Crack-Krise in Yverdon – Weniger Dealer, mehr Verzweiflung: Yverdon kämpft mit Crack

In der Boucherie Robellaz, einer Metzgerei in der Altstadt von Yverdon-les-Bains, werden seit über hundert Jahren Waadtländer Pasteten und Saucissons verkauft. Und man plaudert. In letzter Zeit drehe sich ein grosser Teil der Gespräche um die Crack-Süchtigen, sagt Metzger Jean-Louis Robellaz. «Das Drogenproblem schafft ein Gefühl der Unsicherheit. Vor allem ältere Menschen haben Angst.» Darunter leide auch sein Geschäft.
Vor zwei Jahren hatte sich die Drogenszene rund um den Bahnhof innerhalb weniger Wochen verdreifacht. Inzwischen hat sich die Lage dort stabilisiert. Die Zahl der Dealer habe sich etwa halbiert, sagt Marc Dumartheray, Kommandant der Polizei Nord Vaudois.
Auch die Zahl der Süchtigen sei heute stabil, sagt Christian Weiler, der im Yverdoner Stadtrat für Sicherheit zuständig ist. Doch damit sei die Krise keineswegs vorbei: «Den Süchtigen geht es schlecht.» Viele vereinsamten und seien krank. Immer mehr müssten ihre Sucht mit kleineren Delikten finanzieren.
«Das Problem hat sich verlagert»
Auch im Jardin Japonais, einem kleinen Park direkt beim Bahnhof, ist die Lage ruhiger geworden. Evelyne sitzt dort mit ihrem Baby auf einer Bank. Die junge Deutschschweizerin findet, die Situation habe sich etwas verbessert, jedoch teilweise auch verlagert. «Ich finde nicht, dass das Problem damit gelöst ist.»
Der Chefarzt als Gassenarbeiter
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Die Crack-Krise ist eine immense Herausforderung für Yasser Khazaal, Chefarzt für Suchtmedizin und Professor am Unispital in Lausanne. Für Crack gibt es keinen medizinischen Ersatzstoff und es ist schwierig, mit Süchtigen in Kontakt zu treten. Darum suchen Khazaal und sein Team Betroffene auf Strassen, Plätzen und in Unterführungen. Als medizinischer Gassenarbeiter könne man Vertrauen aufbauen und Süchtige an die Uniklinik bringen, sagt der Chefarzt.
Crack-Konsumenten hätten oft andere Probleme wie eine Heroinsucht, Alkoholabhängigkeit, Herz-Kreislaufprobleme oder Entzündungen an Hals, Nase, Ohren und psychische Störungen. Wenn man diese Probleme angehe, kämen Betroffene einfacher vom Crack weg. Wichtig seien auch Verhaltenstherapien, um vom Crack abzulassen, so Khazaal.
SRF-Westschweizkorrespondent Philippe Reichen hat Chefarzt Yasser Khazzal getroffen.
Die Stadt setzt deshalb auf mehrere Massnahmen: Polizei und Repression, Prävention und Therapie – aber auch auf Unterstützung für die Süchtigen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die «Zone Bleue», eine Anlaufstelle für Menschen mit Drogenproblemen.
Marco kommt fast jeden Tag hierher. Er ist drogensüchtig und obdachlos. «Ich habe alles verloren», sagt er. In der «Zone Bleue» finde er aber etwas Würde: Essen, eine Dusche und soziale Kontakte.
Er habe versucht, mit Crack aufzuhören. Doch die Sucht sei stärker gewesen. Sein grösstes Problem sei die Perspektivlosigkeit. «Man müsste Leuten wie mir nur Arbeit geben», sagt Marco. Dann würden viele aufhören.
Gewalt setzt Helfer unter Druck
Djiallo, ebenfalls Crack-Konsument, sieht das anders. Die Sucht verändere die Menschen zu stark. Die Gewaltbereitschaft, die er in Yverdon erlebt habe, sei enorm. «Noch nie habe ich so viel Gewalt erlebt. Alles geht den Bach runter», sagt er.
Das bekommt auch das Personal der «Zone Bleue» zu spüren. Leiterin Vanessa Oguey musste die Anlaufstelle vor Kurzem wegen Todesdrohungen gegen Mitarbeitende für acht Tage schliessen. Die Gewalt habe mit der Droge zu tun, aber auch mit der Überlastung der Einrichtung. «Wir sind völlig überlastet. Zuletzt waren mehrere Mitarbeiter krankgeschrieben.»
«Crack macht uns hilflos»
Oguey fordert ein Umdenken bei der Betreuung der Süchtigen: Yverdon brauche einen Konsumraum, in dem Süchtige ihre Drogen unter medizinischer und sozialer Betreuung konsumieren könnten. Das würde die Situation beruhigen, glaubt sie. Kritiker befürchten dagegen, ein solcher Raum könnte noch mehr Süchtige nach Yverdon locken.
Für Oguey zeigt die Crack-Krise vor allem eines: Sie bringt Polizei, Justiz, Medizin und Sozialarbeit an ihre Grenzen. «Die Crack-Welle macht uns alle hilflos.»
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