sehen wir aber in Europa so nicht, wie Studien aus Skandinavien zeigen. Wir untersuchen das gerade für Deutschland. Berufseinsteiger sind hierzulande zurzeit zwar stark von der negativen Entwicklung am Arbeitsmarkt betroffen. KI ist dabei aber nur ein Grund von vielen, der größte ist die Rezession. Eine Rolle spielt zum Beispiel auch, dass in klassischen Akademikerberufen inzwischen viel von zu Hause aus gearbeitet wird. Das kann die Betreuung und das informelle Lernen von Nachwuchskräften erschweren und dazu beitragen, dass Arbeitgeber eher erfahrene Beschäftigte einstellen.

Welche Berufe sind besonders stark von generativer KI betroffen?

Softwareentwicklung ist ganz vorn dabei, aber auch Berufe im Kundenservice und Geschäftskundenbereich, nicht nur im IT-Bereich, sondern im wissensintensiven Dienstleistungsbereich insgesamt und auch im Journalismus. Weniger betroffen sind Berufe im Bausektor und solche mit sehr viel sozialer Interaktion, klassisch in Gesundheit und Pflege.

Woher kommt die viel größere Beschäftigungslücke in den USA infolge von KI?

Das lässt sich bislang nicht eindeutig beantworten, aber ein möglicher Grund sind Unterschiede im Kündigungsschutz. In den USA können Arbeitgeber ihre Mitarbeiterzahl leichter anpassen, zum Beispiel auch durch Entlassungen. Außerdem wurden bei der Studie in den USA sehr große Betriebe untersucht und in großen Unternehmen wird KI schon stärker eingesetzt, was ebenfalls für den starken Unterschied sorgen kann.

Welche Altersgruppe genau ist von den KI-Folgen besonders betroffen?

Die Ergebnisse aus den USA beziehen sich auf die 22- bis 25-Jährigen, weil das dort ein übliches Alter für akademische Berufseinsteigerinnen und -einsteiger ist. In Deutschland wird das Studium oft später abgeschlossen.

Wie stehen mittelalte und ältere Arbeitnehmer im Vergleich dazu da?

Ihre Beschäftigung entwickelt sich Vergleich zu den Jüngeren stabiler. Ältere Beschäftigte sind viel weniger von der Rezession betroffen, da die aktuelle wirtschaftliche Schwäche vor allem über weniger Neueinstellungen wirkt und bestehende Beschäftigungsverhältnisse stabiler sind. Zweitens wird mit dem Vormarsch von KI ihre Erfahrung eher wertvoller. Sie können Routineaufgaben an die KI auslagern und deren Ergebnisse gut prüfen, weil sie wissen, was herauskommen sollte.

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Oliver Schlenker forscht unter anderem zu Berufen in der Transformation. (Foto: Ines Janas)

Können Sie eine große Verunsicherung unter den jungen Bewerbern, Auszubildenden, Studierenden und Arbeitnehmern bestätigen? Jugendforscher Albert spricht von "Apathie, Polarisierung und Perspektivlosigkeit".

Die Sinus-Jugendstudie der Barmer Krankenkasse hat zwar ergeben, dass KI einem Fünftel der Jugendlichen große Zukunftssorgen macht. Im Vergleich zu anderen Ursachen belegt KI dabei aber einen der letzten Plätze. Kriege zum Beispiel machen dreimal so vielen Jugendlichen große Sorgen. Man muss die Ängste vor KI ernst nehmen und sie nehmen auch zu, aber ich würde auch die Chancen dagegenhalten. Der Großteil der KI-Nutzung geht bisher von den Beschäftigten selbst aus, nicht von den Unternehmen. Außerdem müssen Betriebe international wettbewerbsfähig bleiben - ohne KI-Nutzung stünden irgendwann vielleicht ganze Branchen auf dem Spiel. KI sollte deshalb dort gezielt eingeführt werden, wo sie einen Mehrwert bietet. Ihre Folgen sind kein Schicksal, sondern hängen davon ab, wie sie eingeführt wird.

Was lässt sich dabei aus der Vergangenheit lernen, als andere technische Entwicklungen Berufsaussichten auf den Kopf stellten?

Bei der robotischen Automatisierung haben wir gesehen, dass betriebliche Mitbestimmung dafür sorgen kann, die negativen Konsequenzen für die Beschäftigten abzumildern, ohne dass die Produktivität darunter leiden muss - im Gegenteil. Wenn etwa Routinetätigkeiten am Fließband wegfallen, können betroffene Beschäftigte mit der notwendigen Weiterbildung die Roboter bedienen, die ihre ursprünglichen Aufgaben übernommen haben. Dafür braucht es allerdings neben neuen Fähigkeiten auch die Einbeziehung der Beschäftigten.

Negative Konsequenzen wie Jobverluste werden auf diese Weise abgemildert, allerdings nicht verhindert. Was spricht aus Arbeitnehmersicht trotzdem für die Einführung von KI?

Eine koordinierte Einführung kann Beschäftigten genauso helfen wie den Unternehmen. Die Digitalisierung kann zu Termin- und Leistungsdruck führen, wodurch bei manchen Beschäftigtengruppen auch die Zahl der Krankheitstage zunimmt. Wenn einzelne Mitarbeiter KI auf eigene Faust einführen und damit zum Beispiel einen zumindest auf den ersten Blick perfekt wirkenden Bericht innerhalb von Stunden statt Wochen erstellen, kann dies möglicherweise mehr zusätzlichen Druck innerhalb eines Teams erzeugen als eine geordnete Einführung durch den Arbeitgeber.

Wer sind die Gewinner des Siegeszugs generativer KI?

Besonders profitieren können Beschäftigte, deren Arbeit durch KI ergänzt wird und die KI-generierte Ergebnisse zuverlässig beurteilen können. Das sind mutmaßlich eher Experten mit einem hohen Level an Fachwissen und Erfahrung. Sie können etwa mithilfe von KI-Agenten, deren Ergebnisse sie prüfen, viel produktiver werden. Unter Druck geraten könnten dagegen standardisierte digitale Routinetätigkeiten, etwa bestimmte einfache Schreib-, Programmier- oder Bildproduktionsaufgaben. Aber wie bei früheren Technologien werden in der Regel Tätigkeiten und kein ganzer Beruf ersetzt. Manche Berufe werden sich allerdings stark wandeln - und neue Berufe entstehen.

Wie sollten "Verlierer" der Entwicklung am besten damit umgehen?

Künftig wird immer stärker die Frage sein, was mein "Unique Selling Point" gegenüber KI ist: Welche Fähigkeiten kann ich einbringen, die über die Erledigung kognitiver Routinetätigkeiten hinausgehen? Dabei hilft es sicherlich, zu zeigen, dass man nicht nur Fachwissen, sondern auch die Fähigkeit hat, gut mit KI arbeiten zu können. Stark KI-exponierte Berufe wie Juristen, Wissenschaftler und Journalisten zum Beispiel können durch den richtigen Einsatz von KI viel produktiver werden. Und natürlich sind auch ergänzende Fähigkeiten gefragt, zum Beispiel, ob ich im Gerichtssaal gut argumentieren kann.

Wie können Berufsanfänger überhaupt noch Erfahrung sammeln, wenn bisherige Einstiegsjobs wegfallen?

Das Monitoring von KI wird wichtiger: zu wissen, was KI macht, aber auch die Expertise erlangen, die Ergebnisse so schnell wie möglich prüfen zu können. Kritisches Denken wird also meines Erachtens wichtiger, ebenso soziale Interaktion. Man muss wie gesagt weg von leicht automatisierbaren kognitiven Routinetätigkeiten kommen. Das ist natürlich für Individuen unterschiedlich schwierig. Es entsteht daher ein ganz neuer Bildungsbedarf, auch für die Arbeitgeber. Unternehmen müssen Einstiegsstellen so gestalten, dass junge Beschäftigte trotz KI praktische Erfahrung sammeln können - etwa durch Mentoring, regelmäßiges Feedback und schrittweise wachsende Verantwortung. Ein großes Hemmnis ist, dass vielen Beschäftigten noch die nötigen digitalen Fähigkeiten fehlen.

Einige Schulabgänger werden versuchen, mit einer "handfesten Ausbildung" wie zum Beispiel im Handwerk auf Nummer sicher zu gehen, nicht durch KI ersetzt zu werden. Zeichnet sich ein solcher Trend ab?

Ein Handwerksboom ist bisher nicht erkennbar, auch wenn es eine leichte Verschiebung innerhalb der dualen Ausbildung ins Handwerk gibt. Allerdings stand der Bausektor nun auch jahrelang unter Druck; welche Rolle KI spielt, muss sich also noch zeigen. Wer mit Technologie nichts am Hut hat und auch künftig nichts zu tun haben will, etwa in Form von lebenslangem Lernen, wird sich erst recht überlegen, in einen sozialen oder Handwerksberuf zu gehen. Aber dass diese Berufe nicht auch digitaler werden oder gar "sicher" vor KI sind, würde ich nicht sagen. Und KI bietet die große Chance, dass Routineaufgaben wegfallen, die nicht unbedingt Spaß machen.

In den vergangenen Jahren wuchs in den "handfesten" Berufen der Fachkräftemangel. Ist generative KI hier eine hilfreiche Lösung, zumindest für einen Teil der Lücke?

Ja, in der Pflege kann Technologie Beschäftigte insbesondere bei administrativen Tätigkeiten wie der Dokumentation entlasten. Auch im öffentlichen Dienst besteht großes Potenzial, Prozesse mithilfe von KI zu verschlanken. Wo Fachkräftemangel herrscht, sehen Arbeitgeber KI teils als große Chance.

Auch im Bewerbungsprozess nutzen Arbeitgeber zunehmend KI. Wie wirkt sich das auf die Chancen von Bewerbern aus?

KI kann zu mehr Voreingenommenheit führen, das ist eine große Sorge. Eine solche Verzerrung hängt sehr davon ab, wie stark Menschen in den Auswahlprozess eingebunden werden. Bewerbungen sind außerdem ein Beispiel dafür, dass KI immer neuen Bedarf an KI schaffen kann: Generative KI senkt den Aufwand für Bewerbungen und kann deshalb dazu führen, dass sich Menschen auf mehr Stellen bewerben. Unternehmen müssen dann mehr Bewerbungen prüfen und könnten ihrerseits häufiger KI zur Vorauswahl einsetzen. Ähnlich denkbar an Gerichten, wo es erste Hinweise auf einen starken Anstieg KI-unterstützter Klagen gibt. Das ist paradox, wird sich aber noch verschieben, wenn die KI-Nutzung teurer wird. Aktuell ist diese ja noch günstig.

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